Hoch über den Hochhäusern von „Steilo“, so nennen die Bewohner von Steilshoop ihr Viertel, spannt sich ein knallblauer Himmel. Mächtige Platanen beugen sich im Gropiusring über den Asphalt der Straße und spenden Schatten. Der Hochsommer steht dem Stadtteil gut, der in der Vergangenheit meist mit trostlosen Nachrichten von sich Reden machte. Den Eindruck, die Stadt habe das Viertel aus dem Blick verloren, will man widerlegen und so steht Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) hier, auf dem Areal der Schule am See, um durch die neuen Sportstätten des Viertels zu führen. Rund 15,5 Millionen Euro nahm die Stadt in die Hand, damit der hier beheimatete 1. FC Heilbrook, die Schule, aber auch andere Träger aus dem Viertel Sportangebote umsetzten können. Mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche buchstäblich von den Straßen zu holen. Mit der Fertigstellung zweier Sporthallen und dem Baustart eines Sportplatzes mit Kunststoffrasen samt Vereins-Clubheim, das noch gebaut wird, will die Stadt den Wandel vorantreiben. „Es geht in die richtige Richtung, auch wenn noch nicht alles perfekt ist“, so der Finanzsenator. Dabei trieben die Bewohner in den letzten Monaten ganz andere Sorgen um. Im Stadtteil mangelt es seit Monaten an ärztlicher Versorgung (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article69e89b004a467a672855ff51/behoerdendomino-in-steilshoop-warum-auf-einen-hausarzt-5000-patienten-kommen.html) . Die 20.000 Menschen, die hier leben, werden momentan von einem Haus- sowie einem Kinderarzt versorgt. Lange schaute die Stadt zu und wies alle Zuständigkeiten von sich. Nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hamburg hat Anfang des Monats entschieden, dass Steilshoop eine zweite Hausarztpraxis bekommt. Zwei hausärztliche Sitze aus anderen Stadtteilen würden demnach hierher verlegt. Zum 1. Oktober soll eine neue Praxis im Schreyerring eröffnen, in der drei Hausärzte sowie ein Assistenzarzt praktizieren sollen. Die eine bereits bestehende Praxis bleibt erhalten. Dass sich lange nichts tat, hängt damit zusammen, dass im Zuge der Anbindung des Viertels an die U5 ein neues Zentrum geplant ist. Doch bis die Großbaustellen abgeschlossen sind, werden noch Jahre ins Land gehen. Das Zentrum des Viertels besteht im Wesentlichen aus dem Ärztetower und einem Einkaufszentrum. Beide Immobilien sind in der Hand eines Eigentümers, der auf dem Areal einen neuen Komplex bauen will. Geplant sind 350 Wohnungen, davon mindestens 35 Prozent öffentlich gefördert. Dazu Flächen für Einzelhandel, Gastronomie, ein medizinisches Zentrum, eine Kita, neue öffentliche Plätze, ein Fitnessstudio und Flächen für das Jugendamt. „Wenn es nicht klappt, greift die Stadt ein“ Da das Einkaufszentrum seit Jahren immer weiter verfällt und dort im Grunde keine nutzbaren Gewerbeflächen zur Verfügung stehen, gab es, neben der geringen Nachfrage an Ärzten, praktisch keine Möglichkeiten für neue Praxen. Im Juni verkündeten Bezirk und Finanzbehörde, dass man mit dem Eigentümer der beiden markanten Immobilien im Zentrum eine Sanierungsvereinbarung abgeschlossen habe. „Jetzt haben wir endlich einen anständigen Eigentümer“, sagt Dressel. „Und wir werden ihn an seinen Taten messen. Wenn es nicht klappt, greift die Stadt ein.“ Fakt ist: Es habe auch mit der Voreigentümerin Sanierungsvereinbarungen gegeben, die aber nicht eingehalten worden sind, räumt Dressel ein. „Wir sind als Stadt verarscht worden – und das passiert uns kein zweites Mal.“ Die Voreigentümerin hatte die Gebäude trotz großer Versprechen jahrelang sich selbst überlassen. Bei aller Euphorie stellt sich aber dennoch die Frage, warum in dem neu unterzeichneten Vertrag entscheidende Stellen geschwärzt wurden. Das betrifft den Beginn der Umbauphase sowie vertraglich vereinbarte Strafzahlungen, die fällig werden, falls die beteiligten Unternehmen ihre Verpflichtungen nicht erfüllen sollten. Es handle sich dabei um „handelsübliche Regelungen, die auch Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse der Eigentümerseite betreffen“, entgegnet der Finanzsenator. Und versichert: Niemand müsse Sorge haben, dass sich da wieder jemand rausziehen könne. „Wir haben als Stadt nun die Interventionsmöglichkeiten, die wir brauchen, damit sich so etwas nicht wiederholen kann.“ Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Sandro Kappe, der sein Bürgerbüro im Viertel hat, kritisiert die Geheimhaltung. „Solange die Vertragsstrafen geschwärzt sind und nicht erläutert werden, müssen wir davon ausgehen, dass es keine ernsthaften Konsequenzen gibt. Dann ist es ein schlechter Vertrag.“ Dennoch freut er sich, dass sich im Hinblick auf die schlechte medizinische Versorgung eine Kehrtwende abzeichnet. „Ohne das Zusammenspiel aller Beteiligten wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Trotz aller Freude darf das nur ein Anfang sein“, fügt Kappe hinzu. „Früher gab es in Steilshoop zehn Hausärzte. Daran müssen wir wieder anknüpfen.“ Das sieht auch Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) so. Die Sozialbehörde stehe seit Langem mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und dem Bezirk Wandsbek in engem Austausch, um die ärztliche Versorgung insbesondere in Steilshoop zu stabilisieren und langfristig sicherzustellen. „Dass nun zwei hausärztliche Sitze dazukommen sollen, ist eine wirklich gute Nachricht für die Menschen im Stadtteil.“ Man werde sich beim Bundesgesundheitsministerium auch weiterhin dafür einsetzen, dass eine kleinräumige und an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientierte Bedarfsplanung endlich kommt und haus- und kinderärztliche Versorgung weiterhin auf einem hohen Niveau erhalten bleibe, sagte Schlotzhauer.