Dass der Balkan eine Region war, die einen Weltkrieg entzünden konnte, bewiesen nicht erst die Schüsse von Sarajewo im Juni 1914 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article129560739/Sarajevo-1914-Das-Attentat-das-Europa-in-den-grossen-Krieg-trieb.html) . Bereits mehrere Jahrzehnte früher sorgten die nationalistischen Forderungen der jungen Staaten, die auf dem Territorium des wankenden Osmanischen Reiches entstanden, für eine explosive Gemengelage, die die Großmächte Europas wiederholt in einen großen Konflikt zu ziehen drohte. Ein Beispiel war der Serbisch-Bulgarische Krieg im November 1885, der zwar nur 14 Tage dauerte, gleichwohl aber Russland und Österreich an den Rand einer Intervention brachte. Während sich Serbien bereits 1815, Griechenland 1830 und Rumänien 1849 weitgehende Autonomie bzw. Unabhängigkeit erkämpft hatten (wobei die Territorien allerdings um einiges reduziert waren), verblieb Bulgarien weiterhin unter osmanischer Herrschaft. Den Aufstand von 1875 hatten türkische Truppen niedergeschlagen, doch sorgten die „bulgarischen Gräuel“, die damit verbunden waren, für eine europaweite Welle der Sympathie. England, das traditionell das Osmanenreich vor allem gegen russische Expansionspläne stützte, ließ daher die Kriegserklärung an die Pforte geschehen, die das Zarenreich als selbst ernannte Schutzmacht der Orthodoxie 1877 aussprach. Die zarischen Armeen kamen erst in den Vororten von Istanbul zum Stehen, weniger wegen der türkischen Verteidigungsanstrengungen, sondern weil Österreich, England und Frankreich zu intervenieren drohten. Im Frieden von San Stefano 1878 wurde Bulgarien mit Ostrumelien (Thrakien) und Makedonien bis ans Ägäische Meer als autonomes und der Türkei tributpflichtiges Fürstentum konstituiert, was jedoch in London, Paris und Wien als Etablierung eines russischen Satellitenregimes mit Zugang zum Mittelmeer interpretiert wurde. Auf dem Berliner Kongress, zu dem Reichskanzler (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article123394816/Als-Otto-von-Bismarcks-Dogge-sich-in-die-Weltgeschichte-biss.html) Otto von Bismarck als „ehrlicher“ weil unbeteiligter „Makler“ kurz darauf die Großmächte einlud, verlor Bulgarien daher Ostrumelien und Makedonien. Man beließ ihm seine Autonomie, während Serbien, Montenegro und Rumänien die vollständige Souveränität zugebilligt wurde. Mit dem 22-jährigen Alexander Josef von Battenberg wurde ein entfernter Verwandter der Romanows zum Fürsten dieses Rumpfbulgariens gewählt. Er holte russische Berater ins Land – zeitweise fungierten russische Generäle als Premier- und Kriegsminister. Aber um das von politischen und sozialen Konflikten zerrissene Land zu einigen, fehlten dem Fürsten Mittel und Erfahrung. Als das „Bulgarische Geheime Zentrale Revolutionäre Komitee“ im September 1885 mit seinem Aufstand in Ostrumelien die türkische Verwaltung stürzte und die Vereinigung des Landes mit Bulgarien proklamierte, sah Alexander die Chance, an der Spitze dieses „terroristischen Irredentismus“ ( Edgar Hösch (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Edgar_H%C3%B6sch) ) von seinen Problemen abzulenken, und erklärte sich zum Generalgouverneur von Ostrumelien. Diese Personalunion bedeutete faktisch die Vereinigung mit dem Fürstentum. Das provozierte heftigen Widerspruch aus St. Petersburg und Wien. Denn für Zar Alexander III. überschritt die Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article237001963/Alexander-III-Dieser-russische-Zar-ist-Putins-grosses-Vorbild.html) seines Namensvetters die Grenzen an Eigenständigkeit, die er seinem Protegé zubilligte. Die Reaktion war harsch. Russland erklärte sich zum Verteidiger der in Berlin beschlossenen Ordnung und zog alle Militärberater aus der im Aufbau befindlichen bulgarischen Armee ab. Serbien begriff das als Chance, sich Gebiete mit serbischen Bevölkerungsgruppen einzuverleiben – das mazedonische Idiom wurde in Belgrad als serbischer, in Sofia als bulgarischer Dialekt gedeutet. König Milan I. aus dem Hause Obrenovic, der rivalisierenden serbischen Dynastie der Karadordevic in Todfeindschaft verbunden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article113098294/Serbische-Geschichte-Blutrache-ruinierte-Europas-gefaehrlichsten-Thron.html) , erklärte Bulgarien am 13. November den Krieg. Unterstützt wurde er dabei von Österreich, das sich zu jener Zeit noch (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article235021504/Krieg-auf-dem-Balkan-Wie-Oesterreich-Ungarn-einmal-Serbien-rettete.html) als Schutzmacht der Serben verstand und in diesem Sinne in einem geheimen Abkommen Unterstützung zugesagt hatte. Der serbische Kriegsplan sah vor, mit einer Armee (rund 45.000 Mann) auf die bulgarische Hauptstadt Sofia zu marschieren, während eine kleinere (15.000) Widin an der Donau zum Ziel hatte. Zumindest die Truppen in der ersten Linie waren gut ausgerüstet und verfügten über ausreichend Artillerie. Soldaten, die in die Reserve einrückten, erschienen dagegen „im Leinwandkittel und Mantel zu einem Winterfeldzug“, wie der österreichische Oberst und Augenzeuge Hugo von Bilinek-Waissolm schrieb. Der Mangel an Pferden zwang die Besatzungen, ihre Geschütze durch das schwere Gelände zu ziehen. Gleichwohl war die Lage der Bulgaren verzweifelt. Nicht nur fehlten ihnen nach dem Abzug der russischen Instrukteure nahezu sämtliche Stabsoffiziere. Sondern das Gros ihrer Truppen war auch an der Grenze zum Osmanenreich im Osten konzentriert. Dort aber verzichtete man auf Druck Englands auf ein Eingreifen. Eine Handvoll Majore sah sich auf einmal vor die komplexe Aufgabe gestellt, Armeen und Divisionen unter Kriegsbedingungen zu führen. Hauptleute kommandierten Regimenter, Leutnants Bataillone. Zu einem entscheidenden Faktor wurde die Begeisterung, die Bulgaren in beiden Landesteilen erfasste. Tausende Freiwillige meldeten sich an die Front, sodass die bulgarische Armee schnell um Tausende Soldaten wuchs. So konnten im Westen dünne Verteidigungslinien aufgebaut werden, während die regulären Truppen in Gewaltmärschen herangeführt wurden. Bei Eis und Schnee liefen viele Soldaten barfuß. Auf Teilstrecken, die mit Zügen bewältigt wurden, verzögerten österreichische Bahnbeamte die Fahrt. „Man setzte je zwei Soldaten auf eins der frisch aus Ungarn eingetroffenen Pferde, die nur einen Zaum, aber keine Sättel hatten und immer scheuten“, schreiben die Historiker Hans-Joachim Härtel und Roland Schönfeld: „An der Front mussten die Soldaten aus Mangel an Schanzzeug die Stellungen mit dem Bajonett und bloßen Händen ausheben.“ Marschleistungen von bis zu 120 Kilometer an zwei Tagen gehörten „zu den bedeutendsten des Jahrhunderts“, urteilte Bilinek-Waissolm. Die Schlacht bei Sliwniza vom 17. bis 19. November 30 Kilometer vor Sofia brachte die Entscheidung. Während die größere serbische Armee unkoordiniert vorrückte, konnten die Bulgaren nicht nur ihre Positionen halten, sondern im Gegenzug die Angreifer zum fluchtartigen Rückzug zwingen. Die Bulgaren setzen nach, überschritten die serbische Grenze und stießen auf die Stadt Pirot vor. In der Schlacht vom 26./27. November zogen die Serben erneut den Kürzeren. Damit war der Weg nach Nis und in die fruchtbare Morawa-Ebene frei. Dass es nicht dazu kam, besorgte ein Machtspruch aus Wien. Die österreichische Drohung einer militärischen Intervention sorgte dafür, dass am 28. November ein Waffenstillstand geschlossen wurde, auf den am 3. März 1886 der Friedensschluss in Bukarest folgte. Mein einigte sich auf den Vorkriegs-Status Quo. Parallel dazu akzeptierte die Türkei die Vereinigung Bulgariens mit Ostrumelien unter der Bedingung, dass dieses formal weiterhin dem Sultan unterstand. Beeindruckt von der Leistungsfähigkeit der bulgarischen Armee gaben auch die Großmächte ihr Plazet. Das im Aufbau befindliche Offizierskorps des Landes hatte die Lektionen russischer Ausbilder gelernt und sich ganz den militärischen Grundsätzen der Zeit verschrieben. Ihre serbischen Gegner hielten dagegen an den Traditionen des Guerillakrieges (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article570527/Der-Geist-der-Partisanen-haelt-Serbiens-Generaele-gefangen.html) fest, der ihnen zwei Generationen zuvor die Unabhängigkeit von den Türken beschert hatte. Man verweigerte sich der Disziplin ebenso wie moderner Taktik und der Unterordnung unter eine zentrale Führung. Massive Probleme in Ausrüstung und Nachschub kamen hinzu. Sie konnten „den Geist des Milizsystems nicht bannen“, urteilte der deutsche Historiker Emil Daniels (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Daniels) . Die Folgen des Krieges waren weitreichend. Nicht zuletzt wegen der geringen Ausbeute wurde der bulgarische Fürst Alexander mit russischer Unterstützung 1886 vom Thron geputscht; sein Nachfolger wurde Ferdinand von Sachsen-Coburg. Milan I. von Serbien musste – die Niederlage hatte die Unzufriedenheit mit seinem Regime noch verstärkt – 1889 zugunsten seines Sohnes abdanken. Damit verlor die austrophile Linie (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article147526439/Serbienfeldzug-1915-Dass-unseren-Krieg-jetzt-die-Deutschen-fuehren.html) in der serbischen Politik ihren Anwalt, Russophilie prägte von da an die Außenpolitik des Landes. Die Konstellationen des Ersten Weltkrieges nahmen Konturen an. Serbien wurde zum Protegé des Zarenreiches (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article148030881/Balkan-1915-Erfrorene-saeumten-den-Fluechtlingstreck-aus-Serbien.html) , Bulgarien lehnte sich den Mittelmächten Österreich und Deutschland an, um seine territorialen Ziele zu erreichen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Geschichte Osteuropas zu seinem Arbeitsgebiet.