Von der Urlaubsplanung bis zur Hausaufgabenhilfe: Künstliche Intelligenz (KI) erleichtert längst den Alltag. Trotzdem betrachtet fast jeder vierte Deutsche die Technologie als Gefahr, so das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Initiative „Digital für alle“. Auch Experten befürchten: ChatGPT und Co. könnten Millionen Arbeitsplätze vernichten, die Welt mit Desinformation überfluten, soziale Ungleichheiten verschärfen. Jan vom Brocke, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Münster, beschäftigt sich dagegen mit der Frage, wie KI zum Wohl der Gesellschaft eingesetzt werden kann. Zeit für einen optimistischen Blick in die Zukunft. WELT: Bündig gefragt: Wird KI die Welt retten? Jan vom Brocke: Wenn die Welt gerettet wird, dann wird KI dabei sicher eine ganz wesentliche Rolle spielen. Aber es gibt natürlich auch die Gegenperspektive mit der Frage: Wird KI die Welt zerstören? Ich würde daher eher von einem Prozess des „permanenten Rettens“ sprechen, bei dem die Mensch-Maschine-Kooperation uns allen hilft. Die KI ist ein Werkzeug mit gewissen Stärken, aber eben nur ein Werkzeug. Wir dürfen das nicht überbewerten. WELT: Wie sieht die Mensch-Maschine-Gesellschaft der Zukunft denn aus? Brocke: Sie ist arbeitsteilig: Jeder macht das, was er oder sie am besten kann – denn auch die KI kann nicht alles. Als Menschen können wir tätig sein, wo Menschlichkeit gefragt ist: Empathie, Motivation, Kreativität. Wer zum Beispiel einen Kredit für den Hausbau aufnimmt, möchte seine Ideen, Visionen und vielleicht auch Ängste meist gerne mit einem Menschen besprechen, möchte sich verstanden fühlen. Ich denke, unsere Zukunft als Menschen liegt in den Sozialkompetenzen, in der Reflexion und im Kreieren neuer Dinge, etwa in der Forschung oder auch der Kunst. Durch die Nutzung von Maschinen haben wir die Chance, auf eine höhere Wertschöpfungsebene zu kommen: Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die enormen technischen Möglichkeiten auch zum Wohle der Menschheit genutzt werden. Dafür müssen wir natürlich gewisse Leitplanken einhalten, Werte definieren und den Mut haben, eine positive Zukunft zu gestalten. WELT: Bei technologischen Innovationen steht oft eher der Profit im Vordergrund. Wie kann KI sinnvoll zum Wohle der Gesellschaft eingesetzt werden? Brocke: Der erste Schritt ist, uns zu fragen, was das Wohl der Gesellschaft für uns bedeutet. Eine Hilfsorganisation, die dank KI weniger Zeit auf administrative Tätigkeiten verwenden muss, hat mehr Zeit zu helfen – die Effizienzsteigerung führt also zu etwas Gutem. Die Berücksichtigung von Echtzeitinformationen im Bahnverkehr könnte für mehr Pünktlichkeit sorgen, weil Störungen besser vorhergesehen oder gar vermieden werden. Gerade in Nordrhein-Westfalen mit seinen Mobilitätsketten in den großen Ballungszentren ist die Zuverlässigkeit der Infrastruktur für viele Menschen unglaublich wichtig. Es geht also nicht um einzelne Anwendungsbereiche. KI kann überall helfen, die Dinge, die wir tun, besser zu tun – vorausgesetzt wir haben eine gute Datengrundlage. WELT: Im neu gegründeten Forschungslabor „Flow Factory“ wird an der Universität Münster der Einsatz von KI zum Wohl von Wirtschaft und Gesellschaft erforscht. Haben Sie ein Beispiel? Brocke: Die Forscher fragen, wie KI zum Wohle der Menschen genutzt werden kann. Sie sehen sich Arbeitsabläufe und Kundeninteraktionen an, fragen, welche neuen Dienstleistungen mit KI angeboten werden können, was die Nutzung von KI mit Mitarbeitern und Kunden macht oder wie sie sich auf Werte wie Vertrauen, Inklusion oder Nachhaltigkeit auswirkt. Förderer ist die Sparkassen-Finanzgruppe, aber die Forschung ist nicht auf diese Unternehmensgruppe beschränkt. Ganz konkret wird dort zum Beispiel gerade untersucht, wie Menschen geschult und entwickelt werden sollten, um in ihrem Job von KI zu profitieren. WELT: Das Potenzial ist groß: Künstliche Intelligenz gilt als die Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts. Erwartet uns eine Revolution wie zur Zeit der Industrialisierung? Brocke: Ich sehe eher eine kontinuierliche Weiterentwicklung, eine Fortsetzung der Industrialisierung. Wenn wir Maschinen als Werkzeuge verstehen, dann leben wir seit jeher in einer Mensch-Maschine-Gesellschaft, angefangen beim Feuerstein oder dem Hammer. Früher war der Anteil der Maschinen nur kleiner, jetzt wird er – insbesondere durch KI – immer größer. Wir kommen immer mehr in eine Mensch-Maschine-Kooperation, in der Technologien unsere Kollegen sind. Wir haben da gar keine andere Wahl. Das passiert einfach. Wir müssen uns kritisch mit der Technologie auseinandersetzen, spielerisch Dinge ausprobieren. Und das auch immer wieder tun, da sich alles so schnell weiterentwickelt. Im Moment sind wir in einer heißen Phase, in der viele noch nicht wissen, wo wir die Technologie sinnvoll einsetzen können und wo es schädlich wäre. Eine solche Urteilsfähigkeit und auch ein entsprechendes Verantwortungsbewusstsein wird zu einer der Schlüsselkompetenzen der Zukunft. WELT: Die Digitalisierung ist ja längst Alltag: Wir lassen uns von Navigationssystemen leiten, wohnen im „Smarthome“ und kaufen, was Algorithmen vorschlagen. Was wird die Zukunft noch bringen? Brocke: Was sicher mehr werden wird, ist der große Bereich der Assistenzsysteme: Sie können als Gesprächsunterstützung dienen, zum Beispiel beim Abschluss von Verträgen. Sie können ein gesünderes, sichereres, umweltfreundlicheres Verhalten stimulieren, indem sie Verhaltensmuster identifizieren und mir im Alltag Hinweise geben, besser durch den Tag zu kommen: Wir bekommen nützliche Informationen, etwa den Namen meines Gegenübers oder Wegbeschreibungen, oder auch Empfehlungen, vielleicht mal eine Pause zu machen, ein Glas Wasser zu trinken und an die frische Luft zu gehen. Dafür brauchen wir Endgeräte, Rechenpower und Daten – die KI ist also nur eine Zutat der digitalen Transformation. Sie erlaubt einerseits die Unterstützung des Menschen und andererseits auch die Automatisierung, also die Übernahme ganzer Tätigkeiten. WELT: So könnten KI-Systeme Millionen Arbeitsplätze vernichten. Brocke: Viele Menschen fragen sich, ob sie von KI ersetzt werden, und in der Tat kann die KI heute Dinge tun, die früher nur Menschen konnten. Aber durch die Unterstützung der Technologie bekommen wir die Chance, spannendere und wertstiftendere Dinge zu tun. Die KI fordert uns heraus, echte Mehrwerte zu bieten: Der Wettbewerb mit den KI-Lösungen spornt uns dazu an, besser zu sein als die KI. In der Lehre an der Uni zum Beispiel könnten die Studierenden ja genauso gut KI-Bots befragen statt sich in meine Vorlesung zu setzen. Die Anwesenheit im Hörsaal sollte also einen Mehrwert bieten, durch Diskussionen, Projekte, gemeinsames Reflektieren und hoffentlich auch Inspiration. Zusätzlich biete ich meinen Studierenden selbst noch einen Bot an, den ich wiederum mit den Vorlesungsinhalten füttere. So versuche ich, eine gute Lehre zu gestalten, und so machen das erfolgreiche Unternehmen auch. WELT: In der Medizin spielt der technologische Fortschritt eine besonders wichtige Rolle: Krankheiten können besser diagnostiziert und behandelt werden. Werden wir bald ewig leben? Brocke: Evident ist, dass wir länger leben werden. Die Unendlichkeit mag ich nicht beurteilen. Aber es gibt schon die ersten KIs, die Menschen zumindest virtuell am Leben erhalten, sodass ich mich auch nach ihrem Tod noch mit ihnen unterhalten kann. Will ich das aber? Das zeigt: nicht nur, was wir technisch können, sondern was wir gesellschaftlich auch wollen und wünschen ist wichtig. WELT: Die EU setzt auch auf dem Weg zur Klimaneutralität auf Digitalisierung. Welche Chancen bieten die neuen Technologien für Nachhaltigkeit und Klimaziele? Brocke: Ich glaube, die Chancen sind sehr groß, zum Beispiel durch Systeme, die Angebot und Nachfrage von Energie viel besser regeln: In smarten Umgebungen wird der Energieverbrauch bedarfsgerecht angepasst. KI erlaubt hier die Schaffung autonomer, sich selbst regelnder Systeme, die Daten aufnehmen, analysieren und sich entsprechend anpassen, wie zum Beispiel im Heizverhalten. Außerdem können Assistenzsysteme das Verhalten von Menschen beeinflussen, indem sie etwa Rückmeldungen geben über Strom- oder Wasserverbrauch. In aktuellen Projekten entwickeln wir solche Assistenzsysteme, die unseren CO₂-Fußabdruck messen und helfen, uns umweltfreundlicher zu verhalten. Allerdings müssen wir die ressourcenschonende Verwendung der Technologie sicherstellen, damit sie mit ihrem eigenen hohen Energieverbrauch am Ende nicht schädlich ist. Ein solcher wertstiftender Einsatz von KI ist Gegenstand unserer Forschung in der Wirtschaftsinformatik. WELT: Viele Menschen sind da skeptisch. Studien zeigen: Mindestens ein Viertel der Deutschen sieht in der KI eine Gefahr. Wie kann das Vertrauen in die Technologie gestärkt werden? Brocke: Positive Erfahrung und Wissen sind die besten Mittel gegen Angst. Es wurde schon lange über KI geredet, aber plötzlich kommt ChatGPT raus und jeder kann damit herumprobieren. Erst wenn wir erfahren haben, dass etwas gut ist, entsteht Vertrauen. Jetzt lautet die Frage eher: Wo kann ich der KI vertrauen und wo nicht? Wir müssen da ein differenziertes Verständnis entwickeln. Zum Beispiel können wir wissenschaftliche Inhalte durch KI-Übersetzungen und Zusammenfassungen einem viel breiteren Publikum zugänglich machen. So eine Inklusion und Partizipation stärkt die Demokratie. Aber die KI kann auch Teile der Bevölkerung abhängen und die Urteilsfähigkeit der Menschen durch Desinformation infrage stellen. WELT: Einer, der positiv in die Zukunft blickt, ist NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Er sagt: „Nordrhein-Westfalen hat sich auf den Weg von der Kohle zur KI gemacht.“ Teilen Sie das? Brocke: Wir haben in NRW nicht nur viele ausgezeichnete Universitäten und tolle Unternehmen. NRW hat eine DNA, die Veränderungen kennt, und das ist beim Umgang mit der Digitalisierung eine Kernkompetenz. Ein ehemaliger Wirtschaftsinformatikstudent aus Münster hat eines der wertvollsten KI-Unternehmen Europas gegründet – Cognigy.AI – und es gibt zahlreiche großartige Beispiele aus NRW. Die Aussage von Herrn Wüst verstehe ich zusätzlich auch als Ambition: Da wollen wir hin. Und genau eine solche Ambition finde ich klasse, da sie Mut macht und Zeichen setzt. Wir müssen nur auch ebenso beherzt an diesem Bild arbeiten. Kürzungen in Forschung und Lehre, die wir aktuell sehen, helfen da nicht, wenn sie auch so wichtige Zukunftsbereiche wie die Wirtschaftsinformatik betreffen. Unternehmen wie die Sparkassen-Finanzgruppe mit der Flow Factory gehen schon voran. Insgesamt sind aber Rahmenbedingungen zu setzen, die NRW zu einem attraktiven Standort für Forschung und Gründung im Bereich der KI-Transformation machen. WELT: Die Landesregierung sieht in NRW gar das Potenzial, den globalen Wettbewerb um die Führungsrolle in einigen Bereichen künftiger Schlüsseltechnologien zu gewinnen. Wie realistisch sind diese Ambitionen denn? Brocke: Wir haben immer eine Chance – auch gegen das Silicon Valley. Wobei mir „gegen“ gar nicht gefällt. Wir vergleichen uns viel mit den KI-Giganten dieser Welt. Vielleicht brauchen wir das gar nicht. KI ist ein Mittel zum Zweck, und wir sind wahrscheinlich gut beraten, über den Zweck zu konkurrieren. Was heißt das? Wenn ich Bank bin, sollte ich eine gute Bank sein. Dazu nutze ich KI. Wenn ich Universität bin, sollte ich eine super Universität sein, und – wieder – ich nutze KI. Wenn KI der Treibstoff unserer Wirtschaft und Gesellschaft ist, entstehen natürlich Abhängigkeiten. Da spielt unsere digitale Souveränität eine wichtige Rolle. Dies nicht nur in NRW, sondern in Deutschland und auch ganz Europa. Lassen Sie uns alle zusammenarbeiten, um die KI-Transformation positiv zu gestalten. Professor Dr. Jan vom Brocke ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Geschäftsprozessmanagement an der Universität Münster und Direktor des European Research Center for Information Systems (ERICS). Seit Juli 2025 leitet er als Präsident die Association for Information Systems (AIS), den Weltverband für Forschung und Lehre in der Wirtschaftsinformatik. Vom Brocke gilt als einer der einflussreichsten Forschenden in seinem Fachgebiet, wie Ranglisten untermauern.