Schon als Kind wohnte Roman Suthold in Kölns Luxemburger Straße. Und noch heute befindet sich dort sein Arbeitsplatz: das Büro des ADAC Nordrhein. Suthold hat miterlebt, wie sich die Hauptverkehrsstraße im Lauf der Jahre verwandelte: von Tempo 70 auf 50, von 50 auf 30. Er sah Straßenschilder kommen und gehen. Und nun verfolgt er die Debatte um eine weitere Verwandlung: Die Zahl der Autospuren soll halbiert werden. Zwei der vier Streifen sollen in riesige Fahrradstreifen umgebaut werden. So erwägen es Grüne, Linke und ein Teil der SPD. Im Namen des Lärm- und Emissionsschutzes. Während Suthold von diesen Plänen erzählt, seufzt der ADAC-Verkehrsexperte plötzlich laut und schwer – über diesen, seiner Meinung nach, „absurden Plan, der ganz sicher keinen Frieden stiften wird“. Theoretisch rücksichtsvoll, praktisch rücksichtslos? Vergleichbar geht es in zahlreichen Städten der Republik zu. Denn bundesweit ist die Reduzierung des Autoverkehrs laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (verlinkt auf https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/startseite/topmeldungen/weniger-autoverkehr-mehr-stadt.html) ein fast allgegenwärtiges Politikziel in den Städten. Für sie dürfte der aus dem Ruder gelaufene Krach von Köln (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/koeln/) lehrreich sein. Das zeigt bereits der Umstand, dass sich die meisten Stadtratsfraktionen in Köln theoretisch in einer Erkenntnis einig sind: Was der Stadtverkehr im Allgemeinen und die Luxemburger Straße im Besonderen bräuchten, wäre ein ausbalanciertes Konzept, um die Interessen aller Verkehrsteilnehmer auszugleichen. Theoretisch haben sich die Parteien wie in so vielen deutschen Städten also auf allseitige Rücksichtnahme bei der Verkehrswende verständigt. Praktisch aber polarisiert die grüne Anti-Auto-Politik. Sie hat einen erbitterten Streit entfacht zwischen Autofahrern, Anwohnern, Radlern und ÖPNV-Nutzern. Wegen des grünen Halbierungsplans gibt es Bürgerinitiativen pro und kontra, wechselseitige Schimpfkanonaden im Stadtrat, Klagen und Gegenklagen bei Gericht und böse Debatten in Online-Foren und Lokalmedien über die „Verkehrswende mit der Brechstange“. „Beängstigend und ideologiegetrieben“? Grüne, Linke und die Kleinpartei Volt wollen nun untersuchen lassen, wie man die Autospuren auf der Luxemburger Straße halbieren kann (verlinkt auf https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/28578/index.html) . Ende September entscheidet der Mobilitätsausschuss des Stadtrats, ob die Untersuchung in Auftrag gegeben wird. Kosten: 270.000 Euro. Die treibende Kraft dahinter ist der von den Grünen nominierte Verkehrsdezernent Ascan Egerer. Den hat die Opposition zum Gottseibeiuns der Autofahrer erklärt. CDU-Mann Karl Alexander Mandl kürte den Mobilitätsdezernenten zum „Immobilitätsdezernenten“. Er plane „einzelne Verkehrsteilnehmer kategorisch auszuschließen“, (verlinkt auf https://www.cdu-koeln.de/husarenritt-der-immobilitaet/) womit er eine „beängstigende, von Ideologie getriebene Politik“ verfolge. Und FDP-Chef Ralf Sterck schimpfte, die Untersuchung sei „völliger Wahnsinn“, außerdem sei „deren Ergebnis bestellt“ (verlinkt auf https://fdp-koeln.de/aktuell/fdp-ksg-warnt-vor-einspuriger-luxemburger-strasse-und-moniert-steuergeldverschwendung/30-07-2026) . Eine Klage hört man aber nicht nur bei CDU, AfD, FDP, ADAC und Unternehmerverbänden, sondern, hinter vorgehaltener Hand, auch bei einzelnen Sozialdemokraten um SPD-Oberbürgermeister Torsten Burmester: An dem grünen Halbierungsplan sei allzu vieles ungereimt, ja widersprüchlich. So wollen Grüne und Linke die Autospuren offiziell zusammenstreichen, um den Lärmschutz der Anwohner zu verbessern. Doch eine Hauptlärmquelle gehen Egerer und Co. bislang überhaupt nicht an: die auf der Luxemburger Straße fahrende Stadtbahn. Die verursacht unter anderem massives Kurvenquietschen. Zudem braust die Bahn nach wie vor mit Tempo 50 durch die Tempo-30-Straße (was zu Unfällen mit Fußgängern führte). Doch weder soll sie auf Tempo 30 verpflichtet werden, noch sind lärmdämpfende Rasengleise geplant, wie das Anwohner fordern. Für die Opposition ist klar: Wem es wirklich um Lärmschutz ginge, der müsste auch bei der Bahn ansetzen. Und um Anwohner vor Lärm zu schützen, so argumentieren CDU, FDP und AfD, könnte die Stadt auch andere Instrumente aus dem Werkzeugkasten auspacken: Warum wolle der Verkehrsdezernent keinen Flüsterasphalt verlegen? Warum lege er nicht, wie etwa in Düsseldorf (verlinkt auf https://www.duesseldorf.de/umweltamt/projekte/schallschutzfenster) , ein Förderprogramm für Lärmschutzfenster auf, anstatt eine Hauptverkehrsachse der Stadt zu sabotieren? Mit weniger Autospuren zu mehr Stau, Lärm, Abgasen? Zudem droht die Halbierung der Autospuren nicht weniger, sondern mehr Stau zu produzieren. Davor warnt etwa Roman Suthold. Unstrittig ist unter Verkehrsexperten, dass eine Spuren-Halbierung auf Straßen mit mehr als 20.000 Kraftfahrzeugen pro Tag Stau verstärkt. Nun gibt es zwar erstaunlicherweise keine aktuellen Messergebnisse zum täglichen Verkehrsaufkommen, wohl aber Zahlen aus der Zeit vor 2020. Demnach fuhren stets weit über 20.000 Kraftfahrzeuge pro Tag über die Luxemburger Straße. Suthold ist überzeugt, dass diese Zahlen seitdem nicht gesunken sind. „Deshalb würde die Streichung zweier Autospuren zu mehr Staus, zu mehr Stop-and-go und damit zu mehr Lärm und Abgasemissionen führen“. Es spricht also vieles dafür, dass die grüne Offensive ihre eigenen Ziele verfehlen würde. Und noch eine weitere Gefahr nehmen die grünen Verkehrsplaner laut ADAC billigend in Kauf: Dass Autofahrer angesichts solcher Staus auf die Straßen in den Wohngebieten ringsum ausweichen würden. Dann hätten noch weit mehr Menschen Lärm, Abgase und Autos direkt vor ihrer Haustür. Aus all diesen Gründen macht sich inzwischen nicht nur in der Opposition, sondern auch unter ersten Sozialdemokraten ein Vorwurf breit: Dass die Grünen „nicht ehrlich spielen“ und „tricksen“. Sie beriefen sich öffentlich auf Lärmschutz und Radfahrerfreundlichkeit, tatsächlich gehe es aber nur darum, Autofahrer zu vergraulen. So klagt ein SPD-Ratsmitglied, das derzeit ungenannt bleiben möchte, im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Diese Unehrlichkeit zeige sich auch daran, dass es bereits seit 2020 beschlossene Sache sei, eine Parallelstraße zur Luxemburger Straße in eine fahrradfreundliche Route umzuwandeln. Doch an dieses (zugegeben: auch nicht billige) Projekt wage sich der Mobilitätsdezernent nicht heran, obwohl es dafür seit 2020 einen Baubeschluss gebe. Und dass die Grünen versuchen würden, die Luxemburger Straße so massiv umzubauen, hätten sie ebenfalls vor der Wahl nicht klar mitgeteilt. Der Mut zur offenen Anti-Auto-Politik fehlt Diese grüne Zurückhaltung ist nicht selbstverständlich. Denn mit einem offenen Bekenntnis zu einer radikalen Verkehrswende zulasten der Autofahrer lassen sich anderswo sehr wohl Wahlen gewinnen. In Paris zum Beispiel feierte die langjährige sozialistische Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo mit genau dieser Ehrlichkeit große Wahlerfolge (verlinkt auf https://www.newstatesman.com/world/2020/06/how-anne-hidalgos-anti-car-policies-won-her-re-election-paris) . Allerdings konnte sie, damit Alternativen zum Auto attraktiver wurden, auch viele hundert Millionen Euro in ihr Umbauprojekt stecken – Summen, von denen die Kölner Grünen nur träumen können. Weshalb Roman Suthold eine einleuchtende Lehre aus dem Kölner Streit formuliert: „Entweder bringt man hohe Summen auf, um Alternativen zum Auto massiv zu stärken, oder man sollte die Verkehrswende langsamer angehen“.