Welt 16.07.2026
14:52 Uhr

Warum jeder alte Baum für Hamburg immer wertvoller und gleichzeitig teurer wird


Hamburg rüstet seine grüne Klimaanlage auf. Die Stadt meldet erstmals wieder mehr als 231.000 Straßenbäume. Ein Schatz, der in Zeiten knapper Kassen auch zu einer Kostenfrage wird, wie die jüngste Baumbilanz belegt.

Warum jeder alte Baum für Hamburg immer wertvoller und gleichzeitig teurer wird

Sie flankieren Straßen, gruppieren sich wie alte Bekannte auf Grünflächen, bilden Spaliere vor Gebäuden, überspannen mit ihren Kronen Straßen, Wege, Plätze und sorgen dafür, dass es selbst an heißen Tagen noch erträglich ist zwischen Häusern und Asphalt. Wie entscheidend die Wirkung von Stadtbäumen ist, wird meist erst bei Hitzewellen deutlich. Wie es um Hamburgs Gehölze steht und was es braucht, um ihren Bestand zu erhalten, zeigt die aktuelle Baumbilanz. Im dritten Jahr in Folge fällt sie positiv aus. Konkret bedeutet das, dass die Neupflanzungen von Bäumen auf öffentlichem Grund, 1863 sind es, gegenüber den Fällungen (1511) überwiegen. Blickt man auf einzelne Stadtbereiche, variiert das Bild. In den Bezirken Altona, Hamburg-Nord, Wandsbek und Hamburg-Mitte wurden 2025 mehr Hölzer gepflanzt als gefällt, in den Bezirken Eimsbüttel, Bergedorf und Harburg mussten mehr Exemplare weichen als ersetzt wurden. Präsentiert wurde die Bilanzierung am Donnerstag von Katharina Fegebank (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6a4f7a97a6db83ce8f12400c/kostensteigerungen-und-terminverzoegerung-vertrauensbruch-fegebank-kritisiert-geheimhaltung-zur-neuen-muellverwertung.html) (Grüne), Zweite Bürgermeisterin Hamburgs und Senatorin für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (Bukea). Der Bezirk mit der höchsten Quote ist Wandsbek (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6a2a9e27fbd55a72ddb577f2/hinter-jeder-akte-verbirgt-sich-ein-kind-warum-hamburg-gegen-saeumige-eltern-haerter-durchgreifen-will.html) mit 754 Neu-Bäumen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass der Bezirk, zu dem auch die Walddörfer gehören, ohnehin einen besonders hohen Bestand an Straßenbäumen hat. Ein anderer Grund, warum der Bezirk in der aktuellen Bilanzierung an der Spitze steht, ist der harte Winter. Durch ihn rutschten viele Pflanzungen ins nächste Jahr und somit in die jüngste Erhebung. Dem Bezirk kommt jedoch zugute, dass er größer als andere und somit personell besser aufgestellt ist. Oft scheitern die Bemühungen nicht am Willen, so wie etwa in Eimsbüttel, wo in 2025 lediglich ein Baum gepflanzt wurde, sondern an der Umsetzung. Welche Ansätze ineinandergreifen müssen, damit Hamburg seinen grünen Schatz bewahrt, weiß Torsten Melzer. Er ist Stadtbaum-Manager der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (Bukea) und Autor der Baumbilanz. Das Gespräch mit ihm findet per Video statt. Um deutlich zu machen, was ihm Sorge bereitet, schwenkt er seinen Laptop und die integrierte Kamera in Richtung Bürofenster. Im Innenhof des Wilhelmsburger Behördenbaus steht eine Ulmenallee, die von der sogenannten Welke befallen ist. „Die größte Herausforderung liegt für uns darin, die alten Bäume zu schützen und die jungen groß zu bekommen, bis sie sich selbst versorgen können“, sagt er. Das Anpflanzen an sich wird allerdings immer aufwändiger, und so investiert die Stadt immer mehr in die Vorbereitung des Standortes. Zu oft kam es vor, dass selbst robuste Arten in widrigen Untergründen nicht anwuchsen. Ferner setzt die Stadt im Rahmen von Pilotprojekten auf intelligente Sensorik-Systeme zur ressourcenschonenden Bewässerung. Der Stadtbaum der Zukunft wird digital. Sofern er denn in den ersten Jahren gute Startbedingungen hat. Was das angeht, sieht es seit Jahren eher schlecht aus. Die trockenen Frühjahre und Sommer mit längeren Dürre-Perioden und plötzlichen Starkregengüssen bilden speziell für junge Hölzer eine tödliche Kombination. Zwar werden sie regelmäßig gegossen und angesichts der zunehmenden Trockenheit auch länger als etwa vor zehn Jahren. Reichten bislang drei bis fünf Jahre Entwicklungspflege und somit zusätzliche Bewässerung aus, verlängern viele Städte diese Spanne mittlerweile auf bis zu zehn Jahre. Für Torsten Melzer ist daher eine Tatsache entscheidend: „Dass die Zahl an Straßenbäumen in der Stadt stabil bleibt.“ Schließlich sind sie es, die einer ganzen Reihe an Belastungen standhalten müssen: versiegelte Flächen, verdichteter Boden, Streusalz und Verätzungen der Rinde durch Hundeurin, beengte Wurzelräume und Erschütterungen durch Verkehr – die Liste ist lang. Die Tatsache, dass der Bestand der unter Dauerstress stehenden Pflanzen steigt, belegt, dass die Anstrengungen der Stadt Früchte tragen (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article690dff860580923d0998a87b/senat-stellt-ueber-drei-millionen-euro-fuer-900-baeume-bereit.html) . Was Melzer daher besonders freut: Erstmals seit 2010 sind im Baumkataster wieder mehr als 231.000 Straßenbäume verzeichnet. Zuvor gab es einen Rückgang seit 2010, den Tiefstand erreichte die Stadt 2016 mit nur rund 224.000 Bäumen an Straßen. Erfreulich ist zudem ein weiterer Trend, der aus der Bilanz hervorsticht: Die Zahl der Baumfällungen aufgrund von Baumaßnahmen ist deutlich zurückgegangen. Während zwischen 2018 und 2023 noch rund 25 Prozent der Fällungen darauf zurückgingen, lag dieser Anteil 2024 und 2025 bei etwa 15 Prozent. Dafür sorgten verbesserte Planungsprozesse und wirksamere Schutzmaßnahmen. So trat im Juni 2021 der Vertrag für Hamburgs Stadtgrün in Kraft. Mit ihm verpflichtet sich die Verkehrsbehörde dazu, Baumfällungen möglichst zu vermeiden. „Man sieht daran, dass unser Bestand aus vielen Perspektiven früh mitgedacht wird“, so Stadtbaum-Manager Torsten Melzer. Doch mancherorts hilft selbst vorausschauendes Agieren nicht. Beim Bau der neuen Sternbrücke im Bezirk Altona (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6a4782eb0b14ed961bb505f0/mammut-bauprojekt-warum-fuer-die-neue-hamburger-sternbruecke-die-besten-schweisser-der-welt-gesucht-werden-mussten.html) mussten insgesamt 85 Bäume gefällt werden. Etwa, weil sie den Transport von Teilen der neuen Querung entlang der Max-Brauer-Allee blockiert hätten. Die Bahn will als Ausgleich 215 neue Gewächse pflanzen. Ein großer Teil ebendort, also in dem Gebiet zwischen Schulterblatt und Stresemannstraße. Der umfangreiche und vor allem alte städtische Baumbestand, zu diesem Schluss kommt auch die Jahresbilanz, ist ein kostbares Erbe, das Hamburg allerdings ebenso teuer zu stehen kommt. In Zukunft wird es sogar immer kostspieliger. Da sind zum einen die klimatischen Bedingungen, die die bestehenden Bäume immer stärker schwächen und anfälliger werden lassen für Krankheiten und Schädlingsbefall. Zugleich muss die Stadt immer mehr Geld in die Hand nehmen, um alte Bäume zu erhalten. In der Stadt gibt es 31.500 Exemplare dieser Hochleistungshölzer, die älter sind als 80. Dies sind 1300 Bäume mehr als im Jahr zuvor. Darin enthalten sind 15.000 Pflanzen, die über hundert Jahre alt sind. „Hat ein Baum ein solches Alter erreicht, dient er der Stadt als unersetzliche Klimaanlage“, sagt Torsten Melzer. Ihre Baumkronen spenden Schatten. Ebenso geben sie über die Blätter Wasserdampf ab, ein Vorgang, der Transpiration genannt wird. Durch ihn erhöht sich die relative Luftfeuchtigkeit und die Temperaturen verringern sich in der unmittelbaren Umgebung um bis zu acht Grad Celsius. Zur Riege von außergewöhnlichen Supergehölzen zählt Hamburgs ältester Baum: eine 850 Jahre alte Eibe, die am Neuländer Elbdeich in Harburg steht. Zu den ältesten Prachtstücken gehört auch eine Eiche im Jenischpark. Sie thront am Albertiweg, wurde im Jahr 1760 gepflanzt und ist der älteste Straßenbaum der Stadt. Besonders markant mit seinem ausladenden Geäst ist der Nationalerbe-Baum an der Außenalster. Entgegen seinem Namen kommt der Japanische Schnurbaum nicht aus Japan, sondern aus China. Erst seit wenigen Jahren können ihm die Hamburger buchstäblich auf die Rinde rücken. Denn zuvor lag er hinter hohen Zäunen im Hochsicherheitstrakt des amerikanischen US-Konsulats (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article256266792/ehemaliges-us-konsulat-ich-habe-das-ding-gesehen-und-war-schockverliebt.html) . Zu den steigenden Erhaltungskosten für diese Oldtimer kommen die Kosten für nachrückende Baumgenerationen. Ein neuer Straßenbaum kostet rund 3600 Euro. Für Pflanzungen steht den sieben Bezirksämtern jeweils ein Betrag von jährlich 500.000 Euro zur Verfügung. Hinzu kommen Mittel aus dem Programm „Mein Baum – Meine Stadt“ der Loki-Schmidt-Stiftung. Seit Beginn der Aktion im Jahr 2011 konnten so schon über 5.300 Lücken geschlossen werden. „Mit den Regelmitteln können jährlich etwa 140 Straßenbäume gepflanzt werden. Das bedeutet: Ohne zusätzliche Sondermittel ist unser jetziger Kurs, also eine positive Baumbilanzierung, nicht möglich“, so Torsten Melzer. Eine aktuelle Abfrage der Bezirksämter ergab rund 2600 freie Straßenbaumstandorte. Angesichts des harten Sparkurses, (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6a2bcc1f7e682fc37fbf6fe8/hamburgs-haushalt-nicht-mehr-alle-probleme-mit-geld-zuschuetten-dressel-ueber-die-neuen-sparzwaenge.html) den die Stadt sich selbst auferlegt hat, stellt sich die Frage: Braucht es bald eine politische Entscheidung, damit die Stadt ihr Versprechen, das grüne Erbe der Stadt zu wahren, halten kann? Derzeit versucht die Umweltbehörde, entstandene Defizite etwa durch die Bewilligung von Sonderzahlungen auszugleichen. Doch der finanzielle Druck steigt. Dabei sei wichtig, verlässlich agieren zu können, sagt Stadtbaum-Manager Torsten Melzer. Denn: „Investitionen in neue Bäume sind nur dann nachhaltig, wenn auch ihre langfristige Pflege gesichert wird. Der Erhalt des vorhandenen Bestands genießt höchste Priorität.“ Gleichzeitig bleiben auch Nachpflanzungen unverzichtbar. Zumal eines der größten Probleme, die Bekämpfung von Baumkrankheiten, bleibt. Besonders die Ulmenkrankheit setzt dem Bestand zu. Der Schlauchpilz wird vom Ulmensplintkäfer übertragen und hat sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich ausgebreitet. Auch die Kastanienkomplexkrankheit und das Eschensterben sowie eine neue bakterielle Infektion an Eichen werden laufend überwacht und bekämpft. Die Auswirkungen zeigen sich in den Fällzahlen: Während sie bei Kastanien tendenziell zurückgehen, steigen sie bei Ulmen derzeit sprunghaft an. Und das, obwohl das Programm zum Schutz der Ulmen höchste Priorität hat. Meist ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, den die Baumpfleger verlieren. „Die Lehre, die wir daraus ziehen: Den einen Superbaum, der robust und wenig anfällig ist, gibt es nicht.“ Während man sich noch vor zehn Jahren auf bestimmte Platanen-Arten aus dem Mittelmeerraum fokussierte, setzt man auf Vielfalt (verlinkt auf https://www.welt.de/iconist/service/article228057873/Gaertnern-fuer-den-Klimawandel-Den-Garten-wappnen-mit-Klimapflanzen.html) . Zu den jüngsten Neuzugängen zählen der Amberbaum, der mit einer auffälligen Herbstfärbung eine Augenweide ist, sowie die aus dem südeuropäischen Raum stammende Hopfenbuche. Insgesamt wachsen im Hamburger Straßenraum rund 320 verschiedene Arten, der Großteil des Bestands ist jedoch von vier Arten geprägt: Eiche, Linde, Ahorn, Buche. Für Torsten Melzer bedeutet das: „Es gibt also noch viel zu tun.“ Eva Eusterhus (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/eva-eusterhus/) berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) .