Welt 02.01.2026
15:47 Uhr

„Von dort aus den ganzen Raum erfasst“ – Ermittler nennen erstmals Ursache des Feuer-Infernos


40 Menschen sind bei der Feuer-Katastrophe in einer Bar in Crans-Montana ums Leben gekommen, die Identifizierung der Opfer läuft auf Hochtouren. Die Ursache für das Inferno ist indes gefunden. Schweizer Behörden prüfen strafrechtliche Konsequenzen.

„Von dort aus den ganzen Raum erfasst“ – Ermittler nennen erstmals Ursache des Feuer-Infernos

Die Brand-Katastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana ist nach Angaben der Behörden durch Tischfeuerwerk ausgelöst worden. „Es kann davon ausgegangen werden, dass die Wunderkerzen Ursprung des Brandes sind. Diese befanden sich auf den Flaschen und waren zu nah an der Decke. Von dort aus hat sich ein Brandüberschlag entwickelt, der sich sehr schnell ausgedehnt und den ganzen Raum erfasst hat“, sagte die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Béatrice Pilloud, am Freitag auf einer Pressekonferenz. Zu dem Ergebnis kämen die Ermittler nach der Auswertung von Videos, der Vernehmung mehrerer Zeuge sowie der Sicherung erster Spuren. Bei den Zeugenaussagen handele es sich um die französischen Betreiber der Bar und Gäste, die entkommen konnten. „Es wird geprüft, ob eine strafrechtliche Verfolgung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird“, sagte die Generalstaatsanwältin. Das wäre der Fall, wenn es Nachlässigkeiten von Personen gegeben habe, „falls diese noch am Leben sind“. Experte: „Brandschutz komplett missachtet“ Untersucht werden laut Pilloud nun auch mögliche bauliche Veränderungen in der Bar samt dafür eingesetzter Materialien. Der deutsche Brandschutzexperte Thorsten Bechert, Brandschutz-Sachverständiger unter anderem für Großveranstaltungen am Hockenheimring, hat für WELT die Videos vom Feuer analysiert. Bechert weist darauf hin, dass die im Video sichtbaren brennbaren Schalldämmstoffe „allen brandschutztechnischen Grundlagen in einer Versammlungsstätte“ widersprechen würden. „Augenscheinlich wurde aus Gründen des Schallschutzes hier der Brandschutz komplett missachtet“; statt nicht brennbarer Dämmstoffe wurde ein Material eingesetzt, das „nicht nur leicht brennt, sondern sogar brennend abtropft“. Dadurch entstehe schon zu Beginn des Brandes eine Situation, in der das Feuer großflächig von der Decke ausgehend durch brennende Tropfen nach unten getragen werde. „Unten beginnt es dann auch sofort zu brennen, so dass in kürzester Zeit jeder Rettungsweg versperrt“ sei – sowohl durch die Tropfen, unter denen Menschen nicht einfach durchlaufen können, als auch durch die immense Rauchentwicklung des brennenden Kunststoffes. Treppe wurde laut Zeugen zur „Todesfalle“ Ein weiterer Fokus liegt für die Ermittler auf den Flucht- und Zugangswegen der Bar. Mehrere Zeugen sagten, dass der Veranstaltungsraum im Untergeschoss, wo das Feuer ausbrach, nur durch eine Treppe mit dem Erdgeschoss verbunden sei. Einige beschrieben die Treppe als „schmal“ und sprachen von einer „Todesfalle“. Zudem seien die vor dem Feuer flüchtenden Gäste auf der Treppe von Personen im Obergeschoss, die von der Katastrophe erst nichts mitbekommen und weiter ins Kellergeschoss gedrängt hätten, blockiert worden. Weiter werde geprüft, ob während der verheerenden Silvesterparty die für die Bar zugelassene Personenanzahl eingehalten wurde. Die zweigeschossige Bar „Le Constellation“ befindet sich im Erdgeschoss und Keller eines Wohngebäudes und hat Platz für 300 Menschen sowie 40 weitere Personen auf der Terrasse, wie es auf der Website von Crans-Montana hieß. Inzwischen erhöhten die Ermittler die Zahl der Verletzten auf 119. 113 davon seien mittlerweile identifiziert. Darunter befinden sich den Angaben zufolge 71 Schweizer, 14 Franzosen, 11 Italiener und 4 Serben. Deutsche Opfer sind weiterhin nicht darunter. Von ‍den Verletzten seien dutzende in auf Verbrennungen spezialisierte Kliniken im Ausland ⁠verlegt worden, sagte der Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard, darunter in Italien und Frankreich. Vier Patienten würden bereits in deutschen Kliniken versorgt, teilte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) am Freitag mit. Die Aufnahme von sieben weiteren Verletzten sei für ⁠den Tagesverlauf geplant. ⁠Die Schweiz habe über den Katastrophenschutzmechanismus der Europäischen Union weitere ‍Übernahmeanfragen angekündigt. „Die Situation ist jetzt so, dass wir ein Hilfeersuchen für 40 schwerbrandverletzte Patienten haben. Heute kommen die ersten schon nach Halle und nach Leipzig. Für morgen sind drei Patienten zu uns in Berlin eben angekündigt. Und die anderen Bundesländer und die anderen Schwerbrandverletztenzentren werden genauso aktiv sein“, berichtet die Direktorin der Klinik für Schwerbrandverletzte und Plastische Chirurgie im Unfallkrankenhaus Berlin, Dr. Leila Harhaus-Wähner, gegenüber WELT TV. Viele der meist jungen Leute hätten nicht nur äußere Verbrennungen erlitten, sagte der Direktor des Krankenhauses im nahe gelegenen Sitten, Eric Bonvin, zuvor der Nachrichtenagentur AP. Sie hätten glühend heiße Gase eingeatmet, was bei einigen wahrscheinlich zu inneren Verbrennungen geführt habe. „Das ist eine wirklich katastrophale Situation“, sagte Bonvin. Identifizierung der Toten könne noch „Wochen“ dauern Die Identifizierung der Toten habe nun für die Ermittler „oberste Priorität“. Diese könne sich in manchen Fällen jedoch noch „Wochen“ hinziehen. „Wir wissen, wie unerträglich es ist, zu sehen, wie die Zeit vergeht, ohne Antworten zu haben“, sagte der kantonale Gesundheits- und Sozialdirektor im Kanton Wallis, Mathias Reynard. „Ein hoher Zoll an menschlichen Leben ist entrichtet worden.“ Allen Familien, die derzeit noch Angehörige vermissen und sie unter den Opfern vermuten, wird laut dem Kommandanten der Kantonspolizei Wallis eine persönliche Betreuung „Tag und Nacht“ zur Seite gestellt. Das sei in dieser schwierigen Situation unbedingt notwendig.