Welt 13.02.2026
07:21 Uhr

„Wo es der Feind am meisten spüren wird“ – Der Untergang des alten Dresdens 1945


Das Wetter meinte es gut mit dem Bomber Command der Royal Air Force am 13. Februar 1945. Die Folgen waren für die sächsische Residenzstadt an der Elbe dramatisch: Bis zu 25.000 Menschen kamen beim Luftangriff und dem anschließenden Feuersturm ums Leben.

„Wo es der Feind am meisten spüren wird“ – Der Untergang des alten Dresdens 1945

Die Entscheidung fiel im „Morgengebet“. So nannten die Offiziere im Stab des britischen Bomber Command (verlinkt auf https://www.iwm.org.uk/history/raf-bomber-command-during-the-second-world-war) die alltägliche Frühbesprechung, in der die nächsten Angriffe der RAF auf das Dritte Reich besprochen wurden. Immer um acht Uhr morgens kamen sie im Bunker auf dem Fliegerhorst High Wycombe nordwestlich von London zusammen, um die Einsatzziele der kommenden Nacht festzulegen. Die Männer, die sich auch am Dienstag, dem 13. Februar 1945, morgens hier versammelten, waren durchweg Spezialisten: erfahrene Piloten, Techniker, Nachrichtendienstler, Logistiker und die Vorgesetzten des fliegenden Personals. Doch die wichtigste Rolle hatten oft die Meteorologen. Seit vier Tagen hatte schlechtes Wetter effiziente Bomberangriffe auf Deutschland erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Deshalb war Arthur Harris (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article236846465/Bomber-Harris-Churchills-Reaktion-auf-die-Bombardierung-Dresdens.html) , der Chef des Bomber Command, ungehalten. Nun allerdings konnten ihm seine Wetterfachleute erfreuliche Nachrichten bieten. Zwar würde der Himmel über Großbritannien und auch über der Nordsee den ganzen Tag und die folgende Nacht bedeckt bleiben, über dem größten Teil von Deutschland sollte die Wolkendecke sogar auf 2000 Meter absinken. Das wäre eindeutig zu niedrig für Bombenangriffe mit schweren, viermotorigen Maschinen, die ihre tödliche Last nicht durch Wolken hindurch abwerfen konnten. Über dem östlichen Sachsen allerdings würde die Wolkendecke mit großer Wahrscheinlichkeit am späten Abend aufreißen. Voraussichtlich, so legte sich der Meteorologische Dienst der Royal Air Force (verlinkt auf https://rafpathfinders.com/meteorology-and-the-pathfinders/) fest, rund um Mitternacht und für vier bis fünf Stunden. Bessere Bedingungen für einen Großangriff konnte man mitten im Februar kaum erwarten: Beim Anflug wären seine Bomber durch Wolken geschützt, beim Angriff dürfte gute Sicht herrschen, der Rückflug würde wieder durch schlechteres Wetter erfolgen. Also entschied Harris, in der folgenden Nacht tatsächlich Dresden anzugreifen, und ließ das Supreme Headquarter der Alliierten entsprechend informieren. Von dort kam gegen neun Uhr morgens die Bestätigung, die zugleich bedeutete, dass die US-Bomberverbände in Großbritannien Dresden am folgenden Mittag ebenfalls angreifen würden, wenn sich das Wetter nicht wesentlich verschlechterte. Diese Zusammenarbeit war Teil der Kooperation von RAF und USAAF, den Luftstreitkräften der Army ( eine formal eigenständige US-Luftwaffe gab es noch nicht (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article167714486/8-US-Luftflotte-Die-US-Bomber-fingen-in-Europa-ganz-klein-an.html) ). Den Einsatzbefehl hatte der Stab des Bomber Command bereits auf Vorrat formuliert: „Dresden, die siebtgrößte Stadt Deutschlands, ist die größte bebaute Fläche, die noch nicht bombardiert worden ist“, hieß es in der Order, die am Vormittag an die einzelnen Fliegerhorste der RAF verteilt wurde: „Mit dem Angriff ist beabsichtigt, den Feind dort zu treffen, wo er es am meisten spüren wird.“ Umgehend kam die nach mehr als fünf Jahren Krieg routinierte Maschinerie (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article168220171/2-Weltkrieg-Diese-gewaltigen-Bomben-zerstoerten-Deutschlands-Staedte.html) des Bomber Command in Gang: Zuerst legten die Navigatoren den Hin- und Rückflugkurs fest. Die Entfernung zum Ziel betrug in direkter Luftlinie je nach Lage des Stützpunktes rund tausend Kilometer. Doch um die deutsche Abwehr zu täuschen und das Feuer konzentrierter Flakstellungen zu umgehen, sollten die Maschinen gerade nicht den kürzesten Weg nehmen. Die kleinere erste Welle würde über dem südlichen Belgien nach Nordost drehen, nördlich von Leverkusen den Rhein überfliegen, zwischen Magdeburg und Leipzig Richtung Elbe vorankommen und dort auf den Zielkurs Südost einschwenken. Der Rückflug war über Franken, Württemberg und Straßburg geplant. Die größere zweite Welle gut drei Stunden später würde über die Eifel nach Deutschland eindringen, dann südlich von Frankfurt gen Osten fliegen, bei Bamberg einen Haken nach Nordosten schlagen und erst über Gera auf Zielkurs Ostnordost drehen. Der Rückflug sollte ähnlich wie bei der ersten Welle erfolgen. Die gesamte Flugstrecke würde deshalb für beide Wellen statt 2000 jeweils rund 2700 Kilometer betragen. Mit genügend Treibstoff einschließlich einer Sicherheitsreserve konnte jede der viermotorigen Maschinen knapp vier Tonnen Bomben laden – eingeteilt waren für den Einsatz (außer zweimotorigen Mosquitos als Pfadfinder) nur die leistungsstärksten Muster Avro Lancaster. Das genaue Ziel hatten die Fachleute des Bomber Command schon Wochen zuvor ausgewählt: Direkt südlich der Elbschleife lag auf einer großen Freifläche das ovale Fußballstadion des Dresdner SC (verlinkt auf https://stadion-dresden.de/historie/) . Das war in perfekter Orientierungspunkt, denn man konnte es sogar bei Dunkelheit einwandfrei erkennen; das H2-S-Bodenradar der Führungsmaschinen würde es sowieso abbilden. Der Befehl lautete: Sobald die Bomber der ersten Welle das Stadion überflogen hatten, sollten sie ihre tödliche Fracht ausklinken. Sie würde zwangsläufig die Innenstadt von Dresden treffen. Am frühen Nachmittag des 13. Februar 1945 nahmen Offiziere und Mannschaften der RAF-Bomber ihre Mahlzeiten ein. Dann folgte die Einsatzbesprechung, während Mechaniker die Maschinen überprüften und munitionierten. Um 18.10 Uhr hob die erste Maschine der ersten Welle ab, eine Viertelstunde später waren alle vorgesehenen Bomber der 5. Flotte in der Luft. Sie brauchten bei einer Marschgeschwindigkeit von 320 Kilometern gut vier Stunden für die Strecke nach Dresden. Gegen 21 Uhr beendete auf dem verdunkelten Hauptbahnhof der Stadt der gerade 18-jährige Götz Bergander (verlinkt auf https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/erinnerungen-des-augenzeugen-goetz-bergander-an-die-bombardierung-dresdens-rueckblick) seinen Dienst. Eigentlich hätte der gebürtige Dresdner schon zur Wehrmacht eingezogen werden sollen, doch noch war kein Gestellungsbefehl angekommen. Also kümmerte er sich um Flüchtlinge aus Schlesien, die sich in den Hallen und Wartesälen der großen Station aufhielten. Um 21.15 Uhr alarmierte die deutsche Luftraumüberwachung die Luftschutzpolizei von Dresden, weil ein Angriff bevorstehen könnte. 24 Minuten später heulten in der Stadt die Sirenen, denn an der Elbe war der Bomberstrom auf Dresden eingeschwenkt. Wer konnte, suchte sich einen Platz in einem Keller. Bunker für Zivilisten gab es in Dresden, anders als in Berlin oder Leipzig, nicht. Den einzigen modernen Schutzraum aus Stahlbeton hatte NSDAP-Gauleiter Martin Mutschmann für sich selbst errichten lassen, hinter seiner Villa am Großen Garten. Um 22.03 Uhr wurde klar: Diesmal war es kein Fehlalarm. Mosquitos warfen an Fallschirmen grüne Markierungen und gleißend helle, langsam abbrennende Leuchtbomben ab. Das Stadion und die Innenstadt wurden in ein gespenstisches Licht getaucht. Zehn Minuten später röhrte der Strom der 235 Maschinen der ersten Welle über die Stadt hinweg. Die Lancasters warfen aus gut 4000 Metern Höhe binnen 15 Minuten ihre Ladung ab, knapp 900 Tonnen insgesamt, eine Mischung aus drei Fünfteln Spreng- und zwei Fünfteln Stabbrandbomben. Doch es kam noch schlimmer. Zwischen 1.25 und 1.55 Uhr morgens am 14. Februar 1945 nämlich bombardierten die 524 Lancasters der zweiten Welle die Stadt. Sie mussten höher fliegen, in 6000 Metern, weil über Dresden heftige Turbulenzen herrschten. Denn inzwischen brannte der barocke Kern. Daher brauchten die Bomber keine Zielmarkierung mehr. Diesmal flogen sie von Südwesten her ein. Zielgebiet war die ganze Innenstadt. Insgesamt fielen in der Nacht knapp 1500 Tonnen Sprengbomben und rund 1180 Tonnen Stabbrandbomben, deren Füllung aus Thermit mit bis zu 1500 Grad abbrannte und dabei alles Brennbare entzündete, was ihre heißen Funken trafen. Die Wirkung war verheerend: Die Dächer der überwiegend alten Häuser im Stadtzentrum wurden fortgerissen. Darunter fanden die Brandsätze, nichts anderes als überdimensionierte Zünder, genügend Material, das sie anstecken konnten. So entstand ein Feuersturm, der im Freien auf offener Straße einen reißenden Sog mit Temperaturen von mehreren Hundert Grad Celsius erzeugte, in geschlossenen Räumen zeitweise mehr als 1000 Grad. Er nahm selbst jenen Menschen, die einigermaßen vor Flammen und Bombensplittern geschützt in Kellern saßen, die Luft zum Atmen. Viele erstickten. Am Boden herrschten höllische Zustände. Mit mehr als hundert Kilometern pro Stunde fegte Luft in die lichterloh brennende Innenstadt, angesogen von den Bränden. Der Sauerstoff reagierte, Stickstoff und Kohlenmonoxid schossen erhitzt in die Höhe. Der Unterdruck saugte weitere Luft an. „Die Hitze war so groß, dass man es in der Nähe der Fenster nicht aushalten konnte“, berichtete der Augenzeuge Arnulf Baring (verlinkt auf https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article106270240/Ich-waere-gerne-klueger-gewesen-lebensklueger.html) , damals knapp 13 Jahre alt. Er überlebte das Chaos, ebenso wie Götz Bergander. Aber beide prägte die Erfahrung des Feuersturms, noch Jahrzehnte später brachen bei ihnen Emotionen durch, wenn sie sich erinnerten. Bis zu ihrem Tod in den 2010er-Jahren beschäftigte sie das. Die britischen Bomberpiloten waren schon auf dem Rückweg, doch das Zerstörungswerk ging weiter. Am Mittag des folgenden Tages warfen US-Bomber weitere 770 Tonnen Bomben in das rauchende Trümmermeer. Insgesamt starben in Dresden am 13./14. Februar 1945 bis zu 25.000 Menschen, wie die äußerst genauen Untersuchungen einer hochkarätigen Historikerkommission (verlinkt auf https://www.dresden.de/de/leben/stadtportrait/stadtgeschichte/ereignisse/03/historikerkommission/02_materialien.php) 2010 ergaben; übrigens hatte auch Götz Bergander wesentlich daran mitgearbeitet. Bis zum 31. März 1945 wurden 22.096 Tote geborgen, registriert, zum Großteil identifiziert und beigesetzt. Seither wurden noch etwa 2000 weitere Leichen in verschütteten Kellern entdeckt. Damit entsprach die Gesamtzahl der Opfer recht genau der Schätzung der Dresdner Behörden, die am 15. März 1945 von insgesamt 25.000 Toten ausgingen. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Seine hauptsächlichen Themen sind Nationalsozialismus, DDR und Terrorismus in der Bundesrepublik. Über den Luftkrieg und das Bombardement Dresdens schreibt er seit 1995.