Zeit 01.12.2025
10:06 Uhr

(+) "Das glückliche Tal" von Annemarie Schwarzenbach: Das persische Experiment


Ihren stärksten Text schrieb die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach 1935 nach ihrer Flucht in ein Tal "am Ende aller Wege".

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In Zeiten, in denen ein Schweizer Text international für Furore sorgt, der im Wesentlichen von einem Abirren erzählt, einem Abirren, das nicht nur eine Schriftstellerin auf den Spuren zweier verschwundener Holländerinnen in den Urwald, sondern auch das Erzählen selbst immer wieder in Seiten- und Sackgassen führt: In solchen Zeiten also scheint es opportun, an eine Autorin zu erinnern, die in der Schweizer Literaturgeschichte wie keine zweite für das Vagabundentum und das ruhelose Durchstreifen fremder Landschaft steht: Annemarie Schwarzenbach. Erinnert wird die Enkelin Ulrich Willes heute nicht zuletzt als kamerabewehrte Reisejournalistin, als unerschrockene Automobilistin, die Welt durchquerend von den Vereinigten Staaten bis Indien, von Moskau bis in den Kongo – Expeditionen, auf die sich Schwarzenbach just in dem Moment begibt, in dem in Europa der Faschismus das Haupt zu heben beginnt. Überhaupt handelt es sich um eine Autorschaft, über deren Leben – ihre offen ausgestellte wie formal qua Heirat verdeckte Homosexualität, ihren Morphinismus, ihr Zerwürfnis mit der dem Frontismus zugeneigten Restfamilie, ihre zeitweilige Freundschaft mit Klaus und Erika Mann sowie ihren frühen Unfalltod in ihrem letzten Refugium Sils Maria – mehr bekannt ist als über ihr Werk. Erst auf Umwegen begegnet man wieder den Schriften dieser Frau; nicht allein ihren Reportagen, Tagebüchern und Reisefeuilletons, sondern auch ihrem literarischen Œuvre, dem 1931 erschienenen Romandebüt Freunde um Bernhard, dem ihrem Nachlass entborgenen Afrikaroman Das Wunder des Baums – und natürlich ihrem wohl stärksten Text, um den es hier gehen soll: Das glückliche Tal.