Noch steht es da, ein 275 Meter hohes Ausrufezeichen, eine gigantische Markierungsnadel, die in den sanften Hügeln steckt und weithin anzeigt: Hier ist Ibbenbüren! Seit 40 Jahren prägt dieser Schornstein aus Stahlbeton das Tecklenburger Land im Norden von NRW. Doch an diesem Sonntag soll sich das schlagartig ändern. Wenn alles nach Plan verläuft, wird von elf Uhr an das Landschaftspanorama ein anderes sein. Dann sollen mit einer Sprengung der Schornstein und zwei weitere Gebäude des Steinkohlekraftwerks Ibbenbüren dem Erdboden gleichgemacht werden. 2021 stellte der Betreiber RWE den Betrieb ein, man begann mit dem Abbau der Anlagen. Seit 2023 ist die auf Abbruch spezialisierte Firma Hagedorn Eigentümer – ihr Auftrag ist es, das Gelände herzurichten für den nächsten Nutzer: den Stromnetzbetreiber Amprion, der noch in diesem Jahr mit dem Aufbau einer sogenannten Konverterstation beginnen will. Strom aus den Windkraftanlagen der Nordsee soll dort künftig ins Netz eingespeist werden. Der Kraftwerksstandort, einst Sinnbild für umweltbelastende Stromerzeugung durch die Verbrennung von Steinkohle, wird zum Knotenpunkt im Netz der erneuerbaren Energien. Die Sprengung selbst ist eine Aktion von Sekunden. „Doch die Vorbereitungen dafür laufen seit Wochen und Monaten“, erklärt Bülent Akgöl, einer der bei Hagedorn dafür Verantwortlichen. Ibbenbüren ist bereits das fünfte Kraftwerks-Abbruchprojekt der Firma, in Nordrhein-Westfalen organisierte Hagedorn 2019 die Sprengung des Knepper-Kraftwerks in Castrop-Rauxel, das Steag-Kraftwerk in Lünen war 2021 an der Reihe. Ähnlich wie dort liefen die Vorarbeiten nun auch in Ibbenbüren: Zunächst mussten alle mit Schadstoffen wie Asbest belasteten Bauteile demontiert werden. Ein zehn Meter hoher Wall wurde aufgeschüttet, eine Wand aus Containern aufgebaut, Gerüste wurden errichtet, an denen man Vliesmatten und Netze aufhängte – allesamt Maßnahmen, die eine nahe gelegene Tankstelle sowie den angrenzenden Ortsteil Schafberg vor Druckluft, Staub und sogenanntem Streuflug schützen sollen. Besonderer Clou dieser Sprengung: Gleichzeitig mit den Bauten werden 170 eigens dafür aufgestellte Pools mit je vier Kubikmetern Wasser förmlich in die Luft gejagt – die aufschießende Wasserwand soll dort den Staub aufnehmen, bevor er sich verteilen kann. Trotz dieses enormen Aufwandes sei für diese Anlagen eine Sprengung „die sicherste, effizienteste und schnellste Abbruch-Methode“, erklärt Akgöl. Während der Aufbau der Sicherheitsvorkehrungen lief, durchlöcherten Sprengmeister den Schornstein, die 60 Meter hohe Rauchgasentschwefelungsanlage sowie die 50 Meter hohe Entstickungsanlage wie Schweizer Käse. Allein in den Schornstein setzten sie 1204 Bohrlöcher, in die sie anschließend 125 Kilogramm Spezialsprengstoff stopften. Für solche explosiven Tätigkeiten brauche es spezielle Expertise, sagt Akgöl, für die Hagedorn „Deutschlands beste Experten“ engagiert habe. Der Chef dieser Experten heißt Eduard Reisch. Der 64-Jährige, der mit 21 Mitarbeitern vor Ort ist, gilt als einer der erfahrensten Sprengtechniker. Fast immer, wenn irgendwo in Deutschland eine spektakuläre Gebäudesprengung durchgeführt wird, steckt Reisch dahinter. In NRW hat er zuletzt im Oktober des vorigen Jahres den 280 Meter hohen Schornstein des stillgelegten Kraftwerks Werne tiefer gelegt. Der Bayer, genannt Krater-Edi, der schon in seiner Kindheit mit Schwarzpulver experimentierte, ist auch für seine markanten Sprüche bekannt. Wenn er mit dem Auto an hohen Gebäuden vorbeifahre, überlege er sich eigentlich immer, „was man da machen müsste“, verriet er in einem früheren Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Denn im Prinzip könne man alles sprengen, „physikalisch geht es ja nur um eine Schwerpunktverlagerung“. Für die Schwerpunktverlagerung in Ibbenbüren hat sich Reisch folgende Vorgehensweise überlegt: An den quaderförmigen Gebäudeblöcken von Rauchgasentschwefelungsanlage und Entstickungsanlage ließ er seine Mitarbeiter den Sprengstoff lediglich an den Fundamenten anbringen – nach der Explosion sollen die Bauwerke in sogenannter Kippfallrichtung zur Seite knicken und einstürzen. Anders beim Schornstein. Dort sind Sprengladungen an drei Stellen angebracht: am Fundament sowie in 110 und 190 Meter Höhe. Auf diese Weise soll der 275-Meter-Betonstengel nach der Explosion quasi in sich gefaltet zu Boden gehen. Am Ende blieben 35.000 Tonnen an Bauschutt übrig, der dafür verwendet werde, die Fläche für die Nutzung durch den Stromnetzbetreiber Amprion vorzubereiten, erklärt Hagedorn-Mitarbeiter Akgöl. Das Kraftwerk Ibbenbüren ist dann nur noch Geschichte – für manche Ibbenbürener aber auch eine wehmütige Erinnerung. Die Sprengung sei in der 50.000-Einwohner-Stadt „ein emotionales Thema“, sagt Akgöl. Schon als vor einem Jahr das Kesselhaus und der Kühlturm niedergelegt wurden, seien bei einigen Beobachtern Tränen geflossen. Und der Schornstein des Kraftwerks hat sich besonders tief in die Ibbenbürener Identität eingeprägt. „Er diente hier lange als Orientierungspunkt“, sagt Akgöl. Wenn der Schornstein weg ist, braucht man auch in Ibbenbüren ein Navi.