Zeit 09.02.2026
15:33 Uhr

(+) "Die glorreiche Rache der Maude Horton": Funkenflug der Intelligenz


Das liest sich am besten mit einer dicken Decke bei Kerzenschein: Die Engländerin Lizzie Pook schreibt die wildesten aller wilden Kriminalromane.

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Bei Margaret Atwood habe ich gelesen, dass es analog zu wilden und zahmen Tieren und Menschen auch wilde und zahme Dinge gibt. Die Theorie hat mich sofort überzeugt, seitdem verstehe ich die Welt und sortiere sie in die Kategorien wild und zahm. Die glorreiche Rache der Maude Horton von Lizzie Pook (aus dem Englischen von Andrea Brandl, Heyne Verlag, 17,– €) ist ein wildes Buch. Erstens, weil Lizzie Pook alles durcheinanderwirft. Mein Sohn und seine Freunde hatten in der Grundschule ein Lieblingsspiel: "Alles, was wir mögen, vermischt". Sie rannten in den Pausen über den Schulhof und mixten die Figuren und Erzählstränge von Star Wars, Harry Potter und Batman, auch mal komplett ausgedacht, es muss ein Riesenspaß gewesen sein. Lizzie Pook spielt dieses Spiel schön frech, mit allem, was die Genre-Literatur hergibt, sie vermischt Harbour noir mit Gothic Mystery, Country-Crime mit Abenteuerroman. Die Schauplätze – ein Seelenverkäufer in der Arktis, das viktorianische London, Herrenhäuser und Provinzstädte – erinnern an Werke von Charles Dickens, Wilkie Collins und Jane Austen, aber die Figuren kommen mit einem überraschenden zeitgenössischen Twist, denn Lizzie Pook zieht jede einzelne Figur, vor allem die Frauenfiguren, gekonnt auf links. Die Hauptfigur Maude Horton und ihre Schwester Constance (wildes Geschöpf!), junge Frauen, wie sie zur viktorianischen Zeit von Bildung eigentlich ausgeschlossen waren, sind durch ein tragisches Versehen des Schicksals zu Naturwissenschaftlerinnen geworden. Sie beherrschen unerhörte Dinge, die sie nicht können sollten, und das macht sie zu starken Figuren. Auch die anfangs so blasse Charlotte Hollis entpuppt sich am Ende als eine schillernde Hexe. Die Schneiderin Hepzibah, die namenlose Schauspielerin, die hingerichteten Mörderinnen, das sind hochambivalente Charaktere, und damit wären wir beim Wildheitsattribut Nummer zwei: Das Wilde ist von Menschenhand gemacht. So was kann Maschinenprosa nicht, dafür braucht es den Funkenflug der menschlichen Intelligenz.