Beim Hamburger SV herrscht nach dem Aus von Sportvorstand Stefan Kuntz große Unruhe. Der 63-Jährige war am 2. Januar „aus familiären Gründen“ zurückgetreten. Hinter der Demission des Fußball-Europameisters von 1996 steckte aber mehr. Wie „Bild am Sonntag“ berichtete, werfen zwei Mitarbeiterinnen des Klubs dem ehemaligen Stürmer sexuelle Belästigung vor. Diese Vorgänge sind jetzt durch den Klub bestätigt worden. Am Montagmorgen gab der Aufsichtsrat des Vereins ein offizielles Statement ab. In diesem widerspricht das Gremium der Darstellung von Kuntz recht deutlich und rückt auch von der bisherigen Kommunikationslinie rund um die Trennung ab. Laut Pressemitteilung zu seinem Aus am 2. Januar hatte Kuntz den HSV nach den Weihnachtsfeiertagen noch selbst aus persönlichen Gründen um eine sofortige Beendigung seiner Tätigkeit gebeten. Davon ist nun keine Rede mehr. „Vorwürfe eines schwerwiegenden Fehlverhaltens von Stefan Kuntz“ „Im Dezember 2025 sind an den Aufsichtsrat der HSV Fußballmanagement AG Vorwürfe eines schwerwiegenden Fehlverhaltens von Stefan Kuntz herangetragen worden“, hieß es dort: „Der Aufsichtsrat hat gemäß seiner Verantwortung sofort nach Kenntnisnahme der Vorwürfe mit Unterstützung spezialisierter externer Anwälte die Aufklärung der Vorfälle eingeleitet. Nach sorgfältiger Prüfung und der Erkenntnis, dass die Vorwürfe glaubhaft sind, hat der Aufsichtsrat umgehend entschieden, eine schnellstmögliche Trennung von dem Vorstandsmitglied anzustreben. Aufgrund der expliziten Bitte der betroffenen Personen hatte bei der Trennung der Schutz der Betroffenen oberste Priorität, die auch weiterhin anhält.“ Kuntz habe der Trennung in Kenntnis der gegen ihn erhobenen Vorwürfe zugestimmt, heißt es weiter, eine Mitarbeit zur Aufklärung habe er sich aber verweigert: „Die Gelegenheit zur Stellungnahme gegenüber dem Aufsichtsrat hat Herr Kuntz trotz mehrfacher Angebote explizit nicht genutzt. Vor dem dargestellten Hintergrund sind die Vorwürfe einer ,Verleumdungskampagne‘ gegen Stefan Kuntz klar unzutreffend und irreführend.“ Dieser Satz dürfte sich auf eine Erklärung von Kuntz beziehen (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/hamburger-sv/article6963e664fa56382de1f66da0/ex-sportvorstand-des-hsv-jetzt-nimmt-kuntz-stellung-zu-den-vorwuerfen.html) . Am Sonntagabend hatte er die Vorwürfe in aller Deutlichkeit von sich gewiesen. „Erst einmal möchte ich sagen, dass mich die Vorwürfe hart treffen. Klar ist: Ich weise diese Vorwürfe entschieden zurück!“, schrieb Kuntz auf seinem offiziellen Instagram-Profil. Er habe „im Sinne meiner Familie und aller mir nahestehenden Personen“ seine Anwälte eingeschaltet. Diese sollten laut Kuntz „gegen diese FALSCHEN Vorwürfe und Vorverurteilungen“ vorgehen. Diese offizielle Erklärung habe zur Reaktion seines ehemaligen Arbeitgebers geführt. „Der HSV hat die Beendigung der Zusammenarbeit mit Vorstand Stefan Kuntz und die dafür maßgeblichen Gründe zum Schutz der Betroffenen bislang diskret und rücksichtsvoll behandelt“, hieß es in der Hamburger Stellungnahme. Man sehe sich nun aber „angesichts des gestrigen Social-Media-Posts von Stefan Kuntz, der erfolgten Veröffentlichung auf BILD.de und der Vorwürfe, die laut BILD aus dem Umfeld von Stefan Kuntz erhoben worden sind“ veranlasst, sich zu erklären. „Schnell und konsequent handeln“, schreibt der HSV-Aufsichtsrat Und so äußerte sich der Aufsichtsrat äußert sich in seiner Mitteilung ähnlich unmissverständlich wie des Ex-Angestellte es wenige Stunden zuvor getan hatte. Abschließend heißt es dort: „Der HSV duldet unabhängig von der betroffenen Hierarchieebene kein Fehlverhalten der hier in Rede stehenden Art und bekennt sich nachhaltig zu den in der Satzung niedergelegten Werten der Toleranz und des Respekts und wendet sich gegen Diskriminierung jeder Art. Dem Aufsichtsrat war es wichtig, im vorliegenden Fall schnell und konsequent zu handeln. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen steht für den HSV – wie schon bisher – im Vordergrund.“ Kuntz prägte einst als Stürmer die späten 1980er- und 1990er-Jahre. Er spielte unter anderem für den VfL Bochum, den 1. FC Kaiserslautern, Galatasaray und Besiktas Istanbul, Besiktas Istanbul. Mit dem 1. FC Kaiserslautern feierte er 1991 den Gewinn der deutschen Meisterschaft und des DFB-Pokals. Für Deutschland absolvierte er 25 Länderspiele, Höhepunkt war der EM-Titel 1996 in England. Im Turnier erzielte Kuntz damals drei Tore. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere wechselte Kuntz ins Management und Trainerfach. So war Sportdirektor und Trainer beim 1. FC Kaiserslautern. Seine größten Erfolge feierte er jedoch als Trainer der deutschen U-21-Nationalmannschaft, die er von 2016 bis 2021 betreute und mit der er 2017 und 2021 Europameister wurde. Anschließend übernahm er 2021 die türkische A-Nationalmannschaft als Cheftrainer. Er verpasste mit der Mannschaft knapp die WM und wurde 2023 entlassen. Zum HSV war Kuntz dann im Mai 20024 gekommen. Nach sieben Jahren in der Zweitklassigkeit gelang dem Traditionsverein mit ihm im vergangenen Sommer die lang ersehnte Rückkehr in die Bundesliga. Der Sportvorstand stand gerade vor einer Vertragsverlängerung, als sich eine Angestellte an den Aufsichtsrat wandte.