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12.02.2026
19:40 Uhr
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Wie können wir jetzt über die Zukunft der Ukraine sprechen? Der Schriftsteller, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan hat dazu zehn Thesen aufgestellt.

Serhij Zhadan ist aus der Ukraine zur diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) angereist. Dieser Text basiert auf einer Rede, die Zhadan am Abend des 12. Februar 2026 im Rahmenprogramm der MSC vorgetragen hat. Fangen wir mal so an. Im Aufgang meines Charkiwer Hauses gibt es zehn Wohnungen. Im Erdgeschoss war eine Musikschule, die zu Beginn der russischen Vollinvasion geschlossen wurde. Im ersten Stock wohnt niemand – die alte Frau aus der einen Wohnung ist vor dem Beginn des Krieges gestorben, die Familie aus der anderen Wohnung gleich nach Kriegsausbruch weggezogen. Im zweiten Stock wohnt ein alter Mann. Noch vor zehn Jahren war er eine ziemlich imposante Erscheinung. Er lebt allein. Einkaufen geht er immer seltener – das Treppensteigen fällt ihm schwer. Neben ihm wohnt eine Familie, die das Treppenhaus in Ordnung hält und den Schlüssel zum Dachboden hat. Im dritten Stock steht auch eine Wohnung leer, wahrscheinlich ist die Familie ausgereist. In der Wohnung daneben lebt ein Geschäftsmann, einsilbig und einsam. Seine Familie hat er aus der Stadt weggebracht. In der vierten Etage ist eine Wohnung leer, die Bewohner sind zu Kriegsbeginn weggezogen, die andere Familie ist noch da, sie harren während der Raketenangriffe zu Hause aus. Im fünften Stock wird eine Wohnung vermietet, die Besitzer sind ausgezogen, in der anderen Wohnung lebe ich.