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20.01.2026
17:22 Uhr
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Auf ein Glas mit Aurélien Bellanger, der mit Frankreichs Sozialisten abrechnet

Er trage eine gelbe Jacke, sagt Aurélien Bellanger am Telefon, bevor der Zug in den Gare de l’Est einfährt. Man erkennt ihn in der Menge sofort: eine dicke Daunenjacke an einem geradezu hünenhaft großen Franzosen, bis unter das Kinn hochgezogen, darüber eine verstrubbelte Frisur, stechend blaue Augen und ein jungenhaftes Lachen. Bellanger war mal Schauspieler, bevor er Kolumnist, Romancier und Stachel im Fleisch der französischen Sozialisten wurde. Nicht mehr Rot, sondern Gelb ist in Frankreich die Farbe des Protestes. Und Aurélien Bellanger ist zweifelsohne eine Protestfigur im politischen Paris. Er steht für eine dekoloniale Linke, die mit den alten Recken der Sozialisten abrechnet. Und diese Linke sitzt derzeit auf der Anklagebank anderer Linker. Oder solcher, die sich noch immer als Linke verstehen, während Aurélien Bellanger sie ohne jedes Zögern als Rechte bezeichnet: die Führungselite um den ehemaligen sozialistischen Premier Manuel Valls, der gegen das Kopftuch polemisierte, der abtrünnige Sozialist Emmanuel Macron mit seiner En-Marche-Bewegung in Richtung Neoliberalismus, aber auch die Fernsehphilosophen Michel Onfray und Raphaël Enthoven, die im Namen der Laizität Stimmung gegen Migranten machen, oder die antiwoke Feministin Caroline Fourest, die bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo einen Großteil ihrer Kollegen verlor.