Zeit 07.03.2026
21:33 Uhr

AfD in Nordrhein-Westfalen: Landeschef Martin Vincentz setzt sich im AfD-Machtkampf in NRW durch


Auf dem AfD-Parteitag in NRW hat das gemäßigte Lager einen Erfolg erzielt. Nach einem internen Machtkampf setzte sich Landeschef Vincentz gegen das völkische Lager durch.

AfD in Nordrhein-Westfalen: Landeschef Martin Vincentz setzt sich im AfD-Machtkampf in NRW durch
Der amtierende Vorsitzende der AfD Nordrhein-Westfalen , Martin Vincentz, ist erneut an die Spitze des mitgliederstärksten Landesverbands gewählt worden. Der 39-jährige Arzt erhielt auf einem Parteitag in Marl 54,7 Prozent der Stimmen. Der als eher gemäßigt geltende Vincentz setzte sich gegen den Bundestagsabgeordneten Fabian Jacobi durch, der auf 43,4 Prozent kam. Mit seiner Wiederwahl entschied Vincentz einen erbittert geführten parteiinternen Machtkampf in der AfD NRW zwischen einem verhältnismäßig moderaten und einem äußerst rechten Lager für sich. Gegen Vincentz, der den Landesverband seit 2022 anführt, wollten die von dem völkischen Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich unterstützten Fabian Jacobi und Christian Zaum kandidieren, beide ebenfalls Bundestagsabgeordnete. Die beiden hatten sich als Doppelspitze beworben, den entsprechenden Änderungsantrag zur Ablösung der Einerspitze lehnten die knapp 500 Delegierten allerdings ab. Schließlich trat Jacobi bei der Wahl zum Vorsitz allein gegen Vincentz an und unterlag. Helferich, der im vergangenen Jahr in erster Instanz aus der Partei ausgeschlossen worden war, musste damit eine Niederlage hinnehmen. Seit Monaten schon liefert er sich einen teilweise schmutzig geführten Machtkampf mit Vincentz. Sein Ziel war es, den Landeschef in Marl zu stürzen. Helferich selbst war bei der Wahl nicht anwesend. Der Landesvorstand hatte ihm in einem Beschluss kurzfristig ein Betretungsverbot für den Parteitag erteilt. "Wir wollen keine Verrückten" Der Abstimmung war eine mehrstündige, zum Teil heftig geführte Debatte vorausgegangen. Dabei ging es vor allem um den Umgang der Parteiführung mit dem Abgeordneten Klaus Esser, gegen den die Staatsanwaltschaft Aachen wegen Urkundenfälschung und Titelmissbrauch ermittelt. Der Vincentz-Vertraute Esser soll sein Staatsexamen in Jura gefälscht und sich zudem bei seiner Bewerbung um einen Posten bei der AfD als Jurist ausgegeben haben. Esser bestreitet die Vorwürfe. Auch gegen ihn läuft ein Parteiausschlussverfahren. In Marl warfen Kritiker Vincentz vor, sich schützend vor seinen Parteifreund zu stellen, statt die Angelegenheit transparent aufzuklären. Auf offener Bühne überzogen sich die Mitglieder des zerstrittenen Landesvorstands gegenseitig mit Lügen- und Vertuschungsvorwürfen. Es gab Buhrufe und laute Pfiffe. Auch die Delegierten der neuen Jugendorganisation Generation Deutschland (GD), die sich geschlossen hinter Helferich versammelt hatten, attackierten Vincentz deutlich. Sie warfen ihm vor, sich nicht ausreichend für die Jugend einzusetzen, und sie beschwerten sich darüber, dass er die Jugendorganisation als einen "schwarzen Block von rechts" bezeichnet habe. "Du bist nicht die AfD", sagte ein GD-Mitglied. Vincentz war sichtlich aufgebracht. "Wir lassen uns das hier nicht kaputtmachen", rief er in den Saal, "wir wollen nicht irgendwelche Verrückten von rechts." Der Landesverfassungsschutz NRW hatte die Generation Deutschland tags zuvor als rechtsextremistischen Verdachtsfall eingestuft. Nach der Debatte kam es zu einer halbstündigen Unterbrechung. Hinter den Kulissen sollte noch einmal eine Konsenslösung für die Vorstandswahlen zwischen den Lagern verhandelt werden. Die führenden Köpfe zogen sich in einen separaten Raum zurück, im Eventzentrum Marl wurde es hektisch, kleine Gruppen bildeten sich, es wurde heftig gestikuliert. Im Saal hatte kaum jemand Zweifel, dass Helferich versuchte, aus der Ferne via Handy seine Abgesandten zu instruieren und somit Einfluss auf die Gespräche zu nehmen. Zunächst aber scheiterten die Bemühungen beider Seiten. "Jetzt kommt es zur offenen Feldschlacht", sagte ein Mitglied der Parteiführung resigniert. Es kam dann zunächst zur Kampfabstimmung zwischen Vincentz und Jacobi, aus der der Landeschef knapp als Sieger hervorging. Aber schon der darauffolgende Wahlgang zum ersten Stellvertreterposten endete mit einem Patt. Dann kam die Wende. Erneut steckten die beiden Lager ihre Köpfe zusammen und einigten sich nach Informationen der ZEIT dann doch noch auf einen Deal: Sieben Vorstandsposten sollte das Vincentz-Lager erhalten, fünf die Helferich-Unterstützer. Um die Mehrheiten zu garantieren, traten die jeweiligen Bewerber ohne Gegenkandidaten an. Christian Zaum, der ursprünglich für die Doppelspitze vorgesehen war, wurde nun zum ersten Stellvertreter gewählt. Helferich konnte einen weiteren Erfolg verbuchen: Sein Büroleiter Tim Csehan wurde mit knapp 59 Prozent zu einem der Beisitzer gewählt. Seine Kandidatur kam für viele überraschend, war aber offenbar ebenfalls Teil der Einigung. Ein Delegierter sagte: "Damit sitzt Helferich jetzt quasi selbst im Landesvorstand." Fabian Jacobi dagegen ging am Ende leer aus. Er wird somit aus der Parteiführung ausscheiden. Die Wiederwahl von Vincentz könnte durchaus auch Auswirkungen auf die Stimmung der Parteispitze in Berlin haben. Als größter Landesverband hat NRW allein durch seine Anzahl von Delegierten auch erheblichen Einfluss auf die Machtarithmetik im Bund. Vincentz gilt als wichtiger Unterstützer von Parteichef Tino Chrupalla. Die Co-Vorsitzende Alice Weidel wiederum hatte sich zuletzt insbesondere wegen der Causa Esser kritisch über die Führung des NRW-Landesverbands geäußert. Zudem hatte sie sich immer wieder an der Seite von Helferich-Sympathisanten gezeigt. Während Chrupalla allerdings auf einen Auftritt in Marl verzichtete, sprach Weidel zu Beginn des Parteitags auf der Bühne ein kurzes Grußwort. Dabei konnte sie sich eine Spitze gegen Vincentz nicht verkneifen. Sie hoffe, dass der Landesverband alle einbinde, die sich "hier engagieren wollen", eine Anspielung auf das von Vincentz initiierte Parteiausschlussverfahren gegen Helferich. Und noch ein Satz dürfte dem NRW-Landeschef kaum gefallen haben. "Wir stehen voll hinter der Generation Deutschland", rief Weidel in den Saal. Die Einstufung der GD zum Verdachtsfall durch den Verfassungsschutz sei an "Lächerlichkeit nicht zu überbieten" und nur "ein weiterer Orden, den man sich ans Revers heften kann". Der Sieg von Vincentz im Kampf um die Landesspitze in NRW ist somit auch eine kleine Niederlage für die Parteichefin in Berlin.