Zeit 01.12.2025
19:55 Uhr

(+) Thomas Gottschalk: Gute Besserung, uns allen


Die Gesellschaft hat im Fall von Thomas Gottschalk wieder ihre schillernde Übelkeit gezeigt. Können wir selbst unsere größten Helden nicht im Herzen halten?

(+) Thomas Gottschalk: Gute Besserung, uns allen
Den besten Fernsehmoment des Jahrhunderts verdanken wir Thomas Gottschalk. Und ich meine nicht Wetten, dass..? und Paul McCartney in Böblingen. Ich meine den Moment, als im deutschen Fernsehen die RTL-II-tiefe Bruchstelle zwischen Blödsinn und Intellekt verschmolz. Als Marcel Reich-Ranicki, nachdem er den deutschen Fernsehpreis abgelehnt hatte und sogar mit 3sat abrechnete ("schwach" sei das geworden!), Thomas Gottschalk geistesgegenwärtig in die Situation sprang. Er schwatzte den staunenden Intendanten live eine halbe Stunde Sendezeit ab und lud Reich-Ranicki ein, mit ihm öffentlich über Unterhaltung zu diskutieren. Sich mit Reich-Ranicki verbal zu duellieren, ist an sich zumindest ein Wagnis, verrückter noch, dass Gottschalk in der Diskussion einen Tag später brillierte. Wie er mit seiner Richtung Boden strebenden Stimme, ungiftig und gut gelaunt, von der "Arroganz der Intellektuellen" sprach und todesmutig Helge Schneider (Reich-Ranicki: "eine Qual!") verteidigte. Das Gespräch endete trotz ewiger Uneinigkeit nicht unversöhnlich, das schwere Dilemma aus Adorno und Massenkonsum schien im warmen Schein von Gottschalks Goldlocken plötzlich leicht, ja lustig. Es gab Reich-Ranicki, der die Leute intelligenter machte. Und es gab Gottschalk, der die Leute glücklicher machte. Und wenn ich eines über die Maslowsche Bedürfnispyramide der Kultur verstanden habe, ist das, dass wir sie beide brauchen. Nur all das reicht nicht.