Welt 29.01.2026
12:02 Uhr

Wo blieben die Frauen und Sklaven? Verblüffende Funde auf dem Varusschlachtfeld


Wer auf dem antiken Schlachtfeld von Kalkriese starb, ist umstritten. Neue Studien liefern starke Argumente für Varus. Hier kämpfte eine Legion, die unter dem Kommando des römischen Statthalters stand, als er 9 n. Chr. in Germanien einfiel.

Wo blieben die Frauen und Sklaven? Verblüffende Funde auf dem Varusschlachtfeld

Zu den faszinierendsten Erinnerungsorten der deutschen Geschichte gehört der Teutoburger Wald. Denn im Teutoburgiensis saltus , so der Historiker Tacitus, vernichteten im Jahre 9 n. Chr. Germanen unter Führung des Arminius die Armee des römischen Statthalters Varus. Weil sie meinten, damit die deutsche Geschichte bis zum Kaiser Augustus zurückverfolgen zu können, haben sich viele Generationen an der Suche (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article3743384/Mythos-Die-Varusschlacht-taugt-uns-nicht-als-Gedenktag.html) nach der Walstatt abgearbeitet. Germanen wurden so zu Ahnen der Deutschen und das Osning-Gebirge zum Teutoburger Wald (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article104030221/Archaeologie-Wo-zum-Teufel-liegt-der-Teutoburger-Wald.html) umgedeutet, wo das Nationaldenkmal für Hermann (Arminius) zur Wacht gegen alles Romanische aufrief. Entsprechend fanatisch geriet der Kampf um die Lokalisierung (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article190558239/Varus-vs-Arminius-Schlacht-bei-Kalkriese-wird-umgedeutet.html) , der im Laufe der Jahrhunderte etwa 700 Vorschläge hervorgebracht hat. Von der Heftigkeit zeugt auch die Debatte, die um den Ort Kalkriese am Nordrand des Wiehengebirges tobt. Dort kommen seit den 1980er-Jahren zahlreiche Funde ans Licht, die zweifellos einen militärischen Zusammenstoß zwischen Römern und Germanen bezeugen und die in die späte Regierungszeit des Augustus (reg. 30 v.–14 n. Chr.) oder seines Nachfolgers Tiberius (reg. 14–37) datiert werden. Obwohl die These, dass hier die Legionen des Varus untergingen, bereits Eingang in Handbücher gefunden hat, wurde mit Unterstützung der Volkswagen Stiftung das Projekt „Kalkriese als Ort der Varusschlacht – eine anhaltende Kontroverse“ (verlinkt auf https://www.kalkriese-varusschlacht.de/die-varusschlacht/metallurgischer-fingerabdruck-1.html) aufgelegt. Das Ergebnis sind zwei wegweisende Studien, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbau-Museum/Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen in Bochum und der Universität München entstanden und jetzt im Varusschlacht-Museum und Park (verlinkt auf https://www.kalkriese-varusschlacht.de/index.html) vorgestellt wurden. Insgesamt 5400 Kleinobjekte, darunter mehr als 1000 unveröffentlichte, hat die Archäologin Uta Schröder (verlinkt auf https://reichert-verlag.de/schlagworte/varusschlacht_schlagwort/9783752009408_kalkriese_ort_der_varusschlacht-detail) untersucht. Sie bestätigen einmal mehr, dass in Kalkriese ein großes römisches Heer gekämpft hat. Ausrüstungsgegenstände belegen die Anwesenheit von Legionären, Reitern, Ärzten, Schreibern und verweisen auf Rekrutierungsgebiete am Niederrhein und eine frühere Stationierung in Spanien. „Auffällig ist jedoch, dass nur drei Schleuderbleie gefunden wurden“, sagt Uta Schröder, „und dabei handelt es sich um Altfunde“, sie können also ebenso aus anderen Zusammenhängen stammen. Auch von der hoch entwickelten römischen Artillerie lassen sich nur wenige Bolzen nachweisen. Das steht im Gegensatz zum Befund auf dem bekannten Schlachtfeld am Harzhorn (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255814472/Praezision-und-Feuerkraft-Roms-Artillerie-erreichten-Frequenz-und-Durchschlagskraft-moderner-Feuerwaffen.html) im Landkreis Northeim, wo Römer unter der Führung des Kaisers Maximinus Thrax 235/6 mithilfe von Torsionsgeschützen den Sieg über Germanen erringen konnten. Auch konnte die Archäologin nur wenige Spuren eines Trosses identifizieren, der für ein Heer von 20.000 Mann, selbst wenn es bereits hohe Verluste hinnehmen musste, zu erwarten wäre. Das gilt auch für eine andere Gruppe, von der der römische Historiker Cassius Dio ebenfalls berichtet: „Wie im Frieden führten sie (die Legionen; d. Red.) viele Wagen und auch Lasttiere mit sich; dazu begleiteten sie zahlreiche Kinder und Frauen und noch ein stattlicher Sklaventross.“ „Kein Objekt aus Kalkriese belegt die Anwesenheit von Frauen“, zieht Uta Schröder Bilanz, was übrigens auch für die Germanen gilt. Verschiedene Erklärungen sind denkbar. Das Fehlen germanischer Artefakte bezeugt einmal mehr ihren Sieg. Sie waren es, die auf dem Schlachtfeld die für sie wertvollen Metallstücke plünderten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article216543680/Varusschlachtfeld-Vollstaendiger-Legionaerspanzer-entdeckt.html) und ihre Toten mitnehmen konnten. Auch kämpften sie nur leicht bewaffnet, verfügten also kaum über Gegenstände, die die Zeiten überdauerten. Arminius selbst war Offizier der römischen Hilfstruppen, die jeder Legion zugeordnet waren. Obwohl Aufrührer und Deserteur, dürften er und seine Truppe wie Römer ausgerüstet gewesen sein. Cassius Dio, der mehr als 200 Jahre nach der Varusschlacht schrieb, kann sich natürlich eines literarischen Topos für einen römischen Heerzug bedient haben. Eine andere Lösung bietet Stefan Burmeister (verlinkt auf https://www.dguf.de/fachgesellschaft/wahl-dfg-fachkollegium/dr-stefan-burmeister) , Geschäftsführer Varusschlacht im Osnabrücker Land: „Varus und seine Legionen befanden sich nicht auf einem Kriegszug. Ihr Auftrag war eine Demonstration, um den Bewohnern Germaniens die Macht Roms vor Augen zu führen. Schließlich sollte das Land als Provinz organisiert werden.“ Eine derartige Operation könnte das Fehlen von Tross, Frauen und Sklaven erklären. Das wäre auch ein weiteres Indiz für die Lokalisierung der Schlacht. Denn die Feldzüge, mit denen der Prinz Germanicus 14–16 Germanien überzog (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article238992969/Germanicus-in-Germanien-Alles-Volk-wurde-erschlagen.html) und die manche Forscher mit Kalkriese verbinden, wurden gewiss von vollständig ausgerüsteten Legionen unternommen. Damals mobilisierte das Imperium etwa ein Drittel seiner Kriegsmacht. Von dieser Truppenmasse haben sich in Kalkriese bislang allerdings keine Spuren gefunden. Das ist das Ergebnis der metallurgischen Untersuchungen von Annika Lüttmann (verlinkt auf https://www.bergbaumuseum.de/museum/mitarbeitende/kontakt-detailseite/annika-luettmann-m-sc) . Bereits 2022 (als sie noch Diekmann hieß) haben Vorberichte auf eine Sensation gedeutet (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article242155481/Schlachtfeld-Kalkriese-Wo-Varus-und-seine-Legionaere-ihr-Leben-liessen.html) , die nun von der Dissertation der Chemikerin bestätigt wird: In Kalkriese haben Soldaten der 19. Legion gekämpft. Da dieser Großverband aber zusammen mit der 17. und 18. Legion im Teutoburgiensis saltus untergegangen ist und nie wieder aufgestellt wurde, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass in Kalkriese die Varusschlacht geschlagen wurde. Belege dafür fand Annika Lüttmann in den rund 350 Objekten aus Buntmetallen, die in Kalkriese geborgen und von ihr mit einem innovativen Verfahren im Deutschen Bergbaumuseum Bochum analysiert wurden. Zugrunde liegt die Erfahrung, dass Gürtelschnallen, Riemenhalter oder Fibeln aus Bronze oder Messing von den Handwerkern der Legionen wiederholt eingeschmolzen wurden. Dabei gerieten Spuren aus der Umgebung in das Metall und führten mit der Zeit zur Ausbildung eines charakteristischen Musters in der Zusammensetzung der Spurenelemente. „Wir können daher den Legionen, von denen wir wissen, an welchen Lagerstandorten sie stationiert waren, einen eigenen legionsspezifischen metallurgischen Fingerabdruck zuordnen“, erklärt Annika Lüttmann. Fündig wurde sie in Dangstetten im Landkreis Waldshut. Inschriften belegen, dass dort ab etwa 15 v. Chr. zumindest Teile der 19. Legion stationiert waren. Im Jahr 6 n. Chr. nahm sie unter dem späteren Kaiser Tiberius an der Niederschlagung des Pannonischen Aufstandes Teil und wurde anschließend dem Varus unterstellt. „Beim Abgleich der Funde aus Kalkriese mit denen aus Dangstetten stellten wir signifikante Übereinstimmungen fest“, sagt Annika Lüttmann. „Signifikante Unterschiede“ gab es dagegen bei Buntmetallen, die aus den nachgewiesenen Standorten der 2., 13., 20. und 21. Legion stammten. Quellen belegen, dass diese Einheiten allesamt unter Germanicus 14–16 in Germanien im Einsatz waren, was gegen einen Einsatz von dessen Heer in Kalkriese spricht. Dennoch wahrt Stefan Burmeister wissenschaftliche Vorsicht: „Die Arbeit von Annika Lüttmann zeigt einmal mehr, wie neue naturwissenschaftliche Methoden die Archäologie befruchten.“ Gleichwohl wolle man ergebnisoffen weiterarbeiten. So haben er und der wissenschaftliche Leiter von Kalkriese, der Osnabrücker Archäologe Marcus Zagermann (verlinkt auf https://www.uni-osnabrueck.de/fb1/geschichte/abteilungen/archaeologie-der-roemischen-provinzen/personen/prof-dr-marcus-zagermann) , angekündigt, in den kommenden Jahren den Fokus auf die Frage zu legen, ob die Römer bei Kalkriese in einen Hinterhalt der Germanen geraten sind oder ob sie noch einmal zur Verteidigung ein Marschlager anlegen konnten, von dem antike Autoren berichten. Die Kontroverse um die Lokalisierung der Varusschlacht dürfte dennoch weitergehen. Dass leidenschaftliche Lokalpatrioten ihre lieb gewordenen Ansichten bis zum Letzten verteidigen, ist verständlich. Die Hyperkritik jedoch, mit der auch ausgewiesene Wissenschaftler immer wieder neue Zweifel anführen, rührt an einem methodischen Problem der Altertumswissenschaften. Ihre zumeist dürftige Quellengrundlage erlaubt selten eine abschließende Rekonstruktion historischer Vorgänge. Würde man denselben Maßstab für Plausibilität, wie er für Kalkriese eingefordert wird, an viele andere Überlieferungen anlegen, bliebe von ihnen nur wenig übrig. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.