Welt 14.02.2026
11:45 Uhr

Zwei Stunden am Rande des Wahnsinns


Chefdirigent Alan Gilbert, das NDR Elbphilharmonie Orchester und das NDR Vokalensemble präsentieren mit starken Solisten die Oper „Elektra“ von Richard Strauss konzertant in der Elbphilharmonie – und verweisen mit existenzialistischer Wucht auf den Fluch der Gewalt in der Geschichte

Zwei Stunden am Rande des Wahnsinns
Dem Heimatschutzministerium unterstehen mehrere Behörden, die die US-Einwanderungsgesetze durchsetzen sollen. (Foto: Ryan Murphy/AP/dpa)

Kriege, sterbende Kinder, Opfer, Gegenwehr, Rache und ständig neue Drohszenarien – die tragischen Motive und Stoffe der Menschheitsgeschichte werden in immer neuer, zeitgemäßer Form in der Kunst reflektiert, konzentriert, überhöht und aufgeführt, als setze sich der Tantalusfluch der Antike ungehindert, allgemeingültig in unseren Tagen fort. Die „Elektra“ von Richard Strauss, uraufgeführt 1909, markiert dabei mit dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal einen Meilenstein der Moderne in Musik und Literatur. Geprägt von den Einsichten der Psychoanalyse erlebt die Antike in literarischen Überschreibungen eine zweite Renaissance, während Richard Strauss mutig Pfade an die Grenzen der Tonalität beschreitet. Volle Wucht der antiken Tragödie Alan Gilbert und dem NDR Elbphilharmonie Orchester gelingt nun in der Elbphilharmonie mit einer konzertanten Fassung in szenischer Einrichtung von Sopranistin Charlotte Schetelich ein aufregender Abend. Das Orchester entfesselt vor dem puristischen Spiel der Sängerinnen und Sänger die volle Wucht der antiken Tragödie. Dabei entwickelt die Oper eine gänzlich andere Ausstrahlung als in der Hamburgischen Staatsoper, wo sie seit 2021 in einer vorzüglichen Fassung von Dmitri Tcherniakov und Kent Nagano zum Repertoire zählt. Die Trilogie mit den Strauss-Opern „Salome“ und „Ariadne auf Naxos“ steht dort in der laufenden Spielzeit wieder im Programm. Doch die Version von Gilbert, in der Elbphilharmonie engagiert und kraftvoll durchdirigiert, hat ihre volle Berechtigung. Anders als Nagano mit dem Philharmonischen Staatsorchester reizt der Dirigent jede Nuance der Komposition aus und entfaltet ohne Inszenierung ihre ganze Dramatik, auf die das Publikum sich zugleich stärker fokussieren kann. Das NDR Vokalensemble, das nicht hinter dem Orchester, sondern weiter oben im Publikum platziert ist, unterstützt den Konzertcharakter – fast unsichtbar geworden. Racheakt folgt auf Racheakt Ganz auf ihre Emotionen konzentriert agieren die starken Sängerinnen und Sänger der konzertanten Fassung. Vom Publikum gefeiert wurden Karita Mattila als Klytämnestra, Mutter Elektras und Mörderin ihres Gatten Agamemnon. Die hochdramatische Sopranistin aus Finnland überzeugte in Spiel und Gesang, als Kytämnestra wird sie von Alpträumen geplagt, seit sie Agamemnon gemeinsam mit ihrem neuen Mann Aegisth (angenehm: Benjamin Bruns) im Bade erschlug. Schon das war ein Racheakt, hatte doch Agamemnon in Vorbereitung des Trojanischen Krieges Klytemnästras und seine Tochter Iphigenie geopfert. Elektra, sich mit kräftigem Sopran zwei Stunden lang am Rande des Wahnsinns bewegend und faszinierend vom schwedischen Opernstar Ingela Brimberg verkörpert, sinnt vom ersten Ton an auf Rache. Ihren Bruder Orest (voller, warmer, klar verständlicher Bass: Andreas Bauer Kanabas) hat sie sicherheitshalber als späteren Racheengel ins Exil geschickt. Später exekutiert er dann das mörderische Elternpaar, Elektra bricht nach einem ekstatischen Tanz im Rauch erfüllter Rache leblos zusammen. Elektras Schwester Chrysothemis (souverän: Christina Nilssson) wirkt mit ihrem Wunsch nach Frieden und einem selbstbestimmten, gewaltfreien Leben als Frau gleichzeitig wie ein Symbol für die Vereinten Nationen, die bei internationalen Konflikten immer wieder auf die Ränge verbannt werden. Als einzige Figur im weißen Gewand verkörpert sie die Unschuld der Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt. Elektra als wesentliches Ereignis Strauss kompositorische Dichtung potenziert dabei die Stimmungen der Protagonisten. Schon die eigens zwecks Darstellung der seelischen Zerrissenheit gewählte, sensationelle Besetzung des mehr als 100-köpfigen Orchesters – mit Betonung der Bläsersektionen, einem ausgeweiteten Schlagwerk, zwei Harfen – entfaltet in der konzertanten Fassung von Gilbert, seit 2021 auch Musikdirektor der Königlichen Oper Stockholm, ihre konzentrierte Wirkung. Diese „Elektra“ in der Elbphilharmonie war ein hochaktuelles, wesentliches Ereignis. Die Wiederholung am Sonntag, dem 15. Februar, ist ausverkauft.