Zeit 07.08.2026
14:39 Uhr

(+) Zümrüt Gülbay-Peischard: »Mich macht es wahnsinnig, wenn Studierende ihr Potenzial verschenken«


Die Juraprofessorin Zümrüt Gülbay-Peischard beschwert sich auf Instagram über faule und mittelmäßige Studierende. Meint sie das ernst?

(+) Zümrüt Gülbay-Peischard: »Mich macht es wahnsinnig, wenn Studierende ihr Potenzial verschenken«
Mit 28 Jahren wurde Zümrüt Gülbay-Peischard einst die jüngste Juraprofessorin Deutschlands. Heute ist sie 56 und lehrt Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt in Bernburg – und ist sehr unzufrieden mit der heutigen Generation von Studierenden. Ihr Buch »Akadämlich« war 2025 ein Bestseller, auf ihrem gleichnamigen Instagram-Kanal kritisiert sie die Faulheit und die Anspruchshaltung mancher Studierender. Was genau regt sie so auf, und was wünscht sie sich stattdessen? ZEIT Campus: Frau Gülbay-Peischard, Sie sind seit fast drei Jahrzehnten Professorin. Seit einiger Zeit beschweren Sie sich öffentlich über Studierende, etwa in ihrem Buch Akadämlich und auf Instagram. Was genau stört Sie?Zümrüt Gülbay-Peischard: Ich beobachte, dass vielen die Identifikation mit dem Studium fehlt. Sie verstehen das Studium heute weniger als persönliche Entwicklungsphase, sondern als Durchgangsstation. Ich bekomme oft mit, dass sie nur zur Vorlesung kommen, wenn sie Lust haben. Sogar bei Prüfungen machen sie das so. Viele Studierende wollen vom Studium in ihrer Freiheit nicht gestört werden. Das können sie natürlich machen, aber dann könnten sie es auch ganz sein lassen. ZEIT Campus: In einem Ihrer erfolgreichsten Reels beschreiben Sie Studierende, die nicht in die Vorlesung kommen, als »dumm«. Sagen Sie so etwas Ihren Studierenden an der Hochschule Anhalt auch direkt? Gülbay-Peischard: Natürlich. Und sie verteidigen sich fast immer gleich: Sie müssten viel arbeiten, um Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und die meisten Professoren würden sowieso schlechte Lehre machen. ZEIT Campus: Mindestens der erste Teil stimmt ja: Rund 70 Prozent der Studierenden arbeiten, manche könnten sich ihr Studium sonst nicht leisten. Ist da nicht verständlich, dass mal keine Zeit für die Vorlesung bleibt? Gülbay-Peischard: Ich nehme diesen Umstand ernst. Nach meiner Erfahrung sind aber gerade die Studierenden, die arbeiten, viel häufiger in der Vorlesung und beteiligen sich. Das Studium muss sich nicht nach dem Arbeitsplan richten. Arbeit lässt sich auch aufs Wochenende legen, dann muss man eben mal auf einen Kinobesuch verzichten.ZEIT Campus: Ihre Ansprüche an Studierende sind hoch: Sie sollen die Vorlesungen vorbereiten und nachbereiten, immer anwesend und aufmerksam sein. Dürfen sie nicht einfach mal Spaß haben? Gülbay-Peischard: Die Frage ist: Muss ich in dieser Lebensphase alles gleichzeitig haben? Es geht um Prioritäten. Eine Studentin sagte mir, sie könne nicht in mein Seminar kommen, weil sie arbeiten müsse. Ich erkannte zufällig ihre Schuhe: Ein Paar von Isabel Marant kostet etwa 400 Euro. Als ich sie danach fragte, sagte sie, die habe sie selbst bezahlt und dafür etwa zwei Tage gearbeitet. Ihre Priorität lag auf den Schuhen, nicht auf dem Studium. ZEIT Campus: Ist so eine Nachfrage nicht übergriffig? Gülbay-Peischard: Natürlich ist es ihre Sache. Aber ich verstehe es als meine Aufgabe als Professorin, ein Gegengewicht anzubieten, Diskussionen anzustoßen und Missverständnisse offen anzusprechen. ZEIT Campus: Was für Missverständnisse? Gülbay-Peischard: Nur weil man seinen Körper gelegentlich an die Hochschule bewegt, bedeutet das noch lange nicht, dass man studiert. Studieren ist mehr, als physisch irgendwo aufzutauchen. Studieren heißt, sich mit Wissen auseinanderzusetzen und regelmäßig zu lernen. Bulimie-Lernen vor Prüfungen bringt nichts, also zwei Wochen alles hineinzupressen und danach wieder zu vergessen. Wissen braucht kontinuierliche, ernsthafte Beschäftigung. ZEIT Campus: Können Studierende nicht selbst am besten abschätzen, wie sie ihr Studium gestalten? Gülbay-Peischard: Ich traue allen zu, selbst zu entscheiden, ob eine Vorlesung sinnvoll ist oder nicht. Aber dafür müsste man wenigstens einmal hingehen. Bei mir tauchen manche erst kurz vor der Prüfung zum ersten Mal auf. Dann erwarten sie eine portionsgerechte Vorbereitung auf die Klausur. Sie geben der Veranstaltung gar keine Chance. ZEIT Campus: Aber was ist, wenn eine Vorlesung tatsächlich schlecht ist? Soll ja vorkommen. Gülbay-Peischard: Dann kann man das ansprechen, beim Prof nachfragen, Kritik äußern. Eine gute Vorlesung sollte kein Netflix-Ersatz sein, bei dem man sich berieseln lässt. Sie sollte ein Gespräch sein. Lernen entsteht durch Austausch. Natürlich gibt es schlechte Lehre. Wir haben an Hochschulen einen großen Schutzraum für Professorinnen und Professoren, der unsere Forschungs- und Lehrefreiheit vor politischem und wirtschaftlichem Druck absichert. Das ist grundsätzlich richtig. Auch die Verbeamtung schützt uns, wir sind im Grunde unkündbar. Aber manche Kollegen nutzen das für ihre Bequemlichkeit aus.