Am 1. Dezember 1942 rückte eine Gruppe amerikanische Panzer in Tunesien gegen die Stellungen der Deutsch-Italienischen Panzerarmee (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article175948985/Panzerfiasko-In-Tunesien-lernten-die-Alliierten-den-Tiger-fuerchten.html) vor. Als vor den US-Tanks drei deutsche Kampfwagen auftauchten, nahmen die Amerikaner sie aus nächster Nähe unter Beschuss. Doch die Granaten prallten von den Kolossen ab, während diese die Angreifer zielgenau ausschalteten. Es war die erste Konfrontation zwischen alliierten Panzern und dem Panzerkampfwagen VI, besser bekannt als „Tiger“. Die zweieinhalb Jahre bis zum Kriegsende reichten aus, um sich als Symbol der deutschen Panzerwaffe (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article196046643/Schlacht-in-der-Normandie-Die-Alliierten-fuerchteten-den-deutschen-Tiger-Panzer.html) zu etablieren. Das mag den erstaunlichen Rekord erklären, den Amazon Prime Video meldet (verlinkt auf https://www.moviepilot.de/news/in-17-landern-auf-platz-1-neuer-amazon-kriegsfilm-hat-etwas-absolut-einzigartiges-geschafft-1159651) : „Der Tiger“ von Regisseur Dennis Gansel (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article68c18bbf72409e1be0447222/Der-Tiger-Deutschland-kann-wieder-Kriegsfilm.html) , der erste deutsche Original-Film, den der Streaming-Dienst ins Programm genommen hat, führt nach wenigen Wochen die hauseigenen Charts an, nicht nur in Deutschland, sondern in 16 weiteren Ländern. Zwar lässt sich die Horrorfahrt einer deutschen Panzerbesatzung an der Ostfront 1943 als Antikriegsfilm und Kommentar zur aktuellen Weltlage verstehen, doch dürfte das kaum ausreichen, um seinen Aufstieg zum Publikumsrenner zu erklären. Überzeugender ist dagegen der Hinweis auf den Nimbus, der dieser Waffe noch 81 Jahre nach Kriegsende anhaftet. „Das Husten eines in der Ferne anspringenden ,Tiger‘-Motors war ein Geräusch, an das sich alle alliierten Soldaten mit Respekt erinnerten“, urteilte der britische Militärhistoriker John Keegan (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/John_Keegan) . Das ist umso erstaunlicher, als der Panzerkampfwagen VI alles andere als technisch ausgereift war und er auch taktisch zur Unzeit herauskam. Um der Wehrmacht schnell einen Panzer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68c04204784ebe32609e171b/Panzer-Der-Tiger-Mythos-und-was-wirklich-hinter-dem-Panzer-steckt.html) zuzuführen, der dem sowjetischen T34 überlegen sein würde, griff das Heereswaffenamt auf die Pläne für einen „Durchbruchswagen“ aus den 30er-Jahren zurück. Feindlicher Beschuss sollte durch die schwere Panzerung von bis zu 120 Millimetern abgewehrt werden und nicht durch abgeschrägte Front- und Seitenflächen, wie sie den T34 auszeichneten, der damit deutlich leichter war. Damit wurden Geschwindigkeit (ca. 20 km/h im Gelände) und Reichweite (60–80 Kilometer im Gelände) des „Tigers“ deutlich reduziert, ausgerechnet die Eigenschaften, denen die deutsche Panzerwaffe ihre Erfolge bis dahin verdankt hatte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article243382093/Deutsche-Panzer-Ihre-Ueberlegenheit-erklaert-sich-nicht-mit-Technik.html) . Viele Brücken konnten den Koloss nicht tragen, weshalb einige Exemplare tauchfähig waren. Wie unausgegoren die Konstruktion in der Kürze der Zeit geraten war, bewies auch der Antrieb. Die 650 PS des V12-Maybach-Motors in den ersten Baureihen reichten nicht aus, um etwa in einer Hang-Position eine schnelle Drehung des Turms zu gewährleisten. Da die deutsche Industrie nicht genügend Ressourcen besaß, um Diesel-Aggregate in Großserie herzustellen, erhielt der „Tiger“ einen Ottomotor, dessen Benzin bei einem Volltreffer zum Brandbeschleuniger wurde. Das Bestreben, höchste Leistung auf kleinstem Raum zu erzeugen, trieb Drehzahlen und Verbrauch in die Höhe. Das neuartige Schachtellaufwerk blockierte leicht bei Schlamm und Schnee. Diese Mängel sorgten für erheblichen Wartungsaufwand bei den Instandsetzungseinheiten. Als „Tiger“ erstmals in größerer Zahl im Juli 1943 in der Panzerschlacht von Kursk eingesetzt wurden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article179200576/Kursk-1943-Als-Stalins-Generaele-fast-400-T-34-zerstoerten.html) , fielen mehr Fahrzeuge wegen technischer Probleme als durch feindlichen Beschuss aus. Als die Wehrmacht an allen Fronten in die Defensive geriet, erwies sich der „Tiger“ als Fehlinvestition. Er wurde in „Schweren Panzer-Abteilungen“ zusammengefasst, die selbstständig agierten und als „Feuerlöscher“ an Schwerpunkten des Gefechts eingesetzt wurden, was aber bedeutete, dass sie an anderen Brandherden fehlten. Verlegungen waren zeitraubend. So mussten für den Eisenbahntransport die äußeren Laufrollen abgenommen und durch schmalere Verladeketten ersetzt werden, um das Breitenprofil der Waggons nicht zu überschreiten. Überhaupt war die ursprüngliche taktische Funktion des Panzers als Speerspitzen in der Offensive nicht mehr gefragt. Als ideale Waffe in der Verteidigung galten stattdessen die Sturmgeschütze, die über keinen aufwendig-konstruierten Turm verfügten und deren niedrige Silhouette für Gegner schlecht auszumachen war. Diese Selbstfahrlafetten auf der Basis der mittleren Panzerkampfwagen III und IV konnten schneller, billiger und in wesentlich größeren Stückzahlen produziert werden, zumal die deutsche Industrie bis zuletzt nicht in der Lage war, Panzerfahrzeuge am Fließband zu montieren. Vom „Tiger“ verließen daher nur 1350, vom noch größeren „Königstiger“ 490 Exemplare (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article129869643/Der-deutsche-Panzer-Tiger-II-war-ein-Irrweg.html) die Werkshallen. Dagegen konnten die USA allein 50.000 Sherman- und die Sowjetunion 80.000 T34 ins Feld führen. Dass der „Tiger“ dennoch zur legendären Waffe der Wehrmacht wurde, erklärt sich durch ihre Abschuss-Erfolge. Die 8.8-Zentimeter-Geschütze, entwickelt ursprünglich für die Flugabwehr, konnten einen T34 auf bis zu vier Kilometer Entfernung ausschalten. In Tunesien zerstörten Tiger innerhalb weniger Monate mehr als 300 feindliche Fahrzeuge. Kommandanten wie Kurt Knispel, Otto Carius oder Michael Wittmann (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article244068591/Wehrmacht-168-Treffer-machten-ihn-zum-erfolgreichsten-Panzerschuetzen.html) erzielten 150 und mehr Abschüsse. Den Rest besorgte die NS-Propaganda, die den „Tiger“ zur allgegenwärtigen „Wunderwaffe“ hochjubelte. Berühmt ist eine Fotoserie, die im Frühherbst 1944 in Paderborn-Sennelager entstand und „Königstiger“ in großer Parade mit markiger Unterschrift präsentierte: „Ein Wunderwerk deutscher Technik entstand in dem neuen Panzertyp ,Königstiger‘. Aus seinem mächtigen schwergepanzerten Stahlleib ragt drohend das riesige Rohr eines tausendfach bewährten Flakgeschützes.“ Derartige Formulierungen sollten verschleiern, dass eine derartige Masse an „Königstigern“ wohl nie gemeinsam an der Front zum Einsatz gekommen ist. Überhaupt stellt sich die Frage, warum der „Tiger“ und nicht der parallel zu ihm eingeführte mittelschwere Kampfwagen V „Panther“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article178280770/Panzer-Der-Panther-Die-kurze-Geschichte-von-Sonderkraftfahrtzeug-171.html) zum Symbol der deutschen Panzerwaffe geworden ist, obwohl von diesem immerhin rund 5000 Exemplare zum Einsatz kamen. Außerdem war er schneller, wendiger, besaß eine abgeschrägte Karosserie und erreichte mit seiner 7,5-Zentimeter-Kanone eine ähnliche Durchschlagskraft wie die 8,8 des „Tigers“. Aber der Name, mit dem die Wehrmacht ab 1942 ihre Waffen (verlinkt auf https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/bundeswehrgeraet-tiernamen-5321614#:~:text=Geschichte%20der%20Namensgebung,YouTube%20Posts%20auf%20bundeswehr.de.) zu bezeichnen pflegte, machte den Unterschied. Als Herr über die Nahrungskette sollte der „Tiger“ für Kraft und Macht stehen, der „Panther“ dagegen für Beweglichkeit und Schläue. Die Zahlen von Amazon-Prime lassen den Schluss zu, dass diese Hierarchie die Zeiten überdauert hat.