Welt 17.01.2026
08:22 Uhr

„Zeichen gelebter Vielfalt“ oder Spaltung? – Pläne der Hamburger Schura sorgen für Debatte


Der Rat der islamischen Gemeinden Hamburg möchte in die Versorgung von Alten und Jungen einsteigen. Hilfe bekommt er dabei von der Diakonie. Doch es gibt auch Kritiker. Sie bezweifeln, dass das der Integration wirklich dient.

„Zeichen gelebter Vielfalt“ oder Spaltung? – Pläne der Hamburger Schura sorgen für Debatte

Ein Pflegeheim, in dem sich der Alltag nicht nur nach Medikamentenplan und Essensausgabe richtet, sondern auch nach Gebetszeiten. In dem es Sterbebegleitung durch einen Imam gibt, samt muslimischer Riten, und Jugendangebote, bei denen Religion nicht als Problem gilt, sondern als Halt. Die Schura Hamburg, Dachverband islamischer Gemeinschaften und Einrichtungen, will solche und weitere Dienstleistungen künftig stärker aufbauen. Geplant ist die Ausgründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbandes im Norden, der als ergänzender Träger auftreten soll. Das Ziel sei nicht, bestehende Strukturen zu ersetzen, sondern Versorgungslücken zu schließen. Begleitet wird das Projekt nach Angaben der Schura von der Diakonie. Unterstützung kommt zudem vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg. Doch der Vorstoß ist umstritten. Er hat Befürworter, aber auch harte Kritiker. Lena Çoban, die das Projekt innerhalb der Schura vorantreibt, begründet das Vorhaben mit dem demografischen Wandel in muslimischen Communitys. In Hamburg lebten viele Musliminnen und Muslime, die längst in einer Lebensphase angekommen seien, „in der Themen wie Pflege, Demenz, Einsamkeit im Alter oder die Begleitung am Lebensende zentral werden“, sagt Çoban. Für diese Bedürfnisse gebe es bislang „kaum dezidiert muslimische, professionelle Angebote“. Gerade Menschen mit Demenz fielen „stark in frühe Prägungen zurück“, sagt Çoban, also in „Sprache, Gerüche, Rituale, Gebete“. Ein vertrautes religiöses Umfeld könne Sicherheit geben. Dort fühlten Betroffene sich „nachweislich sicherer und weniger entfremdet“. Als konkrete Bausteine nennt Çoban Tagesstätten für demenzerkrankte Menschen, ambulante Pflegedienste und stationäre Einrichtungen. Diese müssten religiöse Komponenten kennen und alltagsstrukturierende Elemente ermöglichen. Auch Sterbebegleitung sei ein Feld, in dem Religion für viele eine tragende Rolle spiele. Organisatorisch ist zunächst ein Verein vorgesehen, der später in eine gemeinnützige GmbH überführt werden könnte. Eine Satzung werde erarbeitet, Mitglieder würden gesucht. Es sollen ausdrücklich nicht die Schura selbst oder ihre Gremien sein, sondern muslimische Sozialunternehmen. Die Schura Hamburg und Schleswig-Holstein seien eher als Kontrollinstanz vorgesehen. Çoban spricht von einem Aufsichtsgremium. Der Verband könnte „AMIN – Muslimischer Wohlfahrtsverband für Norddeutschland“ heißen. Amin ist der Beiname des Propheten Mohammed und bedeutet „der Vertrauenswürdige“, so Çoban. Er solle als Dach und Impulsgeber dienen, muslimische Sozialunternehmer professionalisieren und „rechtssichere“ Strukturen ermöglichen. Außerdem soll er Interessen muslimischer Nutzer sozialer Dienstleistungen in die Politik tragen und deutschsprachige Positionen sowie Handlungsempfehlungen zu sozialen Fragen erarbeiten. Es gehe um Wahlfreiheit innerhalb der deutschen Wohlfahrtspflege. „Zurzeit fehlen Angebote, die spezifisch muslimisch fundiert sind“, sagt Çoban, und die eine regelhafte Versorgung sicherstellen. Die Jugendarbeit spielt für die Initiatoren ebenfalls eine Rolle. Man beobachte junge geflüchtete Männer aus muslimischen Ländern, die stark unter Druck stünden, sich in Deutschland beruflich und persönlich zu etablieren. In vielen Angeboten werde ausgeprägte Religiosität „problematisiert und als Integrationshindernis gesehen“. Çoban möchte dem etwas entgegensetzen. Religiöse Praxis könne „zu einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft führen“, sagt sie. Als Beispiele nennt sie ein Haus der Jugend, berufsorientierende Maßnahmen, Jugendwohnungen oder die Betreuung von Flüchtlingsunterkünften. Offen ist, wie der Verband finanziert werden könnte. Çoban nennt Mitgliedsbeiträge muslimischer Sozialunternehmen, Projektmittel und öffentliche Förderprogramme, eigene wirtschaftliche Aktivität sowie Fortbildungen im Bereich Religions- und Kultursensibilität. Doch sie räumt ein, dass die Aufbauarbeit schwierig zu finanzieren sei. „Insgesamt sehen wir hier eine der größten Herausforderungen“, sagt Çoban. Die Konzeptions- und Aufbauphase sei weder für Spender noch für öffentliche Geldgeber besonders attraktiv. Bislang werde deshalb ehrenamtlich gearbeitet. Im Januar 2024 hatte die Schura Hamburg das Diakonische Werk Hamburg um Unterstützung bei der Entwicklung eines Leitbilds für einen geplanten muslimischen Wohlfahrtsverband in Hamburg und Norddeutschland gebeten. Diakonie-Sprecherin Tatjana Schütz berichtet, der von der Stabsstelle Evangelische Profilberatung durchgeführte Beratungsprozess habe im April 2024 begonnen und im April 2025 geendet. Ziel sei gewesen, die „religiös begründete Identität und Arbeit“ des Verbands so zu klären und zu formulieren, dass sie sowohl „nach innen“ als auch „nach außen“ verständlich, überzeugend und identitätsstiftend dargestellt werden könne. Weil es innerhalb muslimischer Organisationen derzeit „keine geeigneten Fachkräfte oder Strukturen“ gebe, um ein solches theologisch fundiertes Dokument zu erstellen, habe sich die SCHURA an die darauf spezialisierte Fachstelle des Diakonischen Werks gewandt. Aus Sicht von Schütz könnte ein muslimischer Wohlfahrtsverband – ähnlich wie christliche oder jüdische Verbände – soziale Angebote entwickeln, die „auf religiös begründeten Grundhaltungen und Werten beruhen“. Dabei gehe es darum, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen und zugleich ihre religiösen Bedürfnisse „ernst zu nehmen und zu berücksichtigen“. So könnten Hilfen entstehen, die „sozial und spirituell ansprechend“ seien und den Glauben der Klientinnen und Klienten einbeziehen. Als Beispiel nennt Schütz eine gläubige Muslima in der Schwangerschaftskonfliktberatung, die ihre religiösen Bedenken offen ansprechen könne – „ohne dass eine Situation des Unverständnisses, der Diskriminierung, falscher Verdächtigungen, Scham und des Sich-Verloren-Fühlens entsteht“. Grundsätzlich sei die Gründung eines eigenen Wohlfahrtsverbandes „das legitime Recht jeder Religionsgemeinschaft“, betont Schütz. Die Diakonie wisse aus eigener Erfahrung, dass die religiöse Dimension „eine wertvolle Ressource“ in der sozialen Arbeit sei – besonders dann, wenn konfessionell geprägte Verbände zusammenarbeiteten, wie es bereits mit der Caritas und der Wohlfahrt der Jüdischen Gemeinde praktiziert werde. Gemeinsam könne man „Religions- und Kultursensibilität als festen Bestandteil professioneller Sozialarbeit etablieren“, so Schütz; als Beispiel verweist sie auf eine bereits bestehende, gemeinsam getragene interreligiöse Seelsorgeausbildung. Mit Blick auf Kritik an möglichen Sonderstrukturen verweist Schütz zudem darauf, dass das deutsche Sozialsystem im Sinne der Subsidiarität einen „weiten Raum“ für gemeinnütziges Engagement von Religionsgemeinschaften biete. Eine Beteiligung islamischer Religionsgemeinschaften in den „bewährten Strukturen“ der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege (AGFW) wäre aus Diakonie-Sicht daher positiv und ein „Zeichen gelingender Integration“ – sofern solche Angebote Teilhabe fördern, nicht Abgrenzung, und sich „klar in den Rahmen des Sozial- und Verfassungsrechts“ einfügen. „Zeichen gelebter Vielfalt“ Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg bewertet das Vorhaben grundsätzlich positiv. Pressesprecher Christian Böhme sagt, die langjährige Diskussion zeige „den Wunsch nach mehr Repräsentanz“. Die Gründung könne „ein Zeichen gelebter Vielfalt“ sein und die soziale Landschaft bereichern. Der Paritätische stehe „allen demokratischen und gemeinnützigen Akteuren offen gegenüber“ und wolle seine Expertise bei der Professionalisierung einbringen. Böhme verweist auf Erfahrungen aus dem Projekt „Vernetzt und aktiv“, das bis 2023 lief und muslimische sowie alevitische Gemeinden unterstützen sollte, ihre soziale Arbeit zu vernetzen und zu professionalisieren. Die Bilanz sei „positiv“, sagt Böhme. Gemeinden hätten sich engagiert gezeigt, „zukunftsweisende Ideen“ eingebracht und Projekte umgesetzt, die „für alle Menschen im Stadtteil offen waren“. Allerdings sei damals bewusst nicht auf die Gründung eines eigenen Verbandes hingearbeitet worden. „Der Fokus lag klar auf der Professionalisierung der einzelnen Gemeinden und ihrer Vernetzung innerhalb der bestehenden Hamburger Soziallandschaft“, sagt Böhme. Gleichzeitig betont der Paritätische, dass auch ein muslimischer Wohlfahrtsverband nach denselben Regeln spielen müsse wie alle anderen Träger. Anschlussfähigkeit sei nur möglich, wenn hohe Standards eingehalten würden, darunter Trägeranerkennung, rechtliche Voraussetzungen und Transparenz bei der öffentlichen Finanzierung. „Wenn ein künftiger muslimischer Verband diese hohen, für alle geltenden Anforderungen erfüllt, steht seiner Einbindung in die soziale Landschaft nichts im Wege“, sagt Böhme. Welchen Zweck verfolgt die Schura? Doch genau daran entzündet sich die Kritik. Gegner des Projekts fragen, welchen weiteren Zweck die Schura mit einem Wohlfahrtsverband verfolgt. Kultursensible Angebote ließen sich auch durch Kooperationen mit etablierten Trägern ausbauen. Zugleich wird diskutiert, wie unabhängig ein solcher Verband tatsächlich wäre, wenn er in einem politischen Umfeld operiert, in dem islamische Organisationen teilweise eng mit Interessenverbänden verbunden sind. In der Debatte taucht auch eine strategische Dimension auf. Kritiker halten es für plausibel, dass ein Wohlfahrtsverband der Schura helfen könnte, den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts anzustreben. Bereits der Staatsvertrag zwischen Hamburg und Muslimen im November 2012 wurde als Signal gewertet. Der Status ermöglicht rechtliche Privilegien, etwa beim Einzug von Abgaben. Auch nichtchristliche Gemeinschaften wie die Jüdische Gemeinde verfügen darüber. Hamburgs ehemaliger Antisemitismusbeauftragter Stefan Hensel sieht vor allem ein Glaubwürdigkeitsproblem. „Wohlfahrtsarbeit ist kein wertneutraler Raum“, schrieb Hensel auf Facebook. Er warnt davor, religiös gebundene Sonderstrukturen auszubauen, statt die pluralistische Wohlfahrtspflege zu stärken. Hensel kritisiert zudem, die Schura habe sich in der Vergangenheit nicht entschlossen genug von problematischen Gemeinden distanziert. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sei die Schura außerdem stärker als politischer Akteur sichtbar geworden, mit Narrativen, die Israel delegitimierten, ohne sich ausreichend von antisemitischen Deutungsmustern oder extremistischer Gewalt abzugrenzen. Vor diesem Hintergrund sei zumindest fraglich, ob ein eigener Verband sinnvoll sei. Versäumt, eine klare Positionierung zu erzwingen Auch Ali Ertan Toprak, Hamburger CDU-Politiker und Präsident der Bundesgemeinschaft der Immigrantenverbände, lehnt den Vorstoß ab. „Wer an Silvester die Eroberung Mekkas feiert, will nicht integrieren, sondern die Trennung von Staat und Religion untergraben“, sagt Toprak. Er spielt damit auf Recherchen zu einer Veranstaltung in der Vahdet-Moschee an, bei der auch Schura-Chef Fatih Yildiz sowie der SPD-Abgeordnete Ali Kazanci zu Gast gewesen sein sollen. Toprak bezweifelt, dass die Schura ein Partner sei, der dieselben Werte vertrete. Besonders hart fällt sein Urteil beim Thema Antisemitismus aus. „Einige Islamverbände haben hier wieder ihr wahres Gesicht gezeigt“, sagt Toprak. Die Politik habe es versäumt, eine klare Positionierung zu erzwingen. Toprak verweist zugleich auf Versäumnisse deutscher Integrationspolitik. In Hamburg habe man es nicht geschafft, die etablierten Wohlfahrtsverbände frühzeitig stärker für säkulare und liberale Gruppen aus muslimischen Ländern zu öffnen. „Man hat unterschätzt, dass angesichts dieser zementierten Strukturen jene Organisationen erstarken, die ihren Mitgliedern predigen, wir Muslime gehören nicht in diese Gesellschaft“, sagt Toprak. Der Schlüssel zur Integration liege daher nicht in neuen Parallelstrukturen, sondern in der Einbindung in bestehende Systeme. „Inklusion in bestehende Wohlfahrtsstrukturen, statt neue Parallelstrukturen, die unsere Gesellschaft spalten“, fordert Toprak. Dass Kooperationen möglich sind, zeigt ein weiteres Beispiel. Im Förderansatz „Moscheen für Integration“ kooperierte der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg mit Trägern wie dem Alevitischen Kulturverein Bergedorf. Sprecher Alper Doğan erinnert sich, dass es zunächst Zeit brauchte, bis klar war, welche Partner verfassungstreu agierten. Die Zusammenarbeit funktionierte jedoch. Die Frage, ob er künftig lieber mit einem muslimischen Wohlfahrtsverband zusammenarbeiten würde, beantwortet Doğan klar: „Nein“, sagt er. Bei etablierten Trägern wisse man, dass man inhaltlich auf einer Wellenlänge liege. Doğan nennt ein konkretes Beispiel. Bei Ferienangeboten für Jugendliche würde es keine Geschlechtertrennung geben. Bei einem muslimischen Verband könne das ein Konfliktpunkt werden. Auch Anbieter kulturspezifischer Pflegedienste wie der Multi-Kulti-Gesundheits- und Pflegedienst in Wilhelmsburg sehen zwar Nachfrage, aber keinen Bedarf für einen eigenen Verband. Man brauche mehr Kooperationen mit etablierten Partnern, nicht den Ausbau einer konfessionellen Parallelstruktur.