Der Mann muss ein Monster gewesen sein. Er soll reihenweise Frauen und Kinder ermordet haben, darunter seinen eigenen Sohn. Teilweise soll er seine Opfer aufgefressen haben, das Hirn der Kinder soll ihm besonders gut geschmeckt haben. Dazu kamen Unzucht mit einem weiblichen Dämon und Vergewaltigung seiner eigenen Tochter. Und er soll im Besitz eines Fell-Gürtels gewesen sein, mit dessen Hilfe er sich in einen Werwolf verwandeln konnte. Angeblich, so wurde damals berichtet, stellte man den Übeltäter, als er wieder einmal als Wolf unterwegs war. Einer der Verfolger soll ihm dabei eine Vorderpfote abgehackt haben. Dem wieder in Menschengestalt zurückverwandelten Teufelsdiener, so heißt es, fehlte später die rechte Hand. Der Gefasste war ein Bauer aus dem Dörfchen Epprath bei Bedburg, einer Stadt im heutigen Rhein-Erft-Kreis, keine 50 Kilometer westlich von Köln. Er hieß Peter Stump, in manchen Quellen wird er Stubbe oder Stüpp genannt. Im Bedburger Schloss band man ihn auf das Streckbett. Unter Androhung der Folter gestand er alles, was man ihm vorwarf. Und am 31. Oktober 1589 wurde er hingerichtet. Erst spannte man ihn auf ein Wagenrad, dann riss man ihm mit glühenden Zangen Fleischstücke aus dem Körper, zerschmetterte mit einem Hammer seine Arme und Beine. Dann erst hieb ihm der Henker mit einem Schwert den Kopf ab. Der Fall Peter Stump wurde im westlichen Rheinland und in der Nordeifel zur Inspirationsquelle und zum Namensgeber für viele andere Werwolf-Geschichten. Wenn in den Sagen dieser Region Menschen in Wolfsgestalt auftauchen, so werden sie meist Stüpp genannt. Und es gibt zwischen Inde, Erft und Rur viele Geschichten, die vom Stüpp erzählen. Bei manchen handelt es sich um harmlose Schwänke, bei denen die Heimgesuchten mit dem Schreck davonkommen. Andere Sagen enden tödlich. Besonders an den zwölf Tagen und Nächten zwischen den Jahren, den sogenannten Raunächten, machten unsere Vorfahren Bekanntschaft mit Werwölfen und anderen Grausensgestalten. Peter Kremer (verlinkt auf https://verlag-mainz.de/wp-content/uploads/kremer-wo-das-grauen-lauert-leseprobe.pdf?srsltid=AfmBOoqPNmmJvOy6o0hRNuoVRhPkEBVdtE8loov2Hfbiarq7uryYR2ZA) , ein Sagenforscher aus Düren, schreibt, in diesen Nächten habe es schon als gefährlich gegolten, das Wort Wolf auch nur auszusprechen. Wer es dennoch tat, der riskierte „für den Rest des Jahres andauernde Wolfsattacken auf seine Weidetiere“. Es habe auch Theorien gegeben, wonach Kinder, die zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag gezeugt wurden oder zur Welt kamen, bevorzugt zu Werwölfen mutierten. Es sei denn, es war an einem Sonntag. „Wer an einem Sonntag während der ,Zwölfe‘ das Licht der Welt erblickte“, so Kremer, „der konnte böse Geister, Werwölfe und Blutsauger erkennen und vernichten.“ Volkskundler und Kulturanthropologen gehen davon aus, dass überall Geschichten über Menschen kursierten, die sich in Tiere verwandeln konnten – und das insbesondere während der Raunächte, deren Name möglicherweise auf das mittelhochdeutsche Wort „ruch“ für haarig, fellig zurückgeht. Doch dass es in der Nordeifel besonders viele solcher Tiermensch-Berichte gebe – das liegt Kremer zufolge an der außergewöhnlich guten Überlieferung. Und das wiederum sei vor allem das Verdienst des Lehrers Heinrich Hoffmann, der Ende des 19. Jahrhunderts auf vielen Tausend Seiten aufschrieb, was ihm die Leute zwischen Düren und Eifel erzählten. Anders als viele andere Sagenforscher habe Hoffmann auch grausame Details nicht ausgespart. Erika Münster-Schröer, Historikerin der Universität Duisburg-Essen, verfolgt eine andere Spur. Sie wurde bei ihren Forschungsarbeiten zu Hexenprozessen im Rheinland auf die Werwolf-Geschichten der Eifel aufmerksam. Seitdem versucht sie aufzudröseln, wie darin historisch belegte Begebenheiten und Mythenbildung ineinandergreifen. Eine frühe Fährte führe in den Osten Frankreichs, in die Region Franche-Comté, wo sich bereits ab 1520 einzelne Hirten vor Gericht für angebliche Werwolf-Delikte verantworten mussten. Auch in den Theorie-Büchern der Hexenverfolgung wie etwa dem erstmals 1486 gedruckten „Hexenhammer“ des Dominikaners Heinrich Kramer wird die Tierverwandlung als Anklagepunkt aufgeführt. Doch das allein, sagt Münster-Schröer, erkläre nicht, warum das Werwolf-Thema später ausgerechnet in der Eifel derart monströse Züge angenommen habe. Die Historikerin hat die Akten mehrerer Prozesse studiert, die im Örtchen Schmidtheim im heutigen Kreis Euskirchen geführt wurden. Zwischen 1597 und 1617 wurden in diesem kleinen Flecken 14 Menschen hingerichtet. Der Vorwurf: Hexerei, Unzucht, Vergewaltigung. „Auch Werwolf-Anklagen sowie der Vorwurf der Verwandlung in eine Katze tauchten hier auf“, sagt Münster-Schröer. Doch das war erst der Anfang: Kurze Zeit später, zwischen 1630 und 1635 seien in nur fünf Jahren 44 Männer und Frauen hingerichtet worden – nun war das Delikt der Werwolf-Verwandlung allgegenwärtig. Vom Beispiel Schmidtheim versucht Münster-Schröer abzuleiten, wie es dazu kommen konnte. Verwunderlich sei, so die Forscherin, dass es innerhalb der Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg, die in puncto Hexenverfolgung eher unauffällig waren, ausgerechnet in der Region Eifel so viele Prozesse gegeben habe. „Möglicherweise war das eine Machtdemonstration der dort amtierenden Unterherrschaften, die zeigen wollten, dass sie über die sogenannte Blutsgerichtsbarkeit verfügten.“ In Schmidtheim beispielsweise hatten die Herren Beissel von Gymnich das Sagen. Und die gingen unbarmherzig gegen Wilderei und Holzdiebstahl vor – Delikte, mit denen die von Hunger und Armut geschundene Bevölkerung zu überleben versuchte. „Es ist merkwürdig“, so Münster-Schröer, „dass in den Prozessunterlagen im Zusammenhang mit der Werwolf-Anschuldigung immer wieder von eisernen Gerätschaften wie Klammern und Haken die Rede ist.“ Ein Delinquent sprach sogar von einem eisernen Gebiss, das ihm der Teufel gegeben habe. Wurden in den unter Folter erzwungenen Geständnissen möglicherweise die Fallen und Werkzeuge beschrieben, die die Wilderer und Holzdiebe mit sich führten? Auslöser für die grausame Hexenjagd auf angebliche Werwölfe sei allerdings etwas anderes gewesen, sagt Münster-Schröer: das Aufkommen der ersten Massenmedien der Geschichte, gedruckte Flugschriften, die unter dem Titel „Neue Zeitungen“ in Deutschland und den Nachbarländern verbreitet wurden. „Diese Schriften waren die Boulevardmedien der damaligen Zeit.“ Und die illustrierte Story von Peter Stump, dem Werwolf aus Bedburg, war einer der größten Auflagenknüller. Mit der Geschichte vom Leben und Sterben dieses blutrünstigen Scheusals ließ sich gutes Geld machen, und so kursierten bald verschiedenste Versionen, versehen mit drastischen Darstellungen, ausgeschmückt mit immer neuen Details. Was davon wahr ist und was Erfindung, lässt sich nicht mehr ermitteln. Denn anders als bei den von Münster-Schröer erforschten Werwolf-Urteilen aus Schmidtheim sind vom Prozess gegen Peter Stump keine Akten erhalten. Deshalb hält sie sogar für möglich, dass es Stump nie gegeben hat und der ganze Fall ein Fake-news-Phänomen des beginnenden 17. Jahrhunderts war. Beweisen lässt sich das nicht, aber die Historikerin kann an anderen Beispielen jener Zeit zeigen, wie Sex-and-crime-Reportagen von A bis Z erfunden wurden, um den Verkauf anzukurbeln. Sicher sei auch, so Müller-Schröer, „dass die Flugschriften über Peter Stump zu Brandbeschleunigern wurden.“ Sie dienten den Hexenkommissaren, die später in Schmidtheim und anderswo Werwolf-Anklagen formulierten und Prozesse führten, als Inspirationsquelle. Auch die Gelehrten schrieben für ihre Abhandlungen über das vermeintlich Böse daraus ab. Der Teufelskreis, den sie damit in Gang setzten, war grausame Realität.