Von diesem Theaterabend wird man im Bochumer Schauspielhaus noch lange erzählen. Als am 14. Februar bei der Premiere des Stücks „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ der Schauspieler Ole Lagerpusch zum Monolog ansetzte, wurde es laut im Publikum. Lagerpusch spielt im Stück einen faschistischen Regierungschef, der eine Rede voller Fremden-, Schwulen- und Frauenhass hält. Das war einigen Theaterbesuchern offenbar zu viel. Zwei Zuschauer wurden handgreiflich und wollten den Darsteller von der Bühne zerren. Die Theaterleitung musste einschreiten. Kathrin Mädler ist Vizepräsidentin des Deutschen Bühnenvereins. WELT: Wie bewerten Sie mit etwas Abstand, was in Bochum vorgefallen ist? Kathrin Mädler: Zugespitzt kann man ja sagen: Es ist ein gutes Zeichen, dass das Theater die Kraft hat, eine solche Auseinandersetzung zu provozieren und die Energie freizusetzen, dass Menschen sich von dem, was auf der Bühne geschieht, angeregt und aufgeregt fühlen. Damit will ich aber diese Grenzüberschreitung nicht schönreden. WELT: Worin genau besteht für Sie die Problematik? Mädler: Das Theater ist ein Raum, in dem es möglich ist, Themen auch auf eine ambivalente oder herausfordernde Weise zu beleuchten. Die Verabredung zwischen Bühne und Publikum besteht darin, dass dieser Raum geschützt ist. Schauspielerinnen stellen sich darin zur Verfügung, um verschiedenste Positionen durch sich hindurchgehen zu lassen. Diese Verabredung ist in Bochum nicht respektiert worden. Dass das in so eine gewaltvolle Reaktion umschlug, ist höchst verstörend. WELT: Sehen Sie eine Tendenz zu solchen Publikumsreaktionen? Verstehen die Menschen nicht mehr, dass Schauspieler nur eine Rolle einnehmen? Mädler: Tendenz wäre zu viel gesagt. Vielleicht kann man daran ablesen, dass es in der Gesellschaft, und damit auch in unserem Publikum, eine etwas geringere Bereitschaft gibt, Ambivalenzen auszuhalten oder auch mal die eigenen Abgründe zu besichtigen. Generell herrscht derzeit ja eine starke Sehnsucht nach klaren Antworten und eindeutigen Positionen. Zugleich ist eine große Erregungsbereitschaft vorhanden, doch die Bereitschaft, sich auf ein Gespräch oder eine Auseinandersetzung einzulassen, ist kleiner geworden. Wir haben eine aufgeregte Zeit – und das spiegelt sich hoffentlich auch im Theater. WELT: Wieso hoffentlich? Mädler: Gerade das Theater bietet ja einen Raum, in dem wir uns trauen können, uns mit Positionen zu konfrontieren, die uns unangenehm sind. Das hat das Theater immer schon gemacht. Man kann bis zu Shakespeare und seinen Bösewichten zurückgehen. Oder nehmen Sie Stücke wie Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann/Geschwister Eichmann“, das wir gerade in Oberhausen gezeigt haben. Oder das Dokumentartheater der 1970er-Jahre. Auch da hatten wir eine sehr politisierte Gesellschaft. WELT: Werden Theatermacher und Schauspieler künftig im Hinterkopf haben, es könnte wieder zu einem solchen Übergriff kommen? Mädler: Nein, ich glaube nicht. Theater bleibt immer das Ringen um eine interessante künstlerische Form und zeitgenössische Diskurse. Das muss weiterhin so sein. Dazu gehört auch, dass es immer wieder mal Herausforderungen wie in Bochum geben kann. WELT: Sie sagten, der Vorfall zeige, welche Energien Theater freisetzen kann. Oft wird dem Theater vorgeworfen, es sei irrelevant geworden. Mädler: Alles, worüber wir hier sprechen, zeigt doch, wie relevant Theater ist – in diesen multiplen Krisen, in denen wir uns befinden. Wie sehr Theater sich um diese Relevanz bemühen, wird auch sichtbar in einem Transformationsprozess, den man bei uns im Ruhrgebiet exemplarisch beobachten kann. WELT: Von welcher Transformation sprechen Sie? Mädler: Aus der Erkenntnis heraus, dass es ein klassisches bildungsbürgerliches Abonnement-Publikum immer weniger gibt, haben sich die Theater im Ruhrgebiet schon lange auf den Weg gemacht. Sie definieren ihre Beziehung zum Publikum ganz anders als früher. Ihre Arbeit ist viel mehr als nur das, was auf dem Abendspielplan steht. Theater müssen lebendige Orte für eine diverse Stadtgesellschaft sein. Wir haben hier in Oberhausen beispielsweise eine Urban-Art-Sparte, in Düsseldorf gibt es das Stadtkollektiv. Wir entwickeln neue Formate mit Laien, mit Schulen. Es gibt eine große Dichte an Festivals. In den reinen Kartenverkäufen unserer Abendveranstaltungen kommt das nicht zum Ausdruck. Doch das Nachdenken darüber, wie das Publikum der Zukunft aussieht und welche Rolle Theater als Ort der Verbindung spielen kann – das ist eine Frage, die fast überall mit unglaublicher Energie bearbeitet wird. Kinder- und Jugendtheater sind besonders toll darin, sich mit ihrem Publikum auf eine direkte Weise zu verbinden. WELT: Andererseits steht in vielen Städten die Frage im Raum: Können wir uns den Luxus Theater noch leisten? Mädler: Da muss ich erst einmal widersprechen: Es ist kein Luxus! Es braucht in der Kulturpolitik ein anderes Sprechen und eine andere Form der Bewertung. Theater und Kunst sind elementar als Orte, an denen Gemeinschaft gebildet wird; als Orte, die die Fähigkeit vermitteln, miteinander zu reden und auszukommen. In Verbindung zu bleiben. Theater und Kunst sind auch elementar für ein großzügiges, ermutigendes, empathisches Menschenbild. Wenn wir das als Luxus wahrnehmen, bewegen wir uns in eine Gesellschaft, in der wir nicht mehr leben möchten. WELT: Die Finanznot der Kommunen wird dadurch noch verschärft, dass viele Kulturbauten marode sind. Mädler: Viele der Theaterbauten stammen aus der Nachkriegszeit und geraten jetzt in die Phase, in der sie auseinanderfallen. Da sind Sanierungen notwendig. Aber gerade Theater zeigen doch seit Jahren, dass sie es verstehen, mit diesem Notstand kreativ umzugehen. Es wurde so viel Neues entwickelt in Sachen Stadtbespielung, es gibt Theater auf den Straßen und in Leerständen. Wir haben längst begriffen, dass wir nicht in unseren Häusern sitzen und warten können, bis die Leute zu uns kommen. Theaterleute sind wirklich nicht wohlstandsverwöhnt. WELT: Sie betonen die gesellschaftliche Notwendigkeit der Theaterarbeit. Ein häufiger Vorwurf aus konservativen Kreisen lautet, die öffentlich finanzierten Theater pflegten eine einseitige politische Linksausrichtung. Mädler: Theater bekennt sich zum Reichtum verschiedenster Perspektiven. Theaterkunst war immer auch ein Raum für Empathie – insbesondere für die Verletzbaren, für marginalisierte Gruppen. Das Theater ist ein Ort, wo viele Stimmen Gehör finden müssen. Ist das links? Das Narrativ einer angeblich linken Agenda ist die klassische Kulturkampfstrategie von rechts. Sie dient regelmäßig der Diskreditierung von herausfordernder Theaterarbeit und will verunsichern. Und sie will das gemeinsame gesellschaftliche Verständnis von Werten wie Liberalismus, Inklusion und Multiperspektivität destabilisieren. Da liegt die wirkliche Gefahr politischer Einflussnahme. WELT: Wir haben viel über die gesellschaftlichen Aufgaben des Theaters gesprochen. Die Bedürfnisse eines Abo-Publikums sehen oft anders aus. Gefragt sind Klassiker, Unterhaltung. Vielleicht mal eine textgetreue Inszenierung eines Stücks wie „Der zerbrochne Krug“. Wie schwierig ist es heute, solche Wünsche zu erfüllen? Mädler: Das ist überhaupt nicht schwierig. Eine Produktion muss künstlerisch überzeugend sein. Das ist der Maßstab. Ein Team muss sich fragen, warum es ein bestimmtes Stück erzählen möchte – und wie es das machen will. Da kann man durchaus zu dem Resultat kommen, dass man den „Zerbrochnen Krug“ ohne Streichungen und in den Kostümen der Kleist-Zeit aufführt. Die Vielfalt der Ästhetiken ist das Spannende. Kathrin Mädler, 1976 in Osnabrück geboren, ist Dramaturgin und Theaterregisseurin. Seit 2022 leitet sie als Intendantin das Theater Oberhausen. Seit 2019 ist sie Co-Vorsitzende der Intendant:innengruppe im Deutschen Bühnenverein, dem Bundesverband der Theater und Orchester. Im Oktober 2025 wurde sie zur Vizepräsidentin des Verbands gewählt.