Welt 20.12.2025
07:08 Uhr

„Wir machen alles, wo andere fies vor sind“ – Ein Abschied voller Anekdoten


Fast genau 31 Jahre lang war Rüdiger Siechau Geschäftsführer bei der Hamburger Stadtreinigung. Er hat in dieser Zeit das Unternehmen und den Blick der Hamburger auf Müll und Sauberkeit entscheidend verändert. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand.

„Wir machen alles, wo andere fies vor sind“ – Ein Abschied voller Anekdoten

Es war der 2. Januar 1995, tief in der Nacht, als Rüdiger Siechau in Hamburg ankam. Ein Schneesturm hatte ihn auf der Fahrt aus dem Ruhrgebiet überrascht. Erst um 2.30 Uhr erreichte er das einfache Hotel am Stadtrand, in das er einchecken musste, weil die Wohnung nicht fertig geworden war, in die er mit seiner Frau und den beiden Kindern einziehen wollte. Übermüdet, aber pünktlich – und bereit für den Job als technischer Geschäftsführer – trat Siechau, damals 38 Jahre alt, seinen ersten Arbeitstag bei der Stadtreinigung Hamburg an. Es ist eine Szene, die mehr erzählt als die Karrierechronik: Sie zeugt von Pflichtbewusstsein und von dem Willen, Dinge zu einem guten Ende zu bringen. 2007 stieg Siechau zum Sprecher der Geschäftsführung auf. Am 31. Dezember, fast 31 Jahre nach dem ersten Arbeitstag, geht der Chef der Stadtreinigung nun in den Ruhestand. Und all diese Zeit später ist der rote Faden vom Anfang noch immer sichtbar. Siechau hat seinen Vertrag schon zweimal über das Rentenalter hinaus verlängern lassen. Er blieb, weil er den Bau des Zentrums für Ressourcen und Energie (ZRE), das aktuelle und in der Geschichte der SRH größte Projekt der Stadtreinigung, auf der Zielgeraden sehen wollte. Projekte abschließen, Verantwortung übernehmen – das war immer sein Maßstab. Als Siechau 1995 antrat, war die Stadtreinigung gerade von einem Amt der Baubehörde zur Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) geworden. Die deutsche Abfallbranche insgesamt sortierte sich neu, private Entsorger wurden mehr und größer, viele städtische Betriebe privatisiert. Die Bürger wurden angehalten, Müll stärker zu trennen. Zu den Altglascontainern, die es seit den 1970ern gab, kamen bundesweit Gelbe Säcke und Tonnen hinzu. Das Ziel: weniger Müll, der auf Deponien landet. Zu dieser Zeit entsorgte die Stadtreinigung noch Zehntausende Tonnen jedes Jahr auf Deponien, vor allem in der Anlage Schönberg in Mecklenburg-Vorpommern – ein hochpolitisches Reizthema. 1999 wurde die Deponierung dort endgültig beendet. Da war die Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm fertig, und die Stadtreinigung konnte als erstes Bundesland auch schwierige Abfälle ohne Deponien fachgerecht entsorgen. Auch, wenn er vor ihm bereits begann, Siechau steht für diesen Wandel durch Technik bei der Stadtreinigung. Der promovierte Maschinenbauer kam aus der Industrie und hatte vor seinem Wechsel nach Hamburg zuletzt bei Thyssen Industrie- und Kunststoffrecyclinganlagen entwickelt. „Ich hatte privatwirtschaftlich geführte Unternehmen kennengelernt, aber ein öffentliches Unternehmen, politisch im Fokus, mit starker Mitbestimmung – das war neu“, sagt er. Er hörte zu, bevor er handelte. „Zuhören war am Anfang wichtig. Und dann überlegen: Wie wollen wir das Unternehmen langfristig aufstellen?“ Die Antwort war ein Bruch mit dem alten Denken. „Wer viel macht, kann auch viel falsch machen, hieß es damals oft“, erinnert sich Siechau. Er hielt das für Unsinn. Die Stadtreinigung machte sich auf den Weg, moderne Dienstleisterin zu werden. „Wir machen alles, wo andere fies vor sind“, lautete Siechaus Maxime. Und er hielt Wort. Niemand wollte etwa die öffentlichen Toiletten betreiben – Siechau übernahm. Niemand wollte den Elbstrand reinigen – die Stadtreinigung tat es. Als die Nachricht verbreitet wurde, „meldete die Presse nicht, die Stadtreinigung übernehme die Reinigung des Strandes. Es hieß: ‚Der Elbstrand wird jetzt sauber‘“, erzählt Siechau. Als der frühere Staatsrat Christoph Krupp (SPD) Siechau fragte, ob die Stadtreinigung nicht auch die Steuerungsverantwortung für die Sauberkeit in der ganzen Stadt übernehmen wolle, zögerte der nicht lang: „Selbstverständlich machen wir das“, sagte Siechau. Von da an war klar: Wenn an beliebiger Stelle Müll liegt, ist die Stadtreinigung zuständig und räumt auf. Erst später wird geklärt, wer dafür zahlt. „Nur so funktioniert das“, sagt Siechau. „Der Bürger möchte, dass es sauber ist und sich nicht erst durchfragen müssen, wer verantwortlich ist.“ Sperrmüll auf Bestellung ersetzte Straßensammlung Mit dieser Haltung schaffte Siechau eine Transformation der Stadtreinigung, die auch Hamburgs Stadtbild verändert hat. Recyclinghöfe wurden aus schäbigen Annahmestellen zu modernen Servicepunkten. Sperrmüll auf Bestellung ersetzte die chaotischen Straßensammlungen. Hamburgs rote Mülleimer bekamen freche Sprüche. Digitale Tourenbücher hielten Einzug, Kameras an Kehrmaschinen erfassen heute den Zustand der Straßen, die Daten fließen in die Planung. „Das Gehirn der Reinigung“, nennt Siechau das System. Der Fuhrpark wurde neu gedacht: Elektro- und Wasserstoffantriebe kamen. Das Ziel: Klimaneutralität bis 2035. Neben technischen Neuerungen veränderten sich auch die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter. Es beginnt bei der Bewerbung. „Früher bewarben sich auf eine Stelle 600 Leute, heute sind es 60, wenn es hochkommt“, sagt Siechau. Dabei ist die Arbeit bei der Stadtreinigung professioneller geworden, die Ausstattung besser – vom Niedereinstieg der Fahrzeuge über die automatische Schüttung, bis hin zur hochwertigen Schutzkleidung. Aber auch die Erwartungen an die Stadtreinigung als Arbeitgeberin sind gestiegen. Arbeitszeiten sollen möglichst klar geregelt, die Vorgesetzten aber flexibel sein. Wochenenddienste und wechselnde Einsatzorte sorgen für Spannungen. Früher war Wochenendarbeit beliebt, „weil man sich etwas dazuverdienen wollte“, erinnert sich Siechau. Heute finde man nur schwer Freiwillige, wenn es an Sonnabenden, Sonn- oder Feiertagen zu tun gebe; und zu tun gäbe es bei der Stadtreinigung rund um die Uhr. Doch Siechaus Anspruch ging über bessere Arbeitsbedingungen und moderne Ausstattung hinaus. Er dachte Abfallwirtschaft neu. „Wenn wir heute nicht investieren, zahlen wir morgen doppelt“, sagt er. Schon in den 1990er-Jahren, als sich gerade erst etablierte, dass Abfall nicht nur Müll, sondern auch Rohstoffe enthält, sah er weiter und sprach von Energie aus Abfall: Wärme- und Stromauskopplung aus Verbrennungsanlagen, Biogas aus organischen Stoffen als Output unvermeidbaren Abfalls. Ein bisher einmaliger Plan für Energie aus Abfall Der Kauf der Müllverwertungsanlagen Borsigstraße und Rugenberger Damm von Vattenfall sowie des Biogas- und Kompostwerks Bützberg von E.ON waren wichtige Schritte auf diesem Weg. Höhepunkt soll das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) in Stellingen werden. Siechau nennt es einen bisher einmaligen Plan: „Mechanische, biologische und thermische Behandlung in einem Komplex, stoffliche und energetische Wertschöpfung, klimaneutrale Wärme für die Stadt“. Zusammen mit den beiden weiteren Anlagen könne Hamburg künftig rund die Hälfte des Fernwärmebedarfs decken. Für Siechau ist das mehr als Technik: Es ist Entsorgungssicherheit und Daseinsvorsorge im 21. Jahrhundert. Dass es trotz zweier Vertragsverlängerungen nun doch nicht dazu kommen wird, dass er selbst das ZRE eröffnet, schmerzt ihn merklich. „Es wird wohl erst zum nächsten Jahreswechsel fertig“, sagt er. Als Gast wird er bei diesem Meilenstein trotzdem dabei sein. Da ist man sich in seinem Umfeld sicher. Hamburg wird er treu bleiben, erzählt er im Gespräch. Die Familie und insbesondere die vier Enkelkinder, die er aufwachsen sehen möchte, würden ihn an die Stadt binden. Dafür wird der Traum aufgeschoben, einmal in den Bergen zu wohnen. Aber auch an Hamburg an sich hänge er. „Es ist sauber hier, die Müllgebühren sind moderat“, sagt er und scherzt direkt weiter. Als Alternative zum Ruhestand habe er sich lose als Assistent bei seiner Frau beworben. Sie arbeitet in einem Unternehmen für erneuerbare Energien, ist europaweit im Einsatz. Auch eine Stelle in der Dependance in Spanien hätte ihn gereizt. „Die wollten mich aber nicht, weil ich kein Spanisch spreche“, sagt er trocken und freut sich dann fast spitzbübisch, dass die Umsitzenden kurz brauchen, um zu verstehen, dass auch das nur ein Scherz war.  Dieselbe Art von Humor zeigt er auch, wenn Politiker fragen, warum die Stadtreinigung im Winter keine zusätzlichen Mitarbeiter für den Winterdienst einstellt und trotzdem glaubt, genug Personal zu haben. Dann erzählt er, das sei wie in einem Science-Fiction-Film. Die Stadtreinigung verfüge über einen geheimen Lagerraum. „Dort liegen Mitarbeitende in den Regalen, und wenn die Temperatur unter null geht, wachen sie auf und fegen und räumen die Straßen von Schnee frei.“ In Wahrheit wird das Personal umgesteuert. Wer im Sommer den Strand und die Parks säubert oder Straßenschilder reinigt, fegt im Herbst Laub und im Winter Schnee. Die Zahl der Sperrmüllabfuhren wird gedrosselt, die Mitarbeiter dem Winterdienst zugeschlagen. An den wenigen schneereichen Wintertagen wird die Straßenreinigung zur Schneebeseitigung und zur größten Not der Schreibtischjob kurzerhand zum Außendienst. „Auch das geht mal“, sagt Siechau. Humorvoll wird es auch, wenn Siechau Anekdoten aus 30 Jahren Stadtreinigung erzählt. Eine davon ist ein Beitrag in der 20-Uhr-„Tagesschau“. Es war im Sommer 2008. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte den Bürgern von Neapel im Wahlkampf versprochen, ihr Müllproblem zu lösen. 30.000 Tonnen Müll kamen so aus Italien nach Hamburg zur Verbrennung. Bei zwei Containern schrillten die Alarm-Glocken. Sie enthielten radioaktives Material. In den Schlagzeilen der deutschen Medien tauchte sogar die italienische Mafia auf, die illegal Giftmüll nach Deutschland geschafft haben sollte. Am Ende war es Patienten-Müll aus einer Praxis für Strahlentherapie – ein Fall, der in Hamburg etwa zehnmal im Jahr vorkommt. „Die ganze Aufregung wegen eines Taschentuchs. Das vergesse ich nie“, sagt Siechau. Selbst die „International Herald Tribune“ berichtete. Siechau war Präsident der kommunalen Städtereiniger Doch nicht jeder vermeintliche Skandal endete so schnell. 2016 erschütterten Bossing-Vorwürfe das Unternehmen. Eine externe Beraterin sprach von systematischem Mobbing älterer Mitarbeiter und massivem Druck zu Auflösungsverträgen. Die Stadtreinigung widersprach der Darstellung und bekam vor Gericht in erster Instanz Recht. Am Ende stand ein Vergleich, der festhielt: Die Vorwürfe der Frau dürfen nur als Meinung geäußert werden. Die Stadtreinigung hatte weiter Ansehen in der kommunalen Abfallwirtschaft in Deutschland gewonnen. „Ich löse Probleme immer lieber miteinander als gegeneinander“, sagt Siechau. Doch es gäbe einfach Menschen, die das anders handhabten und gern anonym bleiben. Auch in der Branche war er streitbar. Im Juni 2001 wurde Siechau zum Präsidenten des Verbandes der kommunalen Städtereiniger (VKS) gewählt. Hier kämpfte er gegen die Privatisierung der Papier- und Wertstoffsammlung und den Einfluss großer Entsorgungskonzerne. Wettbewerbsverbände warfen ihm Monopoldenken vor. Er hingegen sprach von Entsorgungssicherheit und Gemeinwohl. 2003 trat der VKS dem Verband kommunaler Unternehmen (VKU) bei. Dieser Zusammenschluss war auch ein Verdienst Siechaus. Wer ihn erlebt, spürt den Pragmatiker und Visionär zugleich. Diese Art, Dinge anzugehen, wird er auch weiter den Studierenden an der TU Hamburg mitgeben. 1999 hielt er dort die erste Vorlesung, 2013 wurde er zum Honorarprofessor ernannt. Vielleicht werde er auch einzelne neue Projekte angehen, erzählt Siechau. Von den Mitarbeitern der Stadtreinigung hat er sich bereits in dieser Woche verabschiedet. Offiziell endet seine Zeit im Unternehmen am 31. Dezember – dem Unternehmen, das er ganz nach seinen persönlichen Überzeugungen geformt hat: „Wir wollten uns unersetzlich machen. Und das haben wir geschafft.“ Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) und die spannendsten Themen der Stadt. Einer ihrer Schwerpunkte sind Umweltpolitik und die öffentlichen Unternehmen der Stadt.