Planung und gründliche Vorbereitung gehören selten zu den Stärken von „abgerockten Bohemiens“. So jedenfalls nannte Bettina Röhl, die Tochter der Terroristin Ulrike Meinhof (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article239358823/Ulrike-Meinhof-Die-meistgesuchte-Frau-Deutschlands.html) , das „versammelte Volk“ im Wohnzimmer der Wohnung, in der im Frühjahr 1970 linksextreme Aktivisten über die Gründung einer „Stadtguerilla“ in West-Berlin diskutierten. „Ab und zu waren korrekt gekleidete Typen dabei, die deutlich emotionsloser waren, mit weißem Hemd und Anzug, kurz geschnittenen Haaren“, schrieb Röhl in ihrer wütenden Abrechnung unter dem Titel „ Die RAF hat euch lieb (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article178344954/Ulrike-Meinhof-Sie-wollte-ihre-Kinder-mit-in-den-Abgrund-reissen.html) “. Weiter zitierte sie Meinhof aus dem Gedächtnis: „,Das sind die Genossen aus Ost-Berlin‘, klärte mich unsere Mutter auf, ‚das sind die, die euch Kindern manchmal kleine Geschenke oder Geld in eure Schuhe stecken. Daran kannst du diese Genossen erkennen‘.“ Diese naturgemäß wenig belastbare Erinnerung der seinerzeit knapp achtjährigen Bettina, einer der Zwillingstöchter Meinhofs, ist nicht das einzige Indiz, dass die DDR-Staatssicherheit in der Gründungsphase der RAF mitspielte. Einige Monate später, am 6. August 1970, nahm der SED-Geheimdienst auf dem DDR-Flughafen Berlin-Schönefeld einen verdächtigen Passagier der Linienmaschine aus Damaskus fest. Eine ganze Nacht lang wurde dieser Hans-Jürgen Bäcker vernommen, dessen arabischer Pass falsch war und der bei der Einreisekontrolle in seiner Hose eine geladene Pistole stecken hatte. Bei der Befragung ( das teilweise handgeschriebene Protokoll (verlinkt auf https://www.stasi-mediathek.de/medien/protokoll-ueber-die-vernehmung-hans-juergen-baeckers-nach-seiner-einreise-in-die-ddr/blatt/23/) umfasst 18 Seiten) erfuhr die Stasi ziemlich alles über die gerade gegründete Terrorgruppe. Bäcker nannte alle Namen der Mitglieder, die einige Wochen lang bei palästinensischen Terroristen in Jordanien ausgebildet worden waren, und berichtete über die interne Hackordnung. Der „eigentliche Initiator der Aktionen und Leiter der Gruppe“ sei „nicht Horst Mahler, sondern Andreas Baader“. Der untergetauchte linke Anwalt gehöre aber wie Gudrun Ensslin und eben Ulrike Meinhof zum „Führungsgremium der Gruppe“. Nach 26 Stunden im Stasi-Gewahrsam wurde Bäcker über den Bahnhof Friedrichstraße abgeschoben. Die West-Berliner Polizei informierte das Ministerium für Staatssicherheit nicht, obwohl bekannt war, dass nach der Gruppe und ihren Mitgliedern gefahndet wurde. Wenige Tage später kehrten die übrigen Teilnehmer der Ausbildung in Jordanien über Damaskus und Schönefeld nach Berlin zurück. Sie wurden von DDR-Kontrolleuren überprüft, aber durften trotz miserabel gefälschter Papiere anstandslos passieren. Ein weiterer Beweis für die Kontakte der RAF mit dem SED-Geheimdienst datiert vom 17. August 1970. An diesem Montag stand eine Frau Mitte dreißig vor dem Schalter „Einreise in die DDR“ im Bahnhof Friedrichstraße. Sie legte einen französischen, auf den Namen Michèle Ray ausgestellten Pass vor. Ein Stasi-Mann der Passkontrolleinheiten notierte, die Frau mache „einen mittelmäßigen Eindruck“, spreche aber „gut deutsch“. Trotz des offensichtlich nicht für sie ausgestellten Passes durfte sie einreisen. Ulrike Meinhof, die den (echten) Ausweis der französischen Journalistin mit einem falschen Foto benutzte, hatte es nicht weit: Ihr Ziel war der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend am Boulevard Unter den Linden. An der dortigen Pforte verlangte sie, einen hochrangigen Genossen zu sprechen. Schließlich ließ man sie zu jenem Funktionär vor, in dessen Zuständigkeit Kontakte mit West-Berliner Linksradikalen fielen. Meinhof stellte sich vor und verlangte, „mit Genossen, mit denen man eine politische Diskussion führen kann, in Verbindung“ gebracht zu werden; außerdem wollte sie einen Vertreter der Staatssicherheit treffen. Der Funktionär der SED-Jugendorganisation schlug vor, Meinhof möge am kommenden Tag erneut vorbeikommen; sie willigte ein. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, gab schriftlich die Weisung: „Der M. ist beim Erscheinen an der Grenzübergangsstelle die Einreise zu gestatten“, auch wenn sie „einen französischen oder anderen ausländischen Pass“ benutze. Doch offenbar kam dieser Befehl nicht rechtzeitig an; jedenfalls wies ein anderer Grenzkontrolleur Meinhof bei ihrem erneuten Einreiseversuch am 18. August 1970 zurück. Ohne Zweifel also stand die DDR-Staatssicherheit Pate bei der Entstehung der RAF, der ersten linksterroristischen Gruppe im engeren Sinne in Deutschland nach 1945. Bis zur Festnahme der „ersten Generation“ der RAF 1972 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/raf/article239222199/Terroristen-Festnahme-1972-Ensslin-Schily-und-der-Kassiber.html) gab es dann zwar keine weitere dokumentierte Unterstützung der RAF durch die Stasi. Allerdings schauten die DDR-Kontrolleure an der damals mit am schärfsten überwachten Grenze der Welt, dem Transit aus der Bundesrepublik nach West-Berlin, stets weg, wenn Linksextremisten mit schlecht gefälschten Papieren hier unterwegs waren. Auch später gab es massive Unterstützung durch feindliche Geheimdienste. Die palästinensische Terrorgruppe PFLP, die im Auftrag der RAF am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Boeing „Landshut“ entführte, leitete der KGB-Agent Wadi Hadad; er hatte auch schon seine Finger bei den Anschlägen auf die Opec-Tagung in Wien kurz vor Weihnachten 1975 und der Entführung eines Air-France-Airbus nach Entebbe 1976 im Spiel gehabt. Ab Ende der 1970er-Jahre tauchte dann ein knappes Dutzend Mitglieder des „harten Kerns“ der RAF in der DDR unter, sorgsam geschützt von der Stasi; erst im Sommer 1990 wurden sie festgenommen. Außerdem wurden Christian Klar und einige weiter aktive RAF-Terroristen in der DDR um 1980 an Waffen ausgebildet. Der Brandanschlag der linksextremistischen „Vulkangruppe“ auf kritische Infrastruktur in Berlin (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus695b78fbc83d5f8e0659ca51/anschlag-auf-stromnetz-was-das-bekennerschreiben-der-vulkangruppe-verraet-und-was-nicht.html) Anfang Januar 2026 führt da automatisch zu Fragen: Könnten auch hier feindliche Geheimdienste, namentlich die russischen Organisationen FSB, SWR oder GRU mitgespielt haben? Zwar sind die meisten Informationen über Stromnetze aufgrund eines schwer nachvollziehbaren Transparenzgebots öffentlich zugänglich, aber reichten diese Informationen tatsächlich? Dass die russischen Dienste schon seit Jahren klandestin gegen den Westen kämpfen, haben gerade die Redakteure der „Frankurter Allgemeinen“ Reinhard Bingener und Markus Wehner in ihrem höchst lesenswerten Buch „ Der stille Krieg (verlinkt auf https://www.chbeck.de/bingener-wehner-stille-krieg/product/38844411) “ (C. H. Beck München 2025. 362 S., 20 Euro) dargelegt. In die hier geschilderten Erkenntnisse westlicher Dienste würde eine Zusammenarbeit mit Linksextremnisten zum Zwecke der Unruhestiftung in Berlin ohne Weiteres passen, Beweise gibt es soweit bekannt allerdings bisher nicht. Zwar darf man sich die Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Terroristen nie so vorstellen wie ein einfaches Befehlsverhältnis. Aber FSB, SWR und GRU dürften im Manipulieren und Ausnutzen solcher Extremisten ebenso erfahren sein, wie es Stasi und KGB zweifellos waren. Das historische Beispiel zeigt, womit man rechnen muss. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern dazu zählt, Anfang 2025 erschienen, „ Der Stammheim-Prozess (verlinkt auf https://www.herder.de/wissen/shop/p8/90794-der-stammheim-prozess-gebundene-ausgabe/) “.