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23.01.2026
12:45 Uhr
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Woran glauben die religiösen Machthaber im Iran, die ihre aufständische Bevölkerung so grausam bestrafen? Ein Gespräch mit Meir Litvak, der zum schiitischen Islam forscht

DIE ZEIT: Professor Litvak, junge Frauen im Iran hatten am Anfang der Proteste brennende Fotos des obersten Religionsführers benutzt, um sich Zigaretten anzuzünden. Bilder von dieser mutigen Geste verbreiteten sich rasend schnell – und fanden zahlreiche Nachahmerinnen in anderen Ländern, etwa in der Türkei, in Kanada, in Berlin. Mittlerweile dringen wenige Bilder aus dem Iran nach draußen. Was wissen Sie über die Reaktionen des Regimes? Meir Litvak: Das Regime stellt die Protestierer als gewalttätigen Mob dar, um seine eigene brutale Reaktion zu rechtfertigen. Es verbreitet zum Beispiel Bilder verwundeter Soldaten und Polizisten, um den Staat als Opfer erscheinen zu lassen. Angehörige ermordeter Demonstranten müssen ihre Toten registrieren lassen, diese werden dann als Basidschis gezählt, Mitglieder einer Freiwilligen-Miliz, die Oppositionelle grausam bekämpft. So spielt die Regierung die Zahl der zivilen Opfer herunter und treibt die Zahl der eigenen Verluste nach oben. Zugleich werden Eltern gezwungen, für die Herausgabe der Leichen ihrer von der Polizei getöteten Kinder zu bezahlen. Das ist eine sadistische Art der psychologischen Kriegsführung. Es widerspricht dem, was alle Religionen, auch der Islam, über den Umgang mit Toten lehren.