Es ist ein uraltes und zutiefst menschliches Ritual: Gestorbenen Menschen schließt man die Augen. Entsprechend zeigen fast alle Totenmasken (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article496843/Totenmaske-und-Fussabguss.html) , eine heute beinahe verschwundene Kunst, das Gesicht mit den Lidern als Schutz über den Augäpfeln – wie im nun ewigen Schlaf. Ganz selten einmal gibt es solche (meist mit Gips abgeformte und dann in Wachs oder ähnlichem ausgegossene) allerletzte Bildnisse mit offenen Augen. Umso erstaunlicher war, was WELT am 24. Januar 1976 auf der Titelseite zeigen und beschreiben konnte: „Das Original der Totenmaske Friedrich des Großen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article202341804/Friedrich-der-Grosse-Wie-Preussen-den-Siebenjaehrigen-Krieg-ueberlebte.html) ist wieder da“, hieß es im Text zur Aufmacheroptik: „Seit dem Zweiten Weltkrieg war sie verschollen.“ Der Bildhauer Johannes Eckstein (verlinkt auf https://archive.org/details/allgemeineslexik10thie/page/331/mode/1up) hatte bald nach dem seit Tagen absehbaren Tod des Königs am 17. August 1786 im Schloss Sanssouci das Ritual am verstorbenen Monarchen vollzogen. Aber zeigte die echte Totenmaske den – im Alter von 74 Jahren – längst vergreisten Friedrich nun mit offenen oder mit geschlossenen Augen? Der WELT-Bericht ging, sicher gestützt auf die Angaben der zuständigen Fachleute, davon aus, das Original sei jenes mit offenen Augen gewesen sei. Entsprechend hieß es im Artikel, Ecksteins habe seine Abformung benutzt als „Vorlage jener berühmt gewordenen Maske, die Friedrich II. geschönt mit geschlossenen Augen zeigt und in Porzellan und Gips in tausendfacher Ausfertigung in deutschen Stuben hing.“ Lange Zeit war die Maske mit offenen Augen im Berliner Hohenzollern-Museum aufbewahrt worden, dem Schloss Monbijou (verlinkt auf https://www.lessrain.com/de/projekte/schloss-monbijou-berlin/) nördlich der Spree und vis-à-vis des Kaiser-Friedrich-Museums. Dieser vergleichsweise kleine Palast war jedoch im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und die Ruine 1959 von der DDR zugunsten eines Parks mit Freibad abgerissen worden. War Ecksteins Original durch die Bomben untergegangen? Jedenfalls blieb die Maske seit dem Zweiten Weltkrieg verschwunden. Auf private Initiative aus Westdeutschland hin suchte die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, der zu DDR-Zeiten die Pflege der erhaltenen preußischen Residenzen oblag – und wurde 1975 schließlich fündig: In einem rund drei Jahrzehnte lang im Fundus des Potsdamer Neuen Palais (verlinkt auf https://www.spsg.de/schloesser-gaerten/objekt/neues-palais) ausgelagerten und niemals geöffneten Behälters fand sich Friedrichs Abbild mit offenen Augen. Anlässlich des 264. Jahrestages seines Geburtstags am 24. Januar 1712 bestätigte die Schlösser-Verwaltung diese Information gegenüber WELT. Ob das abgedruckte Foto eine aktuelle Aufnahme war oder eine historische aus einem Bildarchiv, ist nicht mehr zu eruieren. Jedenfalls war sie leicht verzerrt, nämlich schmaler als tatsächlich. Seinerzeit noch nicht der Öffentlichkeit bekannt war jedoch ein Brief des berühmten Berliner Bildhauers Johann Gottfried Schadow vom 28. April 1812 an den damaligen bayerischen Kronprinzen Ludwig (der selbst 1825 bis 1848 König war). Das Schreiben ist im Wittelsbacher Hausarchiv überliefert, wurde der interessierten Öffentlichkeit aber erst 1990 in dem Band „Schadow. Der Bildhauer“ (verlinkt auf https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Angebote/autor=Eckardt+G%C3%B6tz&titel=Johann+Gottfried+Schadow+1764+-+1850+%3B+der+Bildhauer) bekannt. Der Autor Götz Eckardt, ein Kunsthistoriker, amtierte zu DDR-Zeiten als Direktor der Schlösserverwaltung und damit zweiter Mann hinter dem Generaldirektor Jochen Mückenberger. In diesem Brief berichtete Schadow, wie Johannes Eckstein die Totenmaske abnahm – nach Eckardts Meinung dürften die beiden persönlich darüber gesprochen haben. Als Friedrich der Große starb, wartete der seinerzeit knapp 51-jährige Eckstein beim Schloss Sanssouci. Vermutlich im Auftrag des neuen Königs Friedrich Wilhelm II., des Neffen des kinderlosen Monarchen, nahm er ihm die Totenmaske ab. Doch dabei kam es zu Problemen, wie Schadow schilderte. „Bei Anlage der Maske von Gips hatte Eckstein, um recht viel und es recht gut zu haben, bis hinter die Ohren und den halben Hals mitgeformt“, schrieb er: „Nun hatte er Mühe, die Gipsform loszubekommen, und er klopfte deshalb mit einem hölzernen Klöppel an den Schädel.“ Das war allerdings eine denkbar unpassende Art, mit dem Leichnam eines Königs umzugehen. „Darüber wurden die Kammerhusaren, die zugegen waren, böse.“ Eine gewisse Häme schimmerte durch, als Schadow fortfuhr: „Wäre es dem Eckstein nicht glücklicherweise widerfahren, dass der Gips sich löste, so hätte er Prügel bekommen.“ Wichtiger als diese Missgunst war allerdings, was der weitaus bekanntere und erfolgreiche Bildhauer über den Fortgang der Arbeit seines Kollegen Eckstein weiter mitteilte: „In diese erste Form goss er zwei Wachsabdrücke, davon ich den einen und der Doktor Heinrich Meier den andern besitzt.“ Dann tat der Abformer jedoch etwas, was unverzeihlich war: „Gleich danach machte dieser Eckstein daran die Augen auf und gab den Teilen nach seinem Dünken Veränderungen und Verbesserungen, wodurch er alles verdarb.“ Ein Ausguss dieser veränderten Totenmaske, ergänzt zum vollständigen Kopf, ging an Friedrich Wilhelm II. und später an das Hohenzollern-Museum im Schloss Monbijou. Und sehr wahrscheinlich war es dieses Exemplar, das auf die privaten Recherchen hin im Neuen Palais 1975 wiederentdeckt und am 24. Januar 1976 fälschlich als die „echte“ Totenmaske präsentiert wurde. Soweit bekannt, ist die Negativform aus Gips, die Eckstein tatsächlich abgeformt hatte, schon bald verloren gegangen. Schadow erwarb seinen Ausguss der Totenmaske mit geschlossenen Augen vermutlich direkt von Eckstein, der 1793 nach Amerika auswanderte, wo er seit November 1793 mit einem Kunsthandel unter dem Namen „John Eckstein & Son“ in Philadelphia residierte, damals noch die Hauptstadt der jungen Vereinigten Staaten. Diesen Ausguss muss Schadow nach 1812 an Johann Georg von Dubsky verkauft haben, den Inhaber eines Wachsfigurenkabinetts in Wien. Wahrscheinlich 1824 kam diese Fassung mit geschlossenen Augen an die Berliner Kunstkammer, die Sammlung des preußischen Königshauses, und später ins Hohenzollern-Museum. Im Zweiten Weltkrieg ging sie so weit bekannt verloren; überliefert ist allerdings ein im Profil aufgenommenes Foto. Trotzdem gibt es ein Objekt, das einen Eindruck des tatsächlichen Gesichts des gerade verstorbenen Friedrichs II. vermittelt – mit geschlossenen Augen: Das Deutsche Historische Museum in Berlin verfügt über einen undatierten, vermutlich späteren Gipsausguss nach einer Neuabformung der Totenmaske, ebenfalls ergänzt zum vollständigen Kopf. Zur Entstehung verrät die Objektdatenbank (verlinkt auf https://objekt.db.dhm.de/objekt/KG000343) keine weiteren Details. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Als Student nahm er am 17. August 1991 auf Einladung der Landesregierung von Brandenburg an der Überführung des Sarges Friedrichs II. nach Potsdam-Sanssouci teil.