Welt 14.02.2026
07:48 Uhr

Wer das Wiener Schnitzel in Hamburg wirklich kann


Für WELT ist der Koch, Autor und YouTuber Hannes Arendholz durch 20 Hamburger Restaurants gezogen und hat mit dem Wiener Schnitzel eines der Lieblingsessen der Deutschen getestet – für ihn ein Gericht, das nichts verzeiht.

Wer das Wiener Schnitzel in Hamburg wirklich kann

Von außen wirkt es wie ein Relikt aus einer anderen Zeit: das Wiener Schnitzel. Kalbfleisch, Panade, Butterschmalz, Zitrone, Preiselbeeren. Kein Schaum, kein Ferment, kein „Twist“. Und doch stellt sich gerade heute wieder die Frage: Lohnt es sich noch, für ein Wiener Schnitzel auszugehen – geschmacklich und angesichts der Preise auch finanziell? Zwischen Ende November und Mitte Januar habe ich, Hannes Arendholz, Hamburgs Gastronomie an genau diesem Klassiker gemessen. Zwanzig Restaurants standen auf dem Prüfstand, zwanzig Interpretationen desselben Gerichts: vom urigen Kneipen-Schnitzel bis zum eleganten Fine-Dining-Haus, von Rock-’n’-Roll-Beschallung bis zu Klaviermusik. Die Bandbreite könnte größer kaum sein. Natürlich erhebt diese Auswahl keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Eine aktuelle, verlässliche Übersicht, wer in Hamburg überhaupt Wiener Schnitzel anbietet, existiert nicht. Die Auswahl erfolgte nach eigenem Ermessen. Getestet wurde inkognito, ohne Vorankündigung. Insgesamt kostete mich der Selbstversuch 640,50 Euro – ausschließlich für Schnitzel. Verstecken muss sich in Hamburg niemand. Unterschiede gibt es dennoch. Und die sind deutlich. Bewertet habe ich in drei Kategorien: Gold, Silber und Bronze. Wer sich ungetestet fühlt, darf sich gern bei meinem Unternehmen Foodboom melden. Das Wiener Schnitzel lebt von handwerklicher Präzision: dünn geklopftes Kalbfleisch, eine luftige Semmelbrösel-Panade, goldgelb ausgebacken in Butterschmalz. Dazu Zitrone, Preiselbeeren und klassische Beilagen wie Kartoffel- oder Gurkensalat – idealerweise beides. Am liebsten lauwarmer Kartoffelsalat, ergänzt durch einen rahmigen Gurkensalat. Jede Abweichung fällt sofort auf: zu dunkel, zu trocken, zu dick, zu fad. Größe ersetzt keine Qualität. Dass einige Restaurants inzwischen zwischen kleinen und großen Portionen wählen lassen, ist sinnvoll – sagt aber nichts über handwerkliches Können. Vorweg zwei Extreme: Das dickste Schnitzel der Stadt gab es im Hygge, das dünnste bei Tim Mälzer im Deli der Bullerei während des Events „Schnitzelei“. Die Gold-Adressen in Hamburg Hier stimmt alles: Fleisch, Panade, Beilage, Service – und oft auch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Gassenhaur – 32 Euro Saftiges Kalbfleisch, luftige Panierung, exzellente Beilagen, hier auf dem Kiez ist alles stimmig. Überzeugend: die Preiselbeeren. Vienna – 29 Euro Perfekte Panierung, saftiges Fleisch, klassische Beilagen, fein abgeschmeckt. Dazu gibt es nahe der Schanze Wiener Garnitur und viel Charme. Preis-Leistungs-Sieger unter 30 Euro. Rexrodt – 34 Euro Fluffige Panierung, perfekt gebraten, sehr gute Beilagen. Die Wiener Garnitur passt wie das sehenswerte Ambiente hier auf der Uhlenhorst. Grill – 39 Euro Premium-Schnitzel an der Binnenalster in stilvollem Rahmen. Top-Panade, hervorragender Gurkensalat und exzellente Bratkartoffeln. Roncalli – 26,90 Euro Unfassbar saftig, perfekt luftig paniert, sehr gute Beilagen. Lauwarmer Kartoffelsalat in hektischer Mö-Umgebung – und dennoch stimmig. Herausragende Preis-Leistung. Einziger Makel: grober Pfeffer auf dem Schnitzel. Wohlers – 29,50 Euro Luftig, saftig, handwerklich sauber. Als Beilage ausschließlich Kartoffelsalat mit Rettich – eher wie Kartoffelspalten interpretiert, eigenwillig, aber überzeugend. Verdientes Gold geht hier nach Altona. Silber geht an diese Wiener Schnitzel In diesem Rang gibt es immer noch eine hohe Qualität, aber mit kleinen Abzügen bei Beilage, Konsistenz oder Gesamteindruck. Henriks – 38 Euro Saftig und lecker geht es in der Hafencity zu, jedoch weniger luftig. Bratkartoffeln optisch stark, hätten aber etwas mehr Zeit in der Pfanne vertragen. Gurkensalat zu zurückhaltend gewürzt. Witwenball (Schnitzel nur sonntags) – 32 Euro Gut gebratenes Schnitzel und saftiges Fleisch in der Schanze. Doch der Gurkensalat ist überwürzt, Kartoffelsalat ohne Profil. Kleines Jacob – 32 Euro Handwerklich perfektes Schnitzel. Der Kartoffel-Gurkensalat fällt deutlich ab – alte Kartoffeln, Kühlhausaroma an der Elbe. Restaurant Brodersen – 37 Euro Das farblich hellste Schnitzel der Stadt. Saftiges Fleisch mit intensiv buttrigem Geschmack. Gurkensalat durch Senf sehr scharf, die Zitrone bereits angetrocknet. Geschmacklich dennoch das interessanteste Schnitzel im Test. Bullerei / Schnitzelei – 28 Euro Solides Schnitzel mit Wiener Garnitur, sehr dünn plattiert. Ordentliche Panade, als Beilage Kartoffelpüree und Gurkensalat mit Luft nach oben. Das Dorf – 33,90 Euro Guter Standard. Beilagensalat mit leichtem Beigeschmack nach nicht ganz frischer Gurke, Bratkartoffeln uneinheitlich. Der Anspruch der Website „Das beste Schnitzel der Stadt“ wird nicht eingelöst. Goldbach – 28,50 Euro Sehr dickes Schnitzel mit Rathausblick, dennoch saftig. Bratkartoffeln eher lappig, Gurkensalat okay, Präsentation lieblos. Positiv: Schnitzel auch mittags. Hygge – 39 Euro Sehr dickes, solide zubereitetes Schnitzel, saftig und schmackhaft. Bratkartoffeln etwas fettig, Gurkensalat gut. Getrübt wurde der Besuch in Klein Flottbek durch die kalte Raumtemperatur – schneller Abgang statt Hygge-Gefühl. Solide, aber eben nur Bronze Der Bronzerang – ordentliche Ansätze, aber zu viele Abweichungen vom klassischen Wiener Schnitzel. Reichlich – 32 Euro Kalbfleisch etwas trocken. Feld- und Kartoffelsalat als Beilage, letzterer stark versalzen. Ein ehemaliger Küchenchef hätte gesagt: Es fehlt hier an der Hoheluftbrücke Bauch und Körper im Geschmack. Oechsle – 32 Euro Leckeres Schnitzel im Grindel ohne Luftigkeit, Panko statt Semmelbrösel. Eigenwillige, schmackhafte Interpretation. Serviert mit Wiener Garnitur und lauwarmem Kartoffel-Gurkensalat. Frau Möller – 21,80 Euro Rustikales Kalbsschnitzel ohne fluffige Panade. Gurkensalat reduziert auf Gurke und Dill. Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Speck bodenständig gut. Steakpfeffer auf dem Schnitzel bleibt auch hier an der Langen Reihe fragwürdig. Elma – 32 Euro Gleichmäßig gebräunt, wenig luftig. Geschmacklich eher Mittagstisch als Schnitzel-Erlebnis. Kartoffel-Gurkensalat und Feldsalatblätter runden ab – Erwartungen nach viel Lob wurden in Altona nicht erfüllt. Köpke – 32 Euro In UKE-Nähe gibt es die wohl bunteste Interpretation, inklusive Blumen auf dem Schnitzel. Etwas zu dunkel gebraten, geschmacklich, aber ordentlich. Ei im Kartoffelsalat ist Geschmackssache. Jolie St. Pauli – 31,90 Euro Panade zu dick und zu dunkel, leicht verbrannter Geschmack. Fleisch saftig, Kartoffelsalat wirkt industriell, mit frischer Gurke aufgehübscht.  Mein Fazit nach 20 Schnitzel-Essen Hamburg zeigt eindrucksvoll, dass das Wiener Schnitzel alles andere als aus der Mode geraten ist. Wer exzellentes Fleisch, eine luftige Panade und stimmige Beilagen sucht, wird bei Gassenhaur, Vienna, Rexrodt, Grill, Roncalli und Wohlers fündig – klassisch, handwerklich sauber und aromatisch überzeugend. Preis-Leistungs-Sieger bleiben Vienna und Roncalli. Beide beweisen: Ein großartiges Wiener Schnitzel muss nicht teuer sein. Lohnt es sich also noch, auszugehen? Absolut! Wer ein Wiener Schnitzel wirklich genießen will, findet in Hamburg Tradition, Können und Geschmack – ohne Chichi, aber mit Haltung.