Die Tür geht auf, die Kanzlerin kommt hinein in den Ernst-Cramer-Saal im 19. Stock der Axel-Springer-Zentrale, und alle springen auf und klatschen. Angela Merkel schreitet vorbei an hochbezahlten Managern, den mächtigsten der Republik, die Spalier stehen und gar nicht aufhören wollen zu klatschen. Es ist der 29. September 2008, ein historischer Tag in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Einmal im Jahr kommen Spitzenvertreter der Wirtschaft bei Axel Springer (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/verleger-axel-springer/) mit der ersten Garde aus der Berliner Politik zum WELT-Wirtschaftsgipfel (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/welt-wirtschaftsgipfel/) (WWG) zusammen, das ist bis heute so. Es gelten die Chatham-House-Regeln: Was besprochen wird, bleibt vertraulich. Auch Angela Merkel (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/angela-merkel/) , die nach dem allerersten WWG 2008 zum Dauergast werden sollte, hat Bitten der WELT-Redaktion, vielleicht doch das eine oder andere Zitat zur Veröffentlichung freizugeben, zumeist abschlägig beschieden. Was aber bestimmt verraten werden darf: So viel Beifall wie damals, Standing Ovations gar, bekommt Merkel beim WWG nie wieder und ihre Nachfolger bis heute auch nicht. Viele dramatische Wochenenden mit Krisensitzungen und Krisengipfeln gibt es in den Jahren 2008 bis 2015 in Berlin, Brüssel und einigen anderen europäischen Städten, das letzte Septemberwochenende des Jahres 2008 ist das erste davon. Es ist das erste, bei dem deutsche und europäische Entscheidungsträger in dem Glauben agierten, dass schwerste Verwerfungen an den Kapitalmärkten zu erwarten seien, wenn nicht zum Start der Börsenwoche in Tokio eine Lösung gefunden ist. Anfangs geht es um die Hypo Real Estate (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hypo-real-estate/) , wenig später um die Commerzbank, von 2010 an dann um ganze Staaten, Griechenland vorneweg. Zwei Wochen vor dem ersten WWG ist die heraufziehende Finanzkrise zum ersten Mal richtig eskaliert, mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers. In Deutschland werden die Folgen aber zunächst konsequent heruntergespielt. Die WELT zitiert am Tag nach der Lehman-Pleite aus einer Stellungnahme des Finanzministeriums, der Bundesbank (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/bundesbank/) und der Finanzaufsicht, wonach die Folgen für Deutschland „verkraftbar“ seien, und ein prominenter Ökonom tut sich in der gleichen WELT-Ausgabe mit der Prognose hervor, die „neue Welle der Finanzkrise (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/finanzkrise/) “ werde „hierzulande allenfalls geringe Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben“. Finanzminister Peer Steinbrück (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/peer-steinbrueck/) (SPD) wiederum gibt per Regierungserklärung mit der ihm eigenen Selbstgewissheit zu Protokoll, die Finanzmarktkrise sei „vor allem ein amerikanisches Problem“. Nur drei Tage später müssen Steinbrücks Leute ein Rettungspaket für den angeschlagenen deutschen Finanzkonzern HRE schnüren. Das Rettungspaket, das dann an eben jenem 29. September 2008 mit der Finanzbranche abgestimmt wird, beinhaltet Steuerzahler-Garantien im Umfang von fast 27 Milliarden Euro. Heute, viele Rettungspakete später, ist das längst eine Summe, die kein Staunen mehr auslöst. Damals dagegen ist sie ein Schocker – dass Beträge dieser Größenordnung der Preis sein könnten für einen fehlregulierten Finanzkapitalismus, ist eine gänzlich neue Erkenntnis. Die nächsten Lehren lassen nicht lange auf sich warten. Etwa die, dass ein Rettungspaket nur dann groß genug ist, wenn die Märkte daran glauben. Bei der HRE ist das seinerzeit nicht der Fall, weswegen gleich eine Woche später die nächste Rettungsaktion folgen muss. Und im Zweifel, auch das ist neu, muss eine Blanko-Garantie her. Die international berühmteste kommt Jahre später, als der damalige EZB-Chef Mario Draghi die Euro-Krise mit nur einem Halbsatz zu seiner Rettungsphilosophie („whatever it takes“) entscheidend entschärft. Der riskanteste Satz, den Merkel in ihren 16 Jahren im Amt je gesagt hat Im Frühherbst 2008 demgegenüber sind es Merkel und Steinbrück, die sich vor die Kameras im Kanzleramt stellen. Der beklatschte WWG-Auftritt Merkels bei Axel Springer war noch keine Woche her, da versichert sie ungefragt: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ Das ist wohl der riskanteste Satz, den Merkel in ihren 16 Jahren im Amt je gesagt hat. Denn erstens ist er ein Bluff. Merkel will verhindern, dass die Sorge um die Stabilität des Bankensystems die Bürger dazu treibt, ihre Ersparnisse abzuheben – was wiederum gar zu leicht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann. Der Fiskus hätte aber gar nicht die Mittel gehabt, einer vollumfänglichen Einlagengarantie auch Taten folgen zu lassen. Zweitens hätte das Statement auch jene Sorgen vertiefen können, die es eigentlich lindern sollte, Motto: Wenn die Kanzlerin schon so etwas sagt, dann muss die Lage wirklich ernst sein. Merkels Wette geht auf, der „Bank run“ bleibt aus und damit auch der schon ausgemalte Absturz in die Barterwirtschaft. Dass dies gelingt, hängt wohl auch damit zusammen, dass das Vertrauen der Bürger in den Staat, seine Institutionen und Repräsentanten und deren Problemlösungskompetenz noch weitgehend intakt ist. Doch die Lösung der Finanzkrise und der von ihr befeuerten Euro-Krise wird nicht nur Jahre beanspruchen und ungezählte Milliarden kosten. Die Krise ist auch der Urknall für die ungeahnte Vertrauenskrise, die die klassischen liberalen Demokratien befallen hat. Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen in einer komplexer gewordenen Welt, das Spiel mit dem populistischen Feuer an der Wahlurne, mitsamt Trump und Brexit, AfD und BSW als Ausdrucksformen: Ohne Finanzkrise hätte es das nicht gegeben, jedenfalls nicht so, wie es dann kam. Aber damals, zu Zeiten der letzten noch wirklich großen Koalition, ist das noch weit weg. Schon am 14. Januar 2010 kann diese Zeitung schreiben: „Die akute Krise ist überstanden. Auf dem zweiten WELT-Wirtschaftsgipfel debattierten Spitzenvertreter aus Politik und Wirtschaft darüber, wie das Land nun auch zu alter Prosperität zurückfinden kann.“ Olaf Gersemann (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/olaf-gersemann/) ist Stellvertretender Chefredakteur KI.