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19.12.2025
08:20 Uhr
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Wer ein Kind hat, fühlt sich schon alleine deswegen als ein sehr moralischer Mensch. Aber nur solange, bis einem das Kind ganz normale moralische Fragen stellt.

"Ist er zu Hause?", fragte meine fünfjährige Tochter Runa und reckte den Hals, als wir an dem Mann vorbeigingen, der in einer selbst gebauten Hütte schlief. Er war schon seit Monaten am Ende unserer Straße. Sie schaute jeden Morgen nach ihm, so wie man vielleicht nach dem Auto eines Nachbarn in der Einfahrt schaut. "Er ist da", sagte ich und sah seinen Kopf durch eine Lücke im Dach aus dicken Styroporplatten. "Glaubst du, ihm ist kalt?", fragte sie. "Ich glaube, ihm ist kalt." Wir gingen weiter. Näher zur U-Bahn. "Warum schläft er nicht drinnen?"