Welt 01.12.2025
10:53 Uhr

„Wir haben die Fahrer im Stich gelassen“ – das McLaren-Versagen


Alle Zeichen standen auf Vorentscheidung in Richtung McLaren. Dann aber servierte das Team von Lando Norris und Oscar Piastri der Konkurrenz in Person von Max Verstappen ein Geschenk. Die Bosse müssen sich einen schweren Fehler eingestehen, die Fahrer sind fassungslos.

„Wir haben die Fahrer im Stich gelassen“ – das McLaren-Versagen

Es erscheint fast schon wie ein schlechter Scherz, dass Max Verstappen vor dem letzten Saisonrennen überhaupt noch Chancen auf seinen fünften Weltmeistertitel in der Formel 1 hat. Über hundert Punkte hatte er in dieser Saison zwischenzeitlich schon Rückstand auf die Spitze, an der die McLaren-Piloten einsam ihre Kreise zogen. Jetzt sind es noch zwölf auf den WM-Führenden Lando Norris, dessen Teamkollegen Oscar Piastri (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/article69284b2a273e02d8aa5fe03c/formel-1-mclaren-legende-haekkinen-piastri-muss-noch-lernen-als-mensch-und-fahrer.html) hat Verstappen sogar bereits überholt. Am gesamten Wochenende in Katar (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/formel1/article692c7e2736b2b6845f1be5bc/herzschlag-finale-verstappen-siegt-in-katar-dramatischer-dreikampf-um-die-wm-krone.html) hatte McLaren das beste Auto, Piastri erschien wie der Fahrer der Stunde. Der Australier hatte jede Session – Training, Sprint-Quali, Sprint und Qualifying – gewonnen. Alle Vorzeichen standen auf Vorentscheidung im WM-Kampf, zumindest dahin gehend, dass sich am Ende einer der „Papayas“ den Titel holt. Gerade, da Piastri seine Pole-Position beim Rennstart verteidigte und der WM-Führende Norris immerhin auf Rang drei hinter Verstappen lag. Dann aber versagte das Team. Als das Safety-Car nach einem Crash des Deutschen Nico Hülkenberg und Pierre Gasly auf die Strecke mussten, kamen alle Fahrer zum Reifenwechsel. Eine Taktik, um beim Boxenstopp Zeit zu sparen. Nur die beiden McLaren nicht. Es war der Fehler, der das Rennen kostete. Norris und Piastri lagen zwar erst mal vor Verstappen, mussten aber noch an die Box. Die Siegchancen waren mit diesem verzögerten Stopp dahin. Piastri betrieb am Ende als Zweiter immerhin Schadensbegrenzung, Norris wurde Vierter. „Wir haben seinen Sieg (Piastris, d. Red.) und Landos Podiumsplatz weggeworfen“, sagte McLaren-Boss Zak Brown. „Wir sind im Moment alle angefressen.“ Und auch Teamchef Andrea Stella musste einen großen Fehler eingestehen. „Wir hatten heute das schnellste Auto, und die Fahrer haben einen großartigen Job gemacht“, sagte er. Aber „als Team haben wir sie im Stich gelassen“. Man habe „nicht erwartet, dass wirklich alle reinkommen“. Piastri zeigt sich „sprachlos“ Bei den betroffenen Fahrern hinterließ der zweite Patzer binnen zwei Rennen – in Las Vegas waren beide Autos wegen eines zu stark abgenutzten Unterbodens disqualifiziert worden – Fassungslosigkeit. Piastri zeigte sich „sprachlos“ und sagte: „Ich habe das Gefühl, dass ich keinen Fehler gemacht habe.“ Norris funkte schon während des Rennens: „Ich hätte auch reinkommen sollen, oder?“ Die internationale Presse zeigte sich gnadenlos mit dem britischen Rennstall. „Gib McLaren eine Waffe in die Hand, und sie würden sich selbst in die Füße schießen“, urteilte die britische Zeitung „Daily Mail“. Es scheint tatsächlich ein wenig so, als würde McLaren alles dafür geben, Verstappen noch zum WM-Titel zu verhelfen. Als wäre der Niederländer neben Piastri und Norris der verdeckte dritte Fahrer des Teams. Die spanischen Kollegen der „Marca“ sprachen von einem „unvorstellbaren Fehler von McLaren, einem groben Fehler an der Boxenmauer“, die englische „Sun“ von einem „Boxenstopp-Fiasko“. Während bei McLaren wieder einmal Aufarbeitung (Piastri: „Müssen als Team diskutieren“) ansteht, jubelte Red-Bull-Pilot Verstappen hingegen über das Geschenk der Konkurrenz. „Wir bleiben bis zum Ende im WM-Kampf dabei“, sagte er: „Jetzt ist alles drin.“ Eine Kleinigkeit sorgte bei Red Bull dann aber doch für Verstimmung. In der letzten Runde zog Norris noch an Mercedes-Rookie Kimi Antonelli vorbei, nachdem dieser von der Ideallinie abgekommen war und sammelte dadurch zwölf statt zehn Punkte. Zwei Zähler, die im WM-Rennen am Ende den Unterschied machen könnten. Zoff zwischen Helmut Marko und Toto Wolff Weil Norris scheinbar spielerisch leicht vorbeifahren konnte, verlor erst Verstappens Renningenieur Gianpiero Lambiase die Fassung. „Ich weiß nicht, was mit Antonelli passiert ist. Es sieht so aus, als wäre er einfach zur Seite gefahren und hätte Norris vorbeigelassen“, funkte er. Red Bulls Motorsport-Boss Dr. Helmut Marko teilte diese Einschätzung. „Er hat ihn vorbeigewunken. Das war mehr als deutlich“, sagte Marko. Diese Aussage wiederum brachte Mercedes-Chef Toto Wolff auf die Palme. „Das ist absoluter Blödsinn. Wie kann man so hirnlos sein, so etwas zu sagen? Wir kämpfen um den zweiten Platz in der Konstrukteurs-WM, Kimi hatte zu diesem Zeitpunkt noch die Möglichkeit, auf Platz drei zu fahren. Diese Aussagen nerven mich. Das Rennen hat mich genervt, der Fehler hat mich genervt. Und dann kommt einer mit einem solchen Unsinn um die Ecke“, schoss Wolff zurück. Und weiter: „Das kann man sich nicht ausdenken. Kimi hat einen Fehler gemacht. Das kann passieren. Aber warum sollten wir auch nur drüber nachdenken, in den Kampf um die Fahrer-WM einzugreifen? Vielleicht sollte er sich mal durchchecken lassen, er scheint Geister zu sehen.“ In Abu Dhabi, wo am kommenden Sonntag (14 Uhr/Sky) gefahren wird, könnte Mercedes dennoch eine Schlüsselrolle zukommen, etwa, wenn sich Antonelli oder George Russell zwischen die drei WM-Führenden schieben und damit für entscheidende Verschiebungen sorgen. An den Ort des Geschehens hat vor allem Verstappen gute Erinnerungen. 2021 hatte er in Abu Dhabi seinen ersten und wohl denkwürdigsten Titel gefeiert. In der letzten Runde des letzten Rennens hatte er nach einer umstrittenen Entscheidung der Rennleitung den damaligen Mercedes-Piloten Lewis Hamilton entscheidend überholt. Diesmal kämpfen erstmals seit 2010 drei Piloten im letzten Rennen um die WM-Krone. Damals hatte Fernando Alonso im Ferrari vor dem letzten Rennen acht Punkte Vorsprung auf Mark Webber, Sebastian Vettel satte 15 Punkte weniger als Alonso auf dem Konto. Der Rest ist deutsche Formel-1-Geschichte. Ein fiepend-heulender Vettel jubelte nach seiner Siegfahrt über seinen ersten Titel, weil die anderen beiden kapital schwächelten. Wiederholt sich die Geschichte? Die besten Chancen mit zwölf Punkten Vorsprung auf Verstappen hat weiter Norris, Piastri hat schon 16 Punkte Rückstand. Fährt Norris aufs Podium, wird er Weltmeister. Aber McLaren, so hat man in diesen Tagen das Gefühl, wird sich schon etwas einfallen lassen, um diese Ausgangslage noch zu verhunzen. Die Titel-Konstellationen – So werden Norris, Verstappen und Piastri Weltmeister Luca Wiecek (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/luca-wiecek/) ist Sportredakteur für WELT. Er kommt privat ohne Autos aus.