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16.12.2025
20:39 Uhr
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Romane über die heterosexuelle Liebe stehen unter Druck. Nicolas Mathieu erzählt in "Jede Sekunde" trotzdem von einer Affäre, die scheitert – aber Kräfte weckt.

Romane über die heterosexuelle Liebe stehen unter einem gewissen Druck. Vor allem, wenn sie zu einem unglücklichen Ende führt, gibt es ein literarisches Angebot, das an die Supermarktbilder des Fotografen Andreas Gursky denken lässt: Es ist zu viel von allem da, in allen Varianten. Insofern gehört ein gewisser Mut dazu, dieses Genre zu bedienen – oder ein autobiografisches Bedürfnis, das stärker ist als alle Skrupel. Der Ich-Erzähler im neuen Roman des Goncourt-Preisträgers Nicole Mathieu nimmt gleich beides für sich in Anspruch: Er ist ein literarischer Autor, der erfolgreich ist und kein Risiko scheut. Und er stellt seinen Erzähler vor als einen, der sich nichts anderem widmen kann als der Verflossenen. "Ich denke an dich, das ist mein Beruf." Das Buch wirbt für sich mit seiner unbedingten Notwendigkeit; es ist nicht einfach nur erzählt, es soll ein Bekenntnis sein, möglicherweise mit dem Ziel, die verlorene Liebe zurückzugewinnen. Welcher fühlende Mensch kann einer orphischen Klage schon widerstehen?