Einsam sitzt Sven Hannawald oben auf dem Balken der Paul-Außenleitner-Schanze in Bischofshofen und wartet auf das Startsignal von Bundestrainer Reinhard Heß. Unter ihm das Getöse von 30.000 Zuschauern und ein Meer von deutschen Fahnen. An den TV-Geräten zu Hause fiebern 14,89 Millionen Zuschauer mit. Den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee 2001/02 hat der damals 27-Jährige nach den drei Tageserfolgen zuvor in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck mit 30 Metern Vorsprung auf den Finnen Matti Hautamäki sicher. Doch es geht um mehr – um ein Stück Sportgeschichte. Hannawald kann der erste Skispringer werden, der bei der Tournee alle vier Springen gewinnt. Das hat es in 50 Jahren Tournee noch nie gegeben. „Mir war in dem Augenblick alles egal“, erinnert sich Hannawald. „Ich wollte nur, dass es vorbei ist. Der Druck war so unfassbar groß. Und ich wollte nicht mehr auf Schritt und Tritt verfolgt werden. Sobald ich aus dem Hotelzimmer kam, hörte ich nur noch klick-klick-klick. Diese Dauerbeobachtung hat mich echt fertiggemacht.“ Zwölf Sekunden später – sechs Sekunden in der Anfahrt, sechs Sekunden in der Luft – ist der historische Triumph perfekt. Hannawald springt 131,5 Meter weit und in die Ewigkeit. Umgerechnet 1,5 Meter liegt er vor Hautamäki, schafft damit den Sieg in Bischofshofen und den Tournee-Grand-Slam. (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/wintersport/article13782414/Sven-Hannawald-Diese-Tournee-war-fuer-mich-das-geilste-Erlebnis.html) Vier Jahre zuvor stand der Japaner Kazuyoshi Funaki dicht vor dem Vierfachsieg. Doch beim Abschluss-Springen in Bischofshofen gewann – Sven Hannawald (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/sven-hannawald/) . Er feierte in Österreich seinen ersten Weltcupsieg. „Es ist schon verrückt, wie die Dinge manchmal spielen“, sagt Hannawald. „Irgendwie war es eine Fügung, dass ich als Erster diesen Vierfachsieg schaffen sollte.“ Im Auslauf fällt die ganze Anspannung von ihm ab. Hannawald hüpft ein paar Mal auf der Stelle hoch, schnallt seine Skier ab und gleitet auf dem Bauch über den Schnee. Seine Eltern Andreas und Regina sowie seine Schwester Jeanette fallen ihm um den Hals. Bundestrainer Heß eilt vom Sprungturm hinunter und zieht symbolisch seine Kappe vor Hannawald. Dann tragen Heß und Heimtrainer Wolfgang Steiert Hannawald auf Schultern durch das Skisprungstadion. Bilder, die um die Welt gehen. Auch finanziell lohnt sich der historische Triumph im Jahr 2002. Insgesamt 330.000 Euro bekommt Hannawald vom Tournee-Veranstalter, Verbänden und Sponsoren. „In Oberstdorf habe ich noch D-Mark bekommen, ab Garmisch Euro. Ich dachte erst, die hauen mich übers Ohr“, sagt er mit einem Lachen. Die Anfänge: Sein Traum tröstet ihn über das Heimweh Der Weg in die Geschichtsbücher beginnt mit seiner Geburt am 9. November 1974 im Krankenhaus Erlabrunn im Erzgebirge – wo auch schon der viermalige Tourneesieger Jens Weißflog das Licht der Welt erblickte und später der Weltcupsieger Richard Freitag. „Dort scheinen sie ein gutes Skisprung-Karma zu haben“, sagt Hannawald. Er wächst im sächsischen Johanngeorgenstadt, wegen des strengen Winters auch „Johannsibirsk“ genannt, auf. Erst soll er Nordischer Kombinierer werden, doch Hannawald sträubt sich. „Ich habe im Fernsehen gesehen, dass es Menschen gibt, die auf Schanzen 180 Meter fliegen“, sagt er. „Das fand ich faszinierend. In der Kombination aber gab es nur 90-Meter-Schanzen. Das war der Hauptgrund, warum ich kein Kombinierer werden wollte.“ Mit zwölf kommt er auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Klingenthal. „Unter der Woche war ich von meinen Eltern getrennt, ich hatte großes Heimweh. Aber der Traum vom Skifliegen und der Vierschanzentournee (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/vierschanzentournee/) war größer, das hat mich über Wasser gehalten.“ Hannwald und Schmitt: Freunde seit der Jugend Sein erster Berufswunsch ist Lkw-Fahrer. „Weil man so ins Ausland durfte. Mein Onkel Sepp war auch Lkw-Fahrer, fuhr nach Italien oder Spanien, darum habe ich ihn beneidet. Nach dem Mauerfall hatte sich das aber schnell erledigt.“ Einen Tag nach dem Mauerfall am 9. November 1989, Svens 15. Geburtstag, zieht sein Vater in den Westen nach Burgau im schwäbischen Landkreis Günzburg, wo Verwandte leben. Im August 1990 folgen Hannawalds Mutter und Schwester dem Vater. Sven bleibt zunächst im Osten, weil er seine Sportausbildung fortführen und die Realschule mit der Mittleren Reife abschließen will. Tante Monika und ihre Familie ziehen zu ihm in die Wohnung und kümmern sich um ihn. 1991 zieht es auch ihn in den Westen, er kommt auf das Ski-Internat Furtwangen im Schwarzwald. Anfangs muss er sich Ossi-Witze anhören wie: „Was ist die Lieblingssportart der Ossis? Bobfahren. Links eine Mauer, rechts eine Mauer, und es geht immer bergab.“ Oder Hannawalds Lieblingswitz: „Kommt ein Mann zur Tankstelle und sagt: ,Ich hätte gern zwei Scheibenwischblätter für meinen Trabi.‘ Darauf schaut sich der Tankwart den Trabi an und sagt: ,Das ist ein fairer Tausch …‘“. Doch Hannawald findet einen Freund, den Langläufer Christian Schnabel, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Im Schwarzwald lernt Hannawald auch Martin Schmitt kennen. Beide freunden sich an und ziehen zusammen um die Häuser. Nach langen Disco-Nächten in Singen oder Balingen schläft Hannawald oft bei der Familie Schmitt in Tannheim im Gästezimmer. Später werden Hannawald und Schmitt die ersten Popstars des Skispringens (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/skispringen/) , aus den Freunden werden auch Konkurrenten. „Ohne unsere Freundschaft von früher wäre es sicher schwierig zwischen uns geworden“, sagt Hannawald. „Aber so konnten wir immer Privates und Sport voneinander trennen. Jeder hat dem anderen seine Erfolge gegönnt. Was später in Österreich mit Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer null funktioniert hat, war bei uns nie ein Problem.“ Nicht gut genug: Als Hannawald der Ausschluss drohte Im Gegenteil. In der Hinterzartener Trainingsgruppe unter Heimtrainer Wolfgang Steiert spornen sich Hannawald und Schmitt jeden Tag gegenseitig an. Auch bei den Weltcups teilen sie sich bis 1999 ein Doppelzimmer, bevor Bundestrainer Heß ein ständiges Durchwechseln der Zimmerpartner anordnet. Zunächst springt Hannawald im Weltcup nur hinterher. Lange bleibt Platz 14 in Engelberg in der Saison 1994/95 sein bestes Resultat. Der Deutsche Skiverband droht mit dem Ausschluss aus der Nationalmannschaft, doch Trainer Wolfgang Steiert glaubt an Hannawald und setzt sich für ihn ein. Im Winter 1997/98 geht es bergauf, Hannawald landet im Weltcup elfmal in den Top 10. Beim Abschluss-Springen der Vierschanzentournee in Bischofshofen feiert er seinen ersten Weltcupsieg. Bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano gewinnt Hannawald zusammen mit den „Schwarzwald-Adlern“ Dieter Thoma, Martin Schmitt und Hansjörg Jäkle Team-Silber. „Ich fand Japan mit seiner Tradition und Kultur sofort faszinierend“, sagt Hannawald. „Vor allem das Sumo-Ringen hat es mir angetan. Zu Hause habe ich das in jeder freien Sekunde geschaut. Diese Energie, Ruhe und gesunde Arroganz der Ringer haben mich total angesprochen. Bei Olympia in Nagano sind sie immer beim Einmarsch der Nationen vorausgegangen. Als ich diese Fleischberge von Nahem sah, war das ein tolles Erlebnis für mich.“ Hannawald: „Ich wollte immer leichter werden“ Offenbar ziehen sich Gegensätze an. Denn der 1,85 Meter große Hannawald hungert sich auf ein Gewicht von 63 Kilo runter, um weiter springen zu können. „Leicht fliegt besser, so ist das eben in unserer Sportart“, sagt er. „Ich wollte immer leichter werden, um noch weiter fliegen zu können.“ 1999 wird er beim Surfen in der Türkei fotografiert, und das Bild in Badehose löst Magersuchtgerüchte aus. Hannawald sagt dazu: „Wenn ich das Foto heute sehe, kann ich verstehen, dass die Leute dachten, ich sei magersüchtig. Aber das war ich nicht. Ich war lediglich in einem Grenzbereich.“ 2000 gewinnt Hannawald seinen ersten großen Titel, in Vikersund (Norwegen) wird er Skiflug-Weltmeister. Dabei profitiert er von dem extrabreiten „Wunderski“, von der Konkurrenz auch „Surfbrett“ genannt, der hinterher vom Weltverband reglementiert wird. „Der Ski stand allen Springern zur Verfügung, aber nur ich habe ihn beherrscht und konnte ihn aerodynamisch optimal nutzen“, sagt Hannawald. „Zwei Jahre später in Harrachov bin ich ja wieder mit normalen Skiern Weltmeister geworden. Skifliegen war einfach mein Ding.“ Was Hannawald von allen anderen abhebt, ist sein außergewöhnliches Fluggefühl. Damit kompensiert er auch seine vergleichsweise schwache Absprungkraft. Der Finne Risto Jussilainen und der Österreicher Martin Höllwarth springen aus der Hocke mit gestreckten Beinen 75 Zentimeter hoch – Hannawald schafft im Optimalfall gerade 55 Zentimeter. „Beim Trainingsstart im Mai lag ich immer bei 37 Zentimetern. Das war immer sehr deprimierend“, sagt er. „Aber ich konnte besser fliegen als die anderen und so das Thema Schnellkraft ausschalten. Wer vom Schanzentisch kerzengerade nach oben springt, wird von der Luft gebremst. Ich bin mehr nach vorne gesprungen und habe die Geschwindigkeit vom Tisch mitgenommen. Mit den engen Anzügen von heute wäre ich mit diesem Herangehen aber chancenlos.“ Tournee 2001/02: Als das Kopfkino begann Zur Tournee 2001/02 fährt er als Außenseiter. „Der große Favorit war Adam Malysz. Ich bin relativ unbelastet dahin gefahren und habe mich einfach auf das erste Springen gefreut“, sagt Hannawald. „In Oberstdorf herrscht immer eine ganz besondere Atmosphäre. Es ist der Auftakt, die Leute kommen aus den Weihnachtstagen. Doch dass ich dann gewinne, damit hätte ich nie gerechnet.“ Hannawald triumphiert auf der „deutschen Schanze“ vor Martin Höllwarth (Österreich) und Simon Ammann (Schweiz). Malysz belegt nur Platz fünf. In Garmisch-Partenkirchen gewinnt Hannawald erneut – vor Andreas Widhölzl (Österreich) und Malysz. „An den Tourneesieg habe ich da immer noch nicht gedacht“, sagt er. „Ich war zufrieden mit den Siegen in Deutschland. Was in Österreich passiert, interessiert mich nicht. So habe ich es zumindest mir eingeredet und auch nach außen so verkauft.“ Doch spätestens nach der dritten Station in Innsbruck ist es mit der Tiefstapelei vorbei. Die neu errichtete Schanze ist Hannawald wie auf den Leib geschnitten, er gewinnt überlegen vor Malysz und Höllwarth. „Ich habe mich in einen Rausch gesprungen“, sagt Hannawald. „Ich habe einfach mein Zeugs gemacht, wie ich es ja auch immer in diversen Interviews erzählt habe. Doch die zwei Tage bis zum letzten Springen in Bischofshofen waren grausam. Meine Gedanken kreisten ständig um den möglichen Vierfachsieg. Nachts habe ich kaum ein Auge zugemacht.“ Ein Sportpsychologe half Hannawald Um Kraft zu sparen, lässt er bei allen Springen die Qualifikation aus – sehr zum Ärger des übertragenden TV-Senders RTL. Dafür nimmt er in Kauf, im K.o.-Duell gegen den Quali-Sieger anzutreten. „Platz fünf bei den Lucky Losern hätte ich auch auf einem Bein geschafft“, sagt Hannwald. „Während die Quali lief, habe ich im Team-Container immer Heinz-Erhard-Filme geschaut. ,Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett‘ und so weiter. Dabei konnte ich wunderbar entspannen.“ Seine vier Startnummern mit der 50 von damals bewahrt er immer noch zu Hause in der Nähe von München auf, genauso wie die Ski, den Helm und die Handschuhe. Nur der Anzug hat sich zersetzt und ist entsorgt. Mit dem Sieg in Bischofshofen geht Hannawald in die Geschichtsbücher ein. Er hält dem mentalen Druck stand, woran auch der Sportpsychologe Prof. Hans Eberspächer seinen Anteil hat. Seit Sommer 2001 arbeitet Hannawald mit ihm zusammen, hält das aber geheim. „Er hat mir beigebracht, den Fokus zu behalten, nur an den Sprung zu denken und nicht mehr zwischen Training und Wettkampf zu unterscheiden“, sagt er. Hannawald: „Heiratsanträge, BHs – alles war dabei“ Nach dem historischen Vierfach-Triumph bricht ein Teenie-Hype um Hannawald aus – die „Hannimania“. Kistenweise kommt die Fan-Post in Hinterzarten an, wo Hannawald in einer 38-Quadratmeter-Wohnung lebt. „Heiratsanträge, BHs – alles war dabei“, erzählt er. In der Fan-Gunst überholt er auch Martin Schmitt. „Martin und ich, wir hatten offenbar irgendetwas, was die Fans angesprochen hat“, sagt Hannawald. Als eine Stalkerin jedoch zu zudringlich wird, muss Hannawald die Polizei einschalten. Zwei Monate nach dem Tournee-Sieg greift Hannawald bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City nach Gold. Von der Großschanze liegt er nach dem ersten Sprung punktgleich mit Simon Ammann (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/simon-ammann/) auf Platz eins, stürzt dann aber im zweiten Durchgang und landet auf Platz vier. „Ich hatte eine Knochenhautentzündung am Schienbein und Schmerzmittel genommen. Die haben mich müde gemacht. Ich war nicht mehr klar im Kopf“, blickt Hannawald zurück. Doch im Teamspringen wird Hannawald doch noch Olympiasieger. Mit Martin Schmitt, Michael Uhrmann und Stephan Hocke liegt er minimale 0,1 Punkte vor den Finnen. Dazu holt er von der Normalschanze hinter Ammann Silber. Die Alarmsignale des Körpers ignoriert Hannawald Doch nach dem Winter seines Lebens lernt Hannawald die Kehrseite der Medaille kennen. „Die Erwartungen, vor allem meine eigenen, belasteten mich zunehmend“, sagt er. „Irgendwann breitete sich eine große Müdigkeit in meinem Kopf aus. Es war, als wäre mein inneres Feuer erloschen. Häufig hatte ich keine Kraft mehr, das zu tun, was ich eigentlich tun wollte.“ Hannawald schleppt sich nur noch zum Training. „Mein Körper hat nach Ruhe verlangt, aber von Ausruhen wird keiner Weltmeister“, sagt er. Die Alarmsignale des Körpers ignoriert Hannawald. „Nach meinem Tourneesieg bin ich in den Urlaub nach Mauritius geflogen“, sagt Hannawald. „Dort habe ich zwölf von 14 Tagen gepennt, so ausgelaugt war ich. Danach ging es erst mal wieder. Bei der folgenden Tournee habe ich ja auch in Oberstdorf gewonnen und bin Gesamt-Zweiter geworden. Aber danach ging es mir umso schlechter.“ Hannawald fühlt sich antriebslos, rätselt, was mit ihm los ist. Er rennt von Arzt zu Arzt, die alles Mögliche mit ihm anstellen: Magenspiegelung, Darmspiegelung, kleines Blutbild, großes Blutbild, Röntgenuntersuchung. Im März 2004 fliegt er mit seiner damaligen Freundin in den Urlaub nach Barcelona. „Das war der reinste Horror-Urlaub, was aber nichts mit meiner Freundin zu tun hatte“, erzählt er. „Ich war platt, aber gleichzeitig völlig unruhig. Nachts bin ich aufgewacht und habe geheult. Ich wusste einfach nicht, was mit mir los ist, und fühlte mich so hilflos.“ Nach der Diagnose kommt die Spezialklinik Im April 2004 geht er zu einem Arzt für Psychosomatik. Der stellt sofort die Diagnose: Burn-out. Neun Wochen kommt Hannawald in eine Spezialklinik in Bad Grönenbach im Unterallgäu. Außer den Einzelsitzungen mit der Therapeutin macht Hannawald auch Akupunktur, Physiotherapie und Kneipp-Bäder. Denn Hannawald ist nicht nur psychisch, sondern auch körperlich völlig ausgelaugt, was auch an der unzureichenden Ernährung liegt, die er sich selbst auferlegt hat. Auch in den vier Jahren nach dem Klinikaufenthalt trifft sich Hannawald von Zeit zu Zeit mit seiner Therapeutin. „Im Nachhinein betrachtet habe ich mich zu sehr von dem Leistungssport vereinnahmen lassen“, sagt Hannawald. „Ich habe 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche nur an Skispringen gedacht. Ich bin ein Perfektionist, habe die Latte immer so hoch wie möglich gelegt, schon als Kind. Siege haben mir nicht gereicht, es musste mit Schanzenrekord sein. In jungen Jahren steckt man das noch weg. Aber irgendwann meldet sich der Körper, und du platzt. Ich hätte mir viel früher Auszeiten nehmen sollen.“ Nach der Therapie denkt Hannawald an ein Comeback als Skispringer. „Den Skiflug-Weltrekord hatte ich für mich noch auf dem Zettel“, sagt er. „Im November 2004 bin ich in Hinterzarten noch einmal heimlich gesprungen. Ich musste aber schnell einsehen, dass es nicht mehr geht. Beim Gang in die Trainingshalle hatte ich wieder dieses unruhige Gefühl. Da wusste ich, wenn ich jetzt durch diese Tür gehe, bringe ich mich wieder in die Bredouille. Dieses schlimme Gefühl wollte ich aber nie mehr erleben.“ Hannawald: „Ich hätte ein massives Problem, wennn ...“ Im August 2005 beendet Hannawald offiziell seine Karriere. „Das war okay“, sagt er. „Ich hätte ein massives Problem, wenn ich diesen Tourneesieg nicht hätte. Aber so ist meine Rechnung: Wer viel gibt und viel gewinnt, muss auch einen Preis dafür bezahlen. Es gibt bei allem eine zweite Seite. Das ist auch, was ich den Leuten heute mitgebe.“ Regelmäßig hält Hannawald Vorträge zur Burn-out-Prävention. Oft trifft er sich mit den Seminarteilnehmern an den Sprungschanzen, um dort von seinen Erfahrungen zu berichten, den positiven wie negativen. „Ich teile mir meine Zeit gut ein, auch das ist eine Lehre aus der Vergangenheit“, sagt Hannawald. „Im Sommer halte ich Vorträge, im Winter bin ich als Skisprung-Experte für die ARD unterwegs. Und die Zeit mit meiner Familie ist mir sowieso heilig.“ Mit Frau Melissa hat Hannawald die zwei Kinder Liv (7) und Glen (9). Die Familie lebt in der Nähe von München. Aufs Gewicht achtet Hannawald immer noch – allerdings in umgekehrter Richtung. „Ich wiege 75 Kilo und hätte gern 80. Aber ich kann essen oder Krafttraining machen, so viel ich will – ich schaffe es einfach nicht.“