|
20.02.2026
19:47 Uhr
|
Eltern befehlen heute nichts mehr. Sie reden lieber so lange auf ihre Kinder ein, bis diese klein beigeben. Das ist eine Spielart des Gehorsams, aber sie funktioniert.

Meine elfjährige Tochter ist nicht aufzuhalten. Wenn ich eine Lesung gebe, wenn ich drehe, wenn ich nur ein paar Kostüme von A nach B bringen soll, sagt sie: Ich komme mit. Und das tut sie wahrscheinlich schon seit ihrem vierten Lebensjahr. Sie drängt sich in meine Arbeitswelt als Autorin, als Regisseurin. Und ich werde dann jedes Mal schwach. Schon mit acht Jahren saß Cleo abends hinter Lesungsbühnen, schaute mir über die Schulter, während ich anschließend Bücher signierte, hielt meine Wasserflasche, nur um nah bei mir neben der Kamera stehen zu dürfen. Cleo hat ihre Tricks und die seltene Fähigkeit, schon heute zu wissen, was später ihr Beruf werden soll. Mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder ist es genau andersherum. Er hat keine konkreten Berufsziele. Als kleiner Junge wollte er nicht Feuerwehrmann oder Astronaut werden, und auch heute zuckt er mit den Schultern, wenn ihn Erwachsene fragen, was er nach der Schule eines Tages mal machen will. Und so habe ich ihn als Mutter seit seiner Schulzeit zu jedem Hobby überredet. Ich habe mir seine Zukunft ausgemalt, seinen Weg gestaltet und von ihm Leistungen eingefordert. In Zeiten moderner Elternschaft ist das allerdings ein zweifelhafter Vorgang. Heute wünschen sich Mütter und Väter, dass ihre Kinder sich frei entscheiden, was sie im Leben machen wollen. Doch ist die Art, wie wir unsere Liebsten inspirieren, nicht am Ende auch eine subtile Form der Autorität, die wir alle so vehement ablehnen?