Welt 17.01.2026
07:48 Uhr

Wenn schwarze Ideenflaute auf rote Selbstgewissheit trifft


Seit Jahrzehnten dominiert die SPD den Stadtstaat Hamburg unangefochten. Doch wirtschaftlicher Unmut, stockende Großprojekte und bröckelndes Vertrauen in den Senat öffnen neue Räume für die Opposition. Experten erklären, wie die CDU aus der Statistenrolle herauskommt.

Wenn schwarze Ideenflaute auf rote Selbstgewissheit trifft

Wer die Chancenarmut der CDU in der SPD-Hochburg Hamburg ergründen möchte, könnte zunächst einen Blick auf die Nähe zwischen Senat und Wirtschaft werfen. Geht doch in dem Stadtstaat die Mär, das Rathaus und die Handelskammer seien nicht zufällig durch einen Innenhof miteinander verbunden. So müssten die jeweiligen Akteure beim gegenseitigen auf die Finger schauen keine langen Wege zurücklegen. Spötter vermuten sogar einen gut frequentierten unterirdischen Verbindungsgang, für den Fall, dass es regnet. Was humorig klingt, ist aus Sicht der oppositionellen CDU bittere Realität – und nur ein Erklärungsansatz dafür, warum Hamburg seit 1945 bis auf wenige Ausnahmen traditionell rot wählt, mittlerweile stabil rot-grün. Nur was bedeutet das für den politischen Wettbewerb in einem Stadtstaat, der vor Herausforderungen steht? Im Gespräch mit WELT AM SONNTAG skizzieren Beobachter Strategien, mit denen die Christdemokraten sichtbarer für die Wähler werden – kein aussichtsloses Unterfangen, zumal sich das Verhältnis zwischen Senat und Industrie abzukühlen scheint.   An Profilierungsthemen für die CDU mangelt es in Hamburg nicht: Die Wirtschaft schwächelt, der Wohnungsbau (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6967c303587b0b1176afbe82/baugenehmigungen-2025-senat-feiert-24-zusaetzliche-wohnungen-in-der-jahresbilanz.html) stagniert, Prestigeprojekte in Infrastruktur und Innovation wie die A26-Ost, der Elbtower oder das Haus der Erde stocken. Zudem wird die Gemengelage aus Drogenelend, Kriminalität, Armut und Flüchtlingsmisere rund um den Hauptbahnhof spürbarer für Einwohner und Touristen. Überdies zwingt ein Volksentscheid den Stadtstaat, bereits 2040 statt wie bisher geplant 2045 klimaneutral zu werden. Kritiker wie die CDU befürchten dadurch den Verlust an Wohlstand und suchen nach Wegen, den Klimaentscheid zu umgehen. Noch befinden sich die öffentlichen Mahner, die den verblassenden Glanz der Hansestadt prognostizieren, in der Minderheit. So nimmt etwa der Politikberater Martin Fuchs oft einen fast euphorischen Blick auf Hamburg wahr, wenn er fernab unterwegs ist. Der Elbmetropole gehe es überwiegend gut. „Natürlich gibt es Probleme wie in jeder Großstadt, aber im Vergleich schneidet Hamburg überdurchschnittlich ab: hohe Einkommen, viel Grün, breites Sportangebot“, ordnet Fuchs ein. Die Menschen fühlten sich wohl – und das sei auch ein Verdienst der langjährigen SPD-Senate. „Solange die Zufriedenheit groß ist, fällt es der Opposition schwer, ein attraktiveres Angebot zu machen“, sagt Fuchs. Allerdings, so ergänzt Christian Martin, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Kiel, haben die Regierungsparteien SPD und Grüne bei der Bürgerschaftswahl 2025 Stimmen verloren. „Die CDU legte zu und ist jetzt etwas stärker als die Grünen.“ Gleichwohl funktioniere das Bündnis geräuschlos. „Streit innerhalb der Koalition wird kaum nach außen getragen, was die Bevölkerung schätzt“, sagt Martin. Selbst Konflikte beim Umsetzen der zügigeren Klimaneutralität (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article695d1e28e0f90a884bc5dbe3/klimabericht-43-prozent-weniger-co-doch-hamburgs-verkehr-bleibt-das-grosse-klimaproblem.html) blieben in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Konkret auf das Leben der Menschen bezogen, bedeutet das: Ärgernisse wie Staus, ineffiziente Ausgaben oder versickernde Gelder werden durchaus von den Bürgern wahrgenommen, doch die Unzufriedenheit darüber reicht bisher nicht aus, um die Wahlentscheidung zu verändern. Martin beschreibt: „Das Stadtbild am Hauptbahnhof wirkt im Vergleich zu Frankfurt oder Düsseldorf deutlich besser.“ Er nennt ein weiteres Beispiel: „Wer einen Reisepass beantragt, bekommt in Hamburg schnell einen Termin. Das läuft effizient, und die Menschen erleben den Staat dort, wo sie direkt betroffen sind, als verlässlich.“ „Die SPD hat die Lage im Griff“  Was die Wirtschaft betrifft, durchleben auch Hamburgs Unternehmen einen Strukturwandel. Dieser geht laut Martin aber weniger von der Hansestadt aus, vielmehr vom Bund und der Europäischen Union. Ferner gebe es Lichtblicke, nachdem der Hafen zuletzt mehrere Quartale in Folge gewachsen sei. „Während die Bundespolitik oft düster wirkt, kann Hamburg Erfolge vorweisen.“ All das trage dazu bei, dass die Menschen im Alltag zufrieden seien, das spiegele sich in den Wahlen wider, so der Professor für Vergleichende Politikwissenschaft. „Die SPD hat die Lage im Griff.“  Eine Bewertung, die derzeit wohl nicht alle Hamburger teilen. Doch ein Abstecher in die Historie untermauert die Einschätzungen: Frühere Bürgermeister wie Hans-Ulrich Klose, Klaus von Dohnanyi (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article178013578/Zum-90-Geburtstag-Klaus-von-Dohnanyi-der-unbequeme-Freigeist.html) und Henning Voscherau erreichten Wahlsiege um die 50 Prozent. Selbst der später in Berlin agierende Bundeskanzler Olaf Scholz regierte als Stadtoberhaupt in Hamburg mit heute beinahe unvorstellbaren Ergebnissen, indem er 2011 über 48 Prozent der Wähler überzeugte und 2015 über 45. Sein Nachfolger Peter Tschentscher holte 39,2 Prozent (2020) und zuletzt 33,5 (2025). Einzig den Christdemokraten Kurt Sieveking, Ole von Beust und Christoph Ahlhaus gelang es in den vergangenen acht Jahrzehnten, die SPD-Phalanx zu durchbrechen. Jene Stippvisiten haben keinen bleibenden Eindruck in der Bevölkerung hinterlassen. Stattdessen hat die rote Dauermacht dazu geführt, dass die Genossen in sämtlichen Strukturen der 104 Stadtteile verankert sind, oft vom Pförtner bis zum Amtsleiter. So erfährt die Partei zum einen in einer Art Frühwarnsystem, was die Bürger bedrückt – in der Nachbarschaft, auf dem Wochenmarkt oder im Bezirksamt – und reagiert darauf. Zum anderen versetzt dies die SPD in die Lage, ihre Inhalte von oben nach unten zu multiplizieren. Nicht zuletzt bemühen sich die hanseatischen Sozialdemokraten um einen mittigen Kurs. Währenddessen ringen die Christdemokraten um Bedeutung. Wer in Hamburg gegen den rot-grünen Strom schwimmt, stößt nicht nur auf die Stärke der Regierungsparteien, sondern auf ein Netzwerk (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article696379e730937d11a92a6262/ahoi-neujahrsempfang-hamburger-sind-anders-als-viele-denken.html?icid=search.product.onsitesearch) , das sich mit den politischen Gegebenheiten arrangiert hat. Dabei hat die CDU ihre innerparteiliche Sinnkrise, die nach dem Rückzug von Ole von Beust ausbrach, längst überwunden. „Das ist das Verdienst von Landes- und Fraktionschef Dennis Thering (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article691c49b0e2c7d59420f7a73a/zukunftsgesetz-cdu-will-hamburger-volksentscheid-zur-klimaneutralitaet-kippen.html) , der mit Christoph Ploß nach außen eine Einheit präsentiert. Das stärkt die Partei“, sagt Politikberater Fuchs. Außerdem verfügten die Christdemokraten in den Vororten und am Stadtrand über eine feste Basis. „Dort mobilisiert die Partei erfolgreich mit Themen wie Verkehr, denn viele Menschen sind genervt von den Staus“, so Fuchs, der aktuell weder den Senat noch die Opposition berät. Dennoch müsste ein herausstechender Oppositionsführer laut Fuchs weitere Akzente setzen, um als ernsthafte Alternative zum amtierenden Bürgermeister wahrgenommen zu werden. Zusätzlich wirke die CDU personell nicht durchweg kompetent. „Es fehlen sichtbare Experten, die über Jahre Konzepte entwickelt und sich einen Namen gemacht haben.“ Ausnahmen wie der Innenpolitiker Dennis Gladiator zeigten, dass langfristige Spezialisierung Vertrauen schaffe. Hinzu kommt, so der Politikberater, dass die Elb-CDU gute Leute verloren habe – etwa Karin Prien, heute Bundesministerin, oder Carsten Ovens, der in Berlin eine wichtige Rolle in den deutsch-israelischen Beziehungen spielt. „Solche Abgänge schwächen die Partei.“ Den trotzdem bei der Bürgerschaftswahl 2025 erzielten Stimmenzuwachs der CDU auf 19,8 Prozent (2020: 11,2) begründet der Kieler Professor Martin wie folgt: „Thering bedient keine populistischen Narrative wie das Gendern, die den meisten Menschen egal sind.“ Die Partei leiste stattdessen politische Sacharbeit. Martin: „Das ist positiv, schlägt sich aber bislang nicht in einem echten Machtzuwachs nieder.“ Das liege aber nicht an der Person Thering, denn Tschentscher zeichne sich auch nicht als Charismatiker aus. Hamburg bevorzuge einen ruhigen Politikstil, schillernde Persönlichkeiten kämen selten gut an. „Thering und seine CDU werden als regierungsfähig, aber nicht als regierungsnotwendig wahrgenommen“, betont Martin – und schließt dennoch nicht aus, dass Thering bis zum nächsten Urnengang 2030 zu einer zentralen Figur reift: „Wenn er klarmacht, warum Hamburg unter einer CDU-Regierung besser aussehen würde, dann ja.“ Der Oppositionsführer müsse politisch und nicht technokratisch verdeutlichen, wer von seiner Politik profitieren würde – „nur so gewinnt man Wähler“. Mut dafür dürften die Christdemokraten aus dem aufkeimenden Unmut der Wirtschaft (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6954c1773d0ed347555a720e/hamburger-wirtschaft-herbst-der-reformen-leider-sieht-die-realitaet-etwas-anders-aus-sagt-hamburgs-kammerpraeses.html) schöpfen. Dort mehren sich die Stimmen, wonach die einst breite Unterstützung für die Programmatik des Senats bröckelt. Immer öfter vermissen Unternehmen speziell von Tschentscher „Präsenz“, verbunden mit „Ideen, Innovationen und Investitionen in den Standort“, um Hamburg „Kraft für die Zukunft“ zu verleihen. „Ich verstehe die Aufgabe eines Bürgermeisters so, dass er Orientierung gibt – und nicht, eine Akte nach der anderen durchwühlt“, kritisiert ein Unternehmer, der seinen Namen hier nicht lesen möchte. Ferner störe ihn die unerschütterliche Selbstgewissheit aufseiten der politisch Verantwortlichen.   Diese Gruppe in den Blick zu nehmen, wäre eine Chance Unterdessen empfiehlt Wissenschaftler Martin der CDU, sich weiter auf Inhalte zu fokussieren. „Für große Inszenierungen ist später im Wahlkampf noch Zeit.“ Und statt sich gegen den Klimaentscheid zu positionieren, wäre es besser, wenn Thering „ein konkretes Angebot macht, wie man den Klimaentscheid sozial verträglich umsetzt – um neue Wähler zu gewinnen“. Nach Einschätzung des Politikberaters Fuchs muss die CDU in dem ihnen zugeschriebenen Kompetenzfeld Wirtschaft Charakterköpfe aufbauen, nachhaltige Konzepte für die Probleme erarbeiten und als Alternative zur Senatspolitik in die Debatten einbringen. Weiterhin sollten die Christdemokraten ihr Profil als Interessenvertretung für Handwerker und kleine Unternehmer schärfen. In Hamburg gibt es rund 115.000 Selbstständige. „Keine riesige Gruppe, aber eine wichtige. Diese Menschen tragen die Stadt mit ihren Geschäften und Dienstleistungen“, sagt Fuchs und glaubt: „Sie stärker in den Blick zu nehmen, ihre Leistungen zu würdigen und ihre Anliegen zu vertreten, wäre eine große Chance.“ Dazu gehörten Zugezogene mit Migrationsgeschichte. Obgleich Fuchs mittelfristig kein Momentum für die CDU sieht, den Bürgermeister zu stellen, „sollte man nie ‚nie‘ sagen“ – politische Entwicklungen seien schließlich schwer vorhersehbar.