Welt 22.11.2025
09:01 Uhr

„Wie sähen die Pilgrim Fathers die heutigen USA?“


Wenn „Thanksgiving“ gefeiert wird, ist das für den Düsseldorfer Juristen Henning von Boehmer immer ein ganz besonderer Tag. Denn als Nachfahre der „Pilgrim Fathers“, die 1620 von England kommend Amerika erreichten, kann er von einer besonderen Beziehung zu dem Fest berichten.

„Wie sähen die Pilgrim Fathers die heutigen USA?“

Zu den Vereinigten Staaten von Amerika hat Henning von Boehmer frühzeitig ein enges Band geknüpft. Denn nach Kindheit und Jugend in Düsseldorf und Koblenz, dem Jurastudium in Kiel, Bonn, Genf, Lyon und Toulouse sowie anschließender Promotion in Bonn machte er an der New York University noch einen Master of Laws (LL.M.) und ein Kurzpraktikum bei der UNO. „Dass ich auch amerikanische Vorfahren habe, ist mir aber erst viel später bewusst geworden“, berichtet der Düsseldorfer. Der Ahnherr, auf den sich von Boehmer und seine Familie berufen, ist der historisch bedeutsame William Bradford. Der 1590 geborene Engländer war einer der „Pilgerväter“, die am 6. September 1620 mit der „Mayflower“ vom englischen Plymouth aus in die Neue Welt aufbrachen. Bradford war damit einer der ersten Kolonisten Neuenglands, zudem Mitgründer und Gouverneur der „Plymouth Colony“. In 12. Generation verwandt mit William Bradford   „Es hieß in unserer Familie schon immer, dank unserer Großmutter Ellinor von Boehmer beziehungsweise deren schottischer Mutter Mary Barbara Rennie seien wir nachweislich in zwölfter Generation direkt mit William Bradford, dem berühmten Anführer der ‚Mayflower‘ verwandt“, berichtet von Boehmer beim Gespräch in der Düsseldorfer Altstadt. „Details kannten wir Kinder damals noch nicht. Wir wunderten uns nur, warum wir so häufig unsere schottischen Verwandten in Edinburgh und London besuchten.“ Denn eine Nachfahrin William Bradfords hatte nach Schottland geheiratet.   Intensive Recherchen in den USA Doch erst durch einen Cousin, nämlich Hans-Thorald Michaelis, kam Henning von Boehmer auf die Idee, sich seine ungewöhnliche Abstammung auch offiziell in den USA bestätigen zu lassen.  Dazu nahm er Kontakt zur renommierten „General Society of Mayflower Descendants“ auf. Glücklicherweise habe sein Cousin, der bereits Mitglied der Society war, seine eigene „blutsmäßige“ Abstammung über zwölf Generationen zurück bis hin zu William Bradford durch langwierige Recherchen in deutschen, schottischen, englischen und amerikanischen Kirchenbüchern nachweisen können. Von Boehmer konnte somit diese geklärte Ahnenkette für sich nutzen und musste nur noch die Nachweise für die vier jüngsten Generationen zurück bis zur gemeinsamen schottischen Urgroßmutter liefern. Heirat nach Arztbesuch in Deutschland „Die Verbindung zu Deutschland wurde dadurch hergestellt, dass die Schottin Mary Barbara Rennie 1860 zu einem Arztbesuch nach Berlin reiste und dort den Deutschen Carl Gustav Seliger heiratete, worauf deren Tochter Ellinor dann 1893 unseren Großvater Hugo Erich von Boehmer heiratete“, so von Boehmer. Der Genealogieexperte der „Mayflower Society“ bestätigte alle vorgelegten Nachweise, und von Boehmer bekam 1999 die begehrte „Mayflower-Descendant“-Urkunde ausgehändigt. Insgesamt zählen sich heute etwa 25.000 Mitglieder der Mayflower-Society zu blutsmäßigen Nachfolgern der Pilgerväter, darunter eben auch Henning von Boehmer, dessen Geschwister und die nächsten Generationen. Zudem gebe es vier weitere Verwandte, die ebenfalls Mitglieder seien, so der Jurist. Berater großer Anwaltskanzleien  „Wenn ich Amerikaner treffe und von meiner Beziehung zu William Bradford berichte, sind die immer sehr interessiert und begegnen einem sehr positiv“, berichtet der Düsseldorfer, dessen Mutter der rheinischen Industriellenfamilie Poensgen entstammt. Im Laufe seines Berufslebens war von Boehmer in Düsseldorf als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht zugelassen, zunächst Syndikus eines englischen Baukonzerns, später Leiter der Zentralabteilung Recht, Personal und Steuern eines deutschen Baukonzerns. Danach war er unter anderem Geschäftsführer des Wirtschaftsrates der CDU und dann  13 Jahre lang Generalsekretär der ICC Germany (International Chamber of Commerce. Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit gehörte 1990 der 30. ICC-Weltkongress in Hamburg. „Damals hatten wir Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundespräsident Richard von Weizsäcker und viele andere hochrangige Gäste aus aller Welt bei uns.“ Später war von Boehmer unter anderem Geschäftsführer des Wirtschaftsrates der CDU und dann 13 Jahre lang Generalsekretär der ICC Germany, Ableger der „International Chamber of Commerce“.  Bis 2020 war von Boehmer dann selbstständiger PR-Berater mehrerer großer Anwaltskanzleien, darunter auch solchen amerikanischen Ursprungs. Dabei war es durchaus von Nutzen, dass er seit 1975 Mitbegründer der Deutsch-Amerikanischen Juristenvereinigung war, die mittlerweile an die 3000 Mitglieder hat. Derzeit fragt sich Henning von Boehmer auch manchmal, wie die „Pilgrim Fathers“ und William Bradford wohl die heutigen USA unter Präsident Donald Trump sähen. „Würde William Bradford heute leben, sähe er autoritäre Maßnahmen, Machtmissbrauch oder die Spaltung der Gesellschaft durchaus kritisch“, glaubt sein Nachfahre. Für Bradford sei die erste Plymouth-Kolonie eine Art „Vertragsgesellschaft“ gewesen, die auf Zustimmung und Mitbestimmung beruhte. „Das zeigt der 1620 von 41 männlichen Siedlern an Bord der Mayflower unterzeichnete ‚Mayflower Compact‘“, erläutert der 82-jährige Düsseldorfer. „Er sieht eine selbstverwaltete Gemeinschaft mit gerechten und gleichen Gesetzen vor“. „Bradford habe der der Willkürherrschaft misstraut – „ob von Monarchen oder Gouverneuren“, so von Boehmer. Er habe  „stattdessen stets Demut, Arbeitsethik und gegenseitige Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft“ betont. Der „Mayflower Compact“ gelte als wichtiger Schritt in Richtung demokratischer Selbstverwaltung in Amerika, obwohl er die Siedler auch zur Treue gegenüber dem damaligen englischen König verpflichtet habe. Wie bedeutend die „Pilgrim Fathers“ bis heute sind, zeigten zuletzt in den USA vor fünf Jahren zahlreiche Veranstaltungen zur 400-Jahresfeier der Ankunft der „Mayflower“ in 1620. Trotz des großen öffentlichen Interesses hätten viele Events wegen der damaligen Corona-Einschränkungen leider nur virtuell durchgeführt werden können, so von Boehmer. Höhepunkt sei jedoch eine reale Fahrt der „Mayflower II“ gewesen, eines Nachbaus, vom englischen Hafen Plymouth zum damaligen Ankunftsort Cape Cod, heute im US-Bundesstaat Massachusetts gelegen. Henning von Boehmer und sein Bruder Christoph hatten sich an dem Nachbau der „Mayflower II“ mit einer Spende beteiligt und für die „Millenium Voyage“ zwei Passenger Tickets erhalten, die sie aber „aus Corona-Gründen leider nicht einlösen konnten“, wie von Boehmer bedauert. Der Ursprung von Thanksgiving Nach ihrer Landung im November 1620 hatte die kleine „Plymouth Colony“ zunächst eine äußerst schwierige Anfangszeit. Es fehlten vor allem Lebensmittel. „Dank der Hilfe des in der Nähe lebenden Stammes der Wampanoags hat immerhin die Hälfte der Ankömmlinge den ersten harten Winter überlebt“, berichtet von Boehmer. Das sei Grund genug, in allen amerikanischen Familien im November jedes Jahres  „Thanksgiving“ zu feiern, dieses Jahr am 27. November. Zu den verwandtschaftlichen Beziehungen aus den USA bis nach NRW und zur Bedeutung von Thanksgiving sagte Preeti V. Shah, US-Generalkonsulin für NRW, WELT AM SONNTAG auf Anfrage: „Als Generalkonsulin ist es für mich von großer Bedeutung, dass Nachfahren der Mayflower-Geschichte hier bei uns in Nordrhein-Westfalen leben“. Thanksgiving erinnere daran, „dass freie Menschen die Möglichkeit haben, eine Gemeinschaft aufzubauen und gemeinsam nach Glück zu streben – selbst angesichts scheinbar unüberwindbarer Herausforderungen“. Diese Idee „prägt und inspiriert Amerika bis heute“, so die Diplomatin, die im Sommer 2024 ihr Amt in NRW angetreten hat, nach Stationen in Nicaragua, der Türkei, Afghanistan, Mexiko und Indonesien sowie Dienstzeiten in Washington, D.C. Auch die AmCham, die amerikanische Handelskammer in Deutschland, feiert in Düsseldorf jedes Jahr Thanksgiving. Und Henning von Boehmer nimmt fast immer teil – wohl auch zur Freude des jeweiligen US-Generalkonsuls oder der Generalkonsulin.