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03.02.2026
20:09 Uhr
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Kinder von Eingewanderten fühlen oft eine Bringschuld, weil ihre Eltern für sie so viel aufgegeben haben. Natürlich kann man dankbar sein, aber eine Pflicht ist es nicht.

Als wir 1992 nach Deutschland einwanderten, entstand ein Vertrag zwischen meinen Eltern und mir. Niemand hatte ihn damals gelesen oder unterschrieben. Trotzdem erzeugte er einen Druck, den viele Kinder ohne Einwanderungsgeschichte nicht kennen: den Eltern dankbar zu sein, selbst Erfolg zu haben und sozial aufzusteigen. Schließlich haben die Eltern all die Entbehrungen allein für uns Kinder auf sich genommen. Doch stimmt diese Erzählung? Die Migration ist eine Entscheidung der Eltern, die Folgen tragen ihre Kinder aber mit. Weil sie die neue Sprache schneller lernen, werden sie bald zu Dolmetschern, Behördenlotsinnen und Kulturvermittlern. In kollektivistisch geprägten Kontexten wie dem Kommunismus, der auch meinen Wertekompass bis zum neunten Lebensjahr kalibriert hat, gilt diese frühe Verantwortung nicht nur als notwendig, sondern als moralisch richtig. Wenn Kinder elterliche Rollen übernehmen, wurde das in der Sowjetunion als Ausdruck von Respekt, Loyalität und Dankbarkeit verstanden – und auch in Deutschland eingefordert. Als Kind und Jugendliche habe ich das nie hinterfragt.