Welt 31.12.2025
06:36 Uhr

Zu Silvester landeten Frank Sinatra und das „Rat Pack“ ihren legendären Coup in Las Vegas


Jahrzehnte vor George Clooney spielte Frank Sinatra die Rolle des smarten Ganoven Danny Ocean: 1960 machte er mit seinen „Rat Pack“-Mitstreitern die Spielerstadt Las Vegas unsicher. „Ocean's 11“ ist ein Filmklassiker, der heute aus gleich drei Gründen sehenswert ist.

Zu Silvester landeten Frank Sinatra und das „Rat Pack“ ihren legendären Coup in Las Vegas

Der Plan war ausgeklügelt und für smarte Abenteurer mit krimineller Energie sehr attraktiv: die fünf großen Casinos in Las Vegas im Trubel der Silvesternacht zeitgleich ausrauben, in einer konzertierten, trickreichen Aktion; und das Ganze in „Gentleman-Manier“ ohne Gewalt. Auf einen Schlag steinreich werden, Nervenkitzel inklusive, und ohne dabei jemandem wirklich zu schaden – die Casinos als regelrechte „Gelddruckmaschinen“ spielen die Millionen ja in ein paar Tagen wieder ein. Als Frank Sinatra Ende der 1950er-Jahre von diesem Plot des geplanten, humorvollen Krimis „Ocean's 11“ erfuhr, antwortete der Sänger und Schauspieler, dem Kontakte zur US-Mafia nachgesagt wurden, scherzhaft: „Vergiss den Film, lass uns das Ding in echt drehen!“ Bald war man sich handelseinig, und Sinatra stand ab Januar 1960 in der Rolle des Danny Ocean vor der Kamera, einem Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der zehn seiner besten Freunde aus seiner einstigen Fallschirmjäger-Einheit zu ebenjenem Coup in der Spielermetropole im US-Bundesstaat Nevada überredet. Als Darsteller einiger von Oceans Mitstreitern rekrutierte Sinatra seine als das „Rat Pack“ bekannte Clique von befreundeten Entertainern, die ähnlich talentiert, charismatisch und trinkfest waren wie er, darunter Dean Martin und Sammy Davis Jr. Mit ihnen war Sinatra (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article248553344/Palm-Springs-Sieben-Meilen-waren-entscheidend-Deswegen-kamen-Stars-wie-Sinatra-hierher.html) ohnehin häufig in Las Vegas (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article249849490/Frank-Costello-Beim-Tropicana-sahnte-er-ab-dann-kassierte-der-Mobster-einen-Kopfschuss.html) , um in Bühnenshows aufzutreten, ausgiebig zu spielen und zu feiern. Da lag es nahe, die entsprechenden Kontakte und Möglichkeiten für einen spannenden, amüsanten Kinofilm zu nutzen. Der von Lewis Milestone inszenierte Streifen wurde von Filmkritikern zwar belächelt, war ab August 1960 aber ein Hit an den US-Kinokassen, und wenig später machte der Film weltweit Furore, auch in der Bundesrepublik, wo „Ocean's 11“ unter dem Titel „Frankie und seine Spießgesellen“ in die Kinos kam (und wo man der Hauptfigur den Vornamen Frankie statt Danny verpasste). Aufgrund des Erfolges legten die Macher in den Jahren darauf mit einigen „Rat Pack“-Filmen ähnlicher Machart nach. Heute hat „Ocean's 11“ einen gleich dreifachen Reiz: Zum einen ist er ein Klassiker des Genres der „Heist Movies“, in dem ein großer, räuberischer Coup (der „Heist“) erst geplant und eingefädelt, dann wie in einer militärischen Aktion ausgeführt wird. Natürlich lauft dabei dann doch nicht alles so wie vorhergesehen. Zweitens bietet der Film die Gelegenheit, das „Rat Pack“ in Hochform zu erleben, mit sichtlicher Spielfreude und zwei Ohrwurm-Songs im Gepäck: Dean Martin intoniert „Ain‘t that a Kick in the Head?“, Sammy Davis Jr. singt „EEE-O-11“. Und drittens ist „Ocean's 11“ ein Fest für Nostalgiker, die ein Faible für den coolen, lässigen Mid-Century-Style der 1950er- und 60er haben und das alte Las Vegas sehen wollen, das es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt und das einen ganz anderen Charakter als die heutige Spielermetropole hatte. Heute ist Las Vegas eine dicht bebaute Großstadt, die mit schrillen Schauwerten, Masse und Opulenz auftrumpft. Die Eingangsbereiche der heutigen Mega-Hotelcasinos mit ihren abertausenden Zimmern, von denen seit den 1990ern etliche und immer größere erbaut wurden, ähneln bisweilen dem Check-In von Flughäfen. Die Umgebung der meist überfüllten, in Autobahn-Breite ausgebauten Hauptstraße, dem „Strip“, wirkt jetzt wie ein gigantischer städtischer Freizeitpark für die ganze Familie, inklusive Nachbauten des Eiffelturms, der Skyline von Manhattan und der Kanäle Venedigs. Je größer, lauter, bunter und knalliger, desto besser. Verloren gegangen ist dabei der alte Charme von Las Vegas, der Glamour und Stil, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die glitzernde Stadt noch auszeichnete, als alles noch viel kleiner war – und als Fragen des guten Geschmacks noch eine Rolle spielten. Nur noch wenig erinnert an die Zeiten, in denen man in Las Vegas gediegene Abendgarderobe anlegte, um sich an einen Roulette- oder Pokertisch zu begeben. In „Ocean's 11“ ist all das noch zu bestaunen: Gedreht wurde an Originalschauplätzen in den (nach heutigen Maßstäben eher kleinen) „Big Five“ der Casinos: Desert Inn, Sahara, The Sands, Riviera und Dunes; die nicht Seite an Seite standen, sondern zwischen denen größere Abschnitte unbebauter Wüste lagen. Keine dieser Mid-Century-Vegas-Ikonen existiert heute noch: Das Sahara wurde komplett umgebaut, die übrigen vier mussten gigantischen Neubauten weichen. Kaum ein Filmklassiker ist in Hollywood nach einigen Jahrzehnten vor einem modernisierten Remake sicher, wobei die Ergebnisse für Fans der Originale oft wenig erquicklich sind. Auch von „Ocean's 11“ gab es im Jahr 2001 eine Neuverfilmung, doch im Gegensatz zu etlichen missratenen Film-Neuaufgüssen gelang den Machern um Regisseur Steven Soderbergh hierbei eine rundum gelungene, mitreißende Re-Interpretation des Vorgängers. Danny Ocean wurde jetzt von George Clooney gespielt, der im Film den Plan ausheckt, die drei großen Casinos Bellagio, Mirage und MGM Grand auszurauben und dabei seine Ex-Frau Tess (Julia Roberts) wiederzugewinnen. Zu Oceans Gentleman-Ganoven-Kollegen zählten nun Brad Pitt als sein Wingman Rusty Ryan, Don Cheadle als Sprengstoff-Experte Basher Tarr und Matt Damon als Meister-Taschendieb Linus Caldwell. Auch die Neuauflage von „Ocean's 11“ wurde ein Hit, sodass die Macher in den Jahren darauf zwei Sequels und ein Spin-Off produzierten. Aktuell ist ein vierter Film mit Clooney und Co. in Vorbereitung. Ob dabei ein weiterer Klassiker entsteht, wird von mehreren Faktoren abhängen, auch vom nötigen Quäntchen Glück – das in Las Vegas seit jeher dazugehört. Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter legendär chaotische Filmdrehs (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68e7b09b14154520ea13854b/ich-liebe-den-geruch-von-napalm-am-morgen-die-hoelle-hinter-dem-dreh.html) , bei denen am Ende doch noch Meisterwerke entstanden.