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13.01.2026
16:49 Uhr
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Innenminister Alexander Dobrindt und seine EU-Amtskollegen wollen abgelehnte Asylbewerber außerhalb Europas unterbringen. Kann das Vorhaben eine Asylwende einleiten?

Jahrelang wurde erbittert darüber gestritten, nun könnte das Vorhaben 2026 erstmals Realität werden: Abschiebezentren für Migranten außerhalb der EU. Im Dezember einigten sich Unterhändler der Mitgliedsländer und des Europaparlaments auf die Rechtsgrundlage für sogenannte Return Hubs: Staaten also, in die abgelehnte, ausreisepflichtige Asylbewerber aus Europa abgeschoben werden sollen – etwa in Ostafrika. Doch kann das Vorhaben tatsächlich die Asylwende einleiten, die die Union ihren Wählern versprochen hat? Die Meinungen dazu gehen auseinander – nicht nur unter Migrationsexperten, sondern auch innerhalb der schwarz-roten Koalition. Dabei gilt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) als einer der wichtigen Antreiber der Idee. Ausgangslage ist Europas Bilanz bei Abschiebungen: Nur 27 Prozent aller abgelehnten Asylbewerber wurden in den ersten drei Quartalen 2025 aus der EU in ihr Herkunftsland zurückgeführt. Ein häufiger Grund: Das zuständige Land will seine Staatsbürger nicht zurücknehmen oder erschwert die Voraussetzungen, etwa bei der Ausstellung von Reisedokumenten. Bislang führt das dazu, dass die betroffenen Migranten einfach in Europa bleiben. In Deutschland leben nach Angaben des Bundesinnenministeriums mehr als 132.000 ausreisepflichtige Personen, bei denen ein Asylstatus rechtskräftig abgelehnt wurde. Dobrindt und seine EU-Amtskollegen wollen nun die Abschiebung in einen sicheren Drittstaat ermöglichen, idealerweise in der Nähe des Herkunftslandes. Von dort könnten die Migranten dann entweder abgeschoben werden, langfristig bleiben oder freiwillig in ihr Heimatland zurückkehren. Uganda vereint mehrere Vorteile Bislang scheiterten Abschiebungen in einen Drittstaat an einer rechtlichen Vorgabe: Menschen durften nach EU-Recht nur in ein Land gebracht werden, zu dem sie eine Verbindung haben – etwa, weil sie dort zwischenzeitlich gelebt oder Familienangehörige vor Ort haben. Für dieses sogenannte Verbindungselement hatte sich die Ampelregierung eingesetzt, nun wurde es auf europäischer Ebene im Dezember gekippt. Der formale Beschluss soll zeitnah erfolgen. Nach einem Bericht der Bild -Zeitung von Mitte Dezember gibt es innerhalb der Bundesregierung schon erste Vorstellungen, mit welchen Ländern kooperiert werden könnte: etwa mit Uganda oder Tunesien. Ein Sprecher des Innenministeriums will das auf ZEIT-Anfrage weder bestätigen noch dementieren, man befinde sich derzeit "in einem Prozess, um Return Hubs errichten zu können", heißt es. Innenminister Dobrindt sagte vergangene Woche der Deutschen Welle, man wolle sich "in den nächsten Wochen darauf verständigen, mit welchem Land außerhalb der Europäischen Union man als Erstes in ein Gespräch" für die Errichtung eines Return Hubs gehe. Uganda wäre jedenfalls keine Überraschung. Die niederländische Regierung hat bereits Ende September mit dem ostafrikanischen Land eine Absichtserklärung zum Bau eines Return Hubs unterzeichnet. Medienberichten zufolge erwägt auch Österreich eine Zusammenarbeit. Das Land vereint aus Sicht der Befürworter mehrere Vorteile: Es liegt auf dem Kontinent, aus dem viele Menschen in die EU flüchten, und ist zugleich weit genug von Europa entfernt. Außerdem braucht es Geld und internationale Anerkennung. Abschreckung für abgelehnte Asylbewerber In der Unionsfraktion verspricht man sich von dem Projekt auch einen Abschreckungseffekt. "Wenn ausreisepflichtige Menschen in Deutschland wissen, dass sie in einen Drittstaat außerhalb Europas abgeschoben werden könnten, verlassen sie lieber freiwillig das Land oder widersetzen sich zumindest nicht mehr der Abschiebung in ihr Heimatland", sagt Alexander Throm, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, im Gespräch mit der ZEIT. Wie nachhaltig dieser Abschreckungseffekt tatsächlich wäre, ist allerdings offen. Migrationsforscher gehen davon aus, dass in den Return Hubs nur eine geringe Zahl von Menschen untergebracht werden könnte. "Ich gehe nicht davon aus, dass pro Jahr mehr als 1.000 Menschen aus allen europäischen Ländern zusammen dorthin geschickt werden könnten", sagt Daniel Thym, Inhaber der Professur für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Konstanz. "Die Aufnahmeländer dürften weder Interesse noch Kapazität haben, mehr Menschen bei sich aufzunehmen." Trotzdem sei der Schritt aus seiner Sicht richtig. Return Hubs seien ein klares Signal an die eigene Bevölkerung und die Asylbewerber, dass die Regierung die "Rechtspflicht ernst nimmt, dass ausreisepflichtige Personen das Land auch verlassen". Doch unter welchen Bedingungen würden Migranten in Ländern wie Uganda überhaupt untergebracht werden? Der Staat wird autoritär regiert und gehört, gemessen am durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit 1,8 Millionen Flüchtlingen ist es schon jetzt das größte Flüchtlingsaufnahmeland Afrikas und eines der größten weltweit. Homosexuellen etwa drohen dort brutale Strafen. SPD-Fraktion sieht Return Hubs kritisch "Es muss vertraglich abgesichert werden, dass die Menschen vor Ort menschenwürdig behandelt werden", sagt CDU-Innenpolitiker Throm. Dafür würden Deutschland und weitere EU-Staaten "selbstverständlich die Kosten übernehmen". Der finanzielle Aufwand, so Throm, würde immerhin deutlich geringer ausfallen, als wenn die Menschen langfristig in Deutschland blieben. Migrationsforscherin Judith Kohlenberger ist skeptisch, ob die Einhaltung von Menschenrechten vor Ort gewährleistet werden kann. "Wenn schon die Einhaltung menschenrechtlicher Standards in EU-Ländern wie Ungarn und Griechenland nicht gelingt, wie soll das dann in einem weit entfernten Land in Afrika funktionieren?", sagt Kohlenberger, die in Wien das Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM) leitet. Zweifel kommen auch aus der SPD-Fraktion. "Ich sehe den Aufbau von Return Hubs in Drittstaaten kritisch", sagt SPD-Vize Sonja Eichwede der ZEIT. Es sei dennoch richtig, dass sich die Bundesregierung in den europäischen Verhandlungen für menschenrechtliche Standards eingesetzt hat. "Allerdings fällt mir kaum ein Land außerhalb Europas ein, in dem diese Standards auch tatsächlich gewährleistet werden könnten." Zudem dürften die Kosten nicht größer als der Nutzen sein. "Es darf in keinem Fall dazu kommen, dass enorm hohe Summen an autoritäre Regime gezahlt werden, um eine kleine Gruppe von Menschen außer Landes zu bringen", sagt Eichwede. Am Ende würde dies die Probleme nicht lösen, sondern eine spaltende Debatte befeuern.