Welt 07.02.2026
08:52 Uhr

Vom Problem zur Lösung – So werden trockene Moore wieder zu CO₂-Senken


Im Nienwohlder Moor wird mit schweren Maschinen renaturiert – ein Beispiel für einen Kraftakt, der bundesweit nötig ist. Denn entwässerte Moore zählen zu den größten heimischen CO₂‑Quellen. Jetzt soll die Landschaft wieder Wasser speichern und Klima schützen.

Vom Problem zur Lösung – So werden trockene Moore wieder zu CO₂-Senken

Auf der offenen Fläche stehen große Bagger, ihre Ketten tief im braunen Boden, die Schaufeln schwarz vom nassen Torf. Jeder Hub wirkt, als würde hier etwas zerstört. Die Maschinen graben sich unerbittlich in eine Landschaft, die wie schützenswerte Natur aussieht: Tausende Birken wachsen hier, winzige Grashügel reichen hunderte Meter weit und dazwischen liegen kleine idyllische Tümpel. Doch all das sollte hier nicht sein. Hier im Nienwohlder Moor zehn Kilometer nördlich der Hamburger Stadtgrenze an der Alten Alster sollte die Landschaft anders aussehen. Ein natürliches Hochmoor ist nicht von Bäumen bewachsen, weil es zu feucht ist. Statt Gräsern, die Trockenheit anzeigen, sollten hier Moose den Boden bedecken. Und genau deshalb sind die Bagger da. Die schweren Geräte sind nicht gekommen, um zu beschädigen, sondern um zu reparieren. „Der Zustand des Moores ist stark degradiert“, sagt Janis Ahrens, während ein Bagger hinter ihm eine neue Ladung Torfboden auf einen Wall hebt. Jahrzehntelanger Torfabbau hat ein Gelände zurückgelassen, das Abbruchkanten von bis zu fünf Metern hat, die Wasser zu leicht abfließen lassen. Am Rand des Moores, das zu den Kreisen Stormarn und Segeberg gehört, kann man den kleinen Bach sehen, der das Wasser ableitet. Wenn Ahrens und sein Team von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein mit den Arbeiten fertig sind, wird aus dem Bach ein Rinnsal geworden sein. 2029 soll das der Fall sein. Aktuell wird am ersten Bauabschnitt gearbeitet. Der soll dafür sorgen, dass die ersten 27 Hektar des etwa 111 Hektar großen Moorgebietes nicht mehr trocken fallen. Dafür werden unter anderem Wälle aufgeschüttet. Die Bagger schaffen den Torf heran, der dafür benötigt wird. An einigen Stellen ist das mehr, an anderen Stellen weniger. Oben auf dem frisch aufgeschobenen Wall lässt sich das gut erkennen. Das Gelände fällt nach beiden Seiten ab, aber unterschiedlich stark, als wären es zwei verschiedene Ebenen. Torfabbau und Landwirtschaft sorgten für trockene Moore „Wir haben hier eine einmalige Moorbaustelle“, erklärt Ahrens. Die meisten Moore, die die Stiftung wiedervernässt, haben zwei Probleme: Sie sind zum Torfabbau und anschließend oder gleichzeitig als landwirtschaftliche Fläche genutzt worden. Dazu wurde das Wasser dauerhaft abgeleitet und der Boden nivelliert. Moore mit derart großen Höhenunterschieden sind eine Besonderheit, für die dann auch ein Spezialgerät erfunden werden musste: Ein Dichtbahnpflug, der eine Folie zwei Meter tief in den Boden zieht, um das Wasser zu halten. Für die kurvig verlaufenden Wälle im Nienwohlder Moor musste es ein Modell mit Lenkung sein. Das Areal gehört zu den großen Hochmoorkomplexen Schleswig-Holsteins. Seit den 1980er‑Jahren steht es unter Naturschutz. Zuvor wurde über Jahrzehnte Torf abgebaut, besonders stark ab den 1950er‑Jahren. Damals wurde auf einer Fläche von mehr als 80 Hektar die oberste Schicht des Moores, der sogenannte Weißtorf, abgetragen, um daraus Energie zu gewinnen. Getrockneter Torf wurde in Haushalten und Betrieben genutzt, lange bevor Öl, Gas oder Fernwärme flächendeckend verfügbar waren. Gleichzeitig spielt Torf bis heute eine Rolle im Gartenbau: als Substrat, das als universell einsetzbar gilt. Das führte dazu, dass das Nienwohlder Moor intensiv genutzt wurde und ihm bis heute Wasser fehlt. Im Jahr entsteht ein Millimeter neuer Torfboden Dabei lebt ein Moor von seinem Wasser (verlinkt auf https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/wissenschaft_nt/article243133213/Warum-das-Schwinden-der-Moore-so-brisant-ist.html) . Torf entsteht Schicht für Schicht, über Jahrtausende hinweg, weil Pflanzen wie Torfmoose erst an der Oberfläche wachsen und nach dem Absterben im sauerstoffarmen, wasserdurchtränkten Moorboden nicht vollständig zersetzt werden. Sie bleiben als Pflanzenreste erhalten und binden dadurch große Mengen Kohlenstoff. Dieser Mechanismus ist empfindlich: Sobald ein Moor entwässert wird und Luft in den Boden gelangt, beginnen Mikroorganismen damit, die alten Moose doch noch zu zersetzen. „Ein bis zwei Zentimeter Torfboden werden pro Jahr mineralisiert“, erklärt Ahrens. Bei einem Torfwachstum von einem Millimeter pro Jahr, wird also im trockenen Moor das zehnfache des Wachstums zerstört – und der über lange Zeit in den Pflanzenresten gespeicherte Kohlenstoff entweicht als CO₂ in die Atmosphäre. Durch die Wiedervernässung soll der gesamte Torfkörper in die nasse Zone gebracht werden. In den tiefen Schichten ist er so stark zusammengedrückt, dass er das Wasser selbst halten kann. In den oberen Schichten ist der Torf durchlässig. Deshalb reicht es nicht, Dämme aufzuschieben, um das Wasser im Moor zu leiten. Es darf auch die ersten Meter im Untergrund nicht abfließen. Genau deshalb kommt der Dichtbahnpflug zum Einsatz. Zusätzlich gibt es Spundwände, deren Pfähle bis zu sechs Meter in den Boden ragen. Intakte Moore sorgen auch im Sommer für Kaltluft Entwässerte Moore sind weltweit ein Klimaproblem. Allein in Deutschland entweichen laut Hamburger Umweltbehörde jedes Jahr geschätzte 51 Millionen Tonnen CO₂ aus entwässerten Moorböden, was etwa 5,7 Prozent der gesamten nationalen Emissionen entspricht. Auch die Hamburger Moorflächen tragen zu dieser Bilanz bei. Die Stadt reagiert darauf mit einer Strategie, die sich eng an die Bund-Länder-Vereinbarung zum Moorbodenschutz anlehnt. Kern dieser Strategie ist ebenfalls die Wiedervernässung: Das gezielte Anheben des Wasserstands soll die Zersetzung des Torfes bremsen und die CO₂‑Freisetzung deutlich reduzieren. „Moore und Wälder stabilisieren den Wasserhaushalt, fördern Kaltluftentstehung und leisten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz in Hamburg. Die Wiedervernässung von Mooren ist eine effektive und natürliche CO₂-Senke, die einen sehr wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten kann“, erklärt Alexander Fricke, Sprecher der Hamburger Umweltbehörde. Die Behörde prüft derzeit, in welchen Gebieten Moore langfristig geschützt oder wiedervernässt werden können. Ein entsprechendes Moorschutzkonzept soll spätestens Ende Juni 2026 vorliegen. Dafür wurden 23 Moorbereiche identifiziert und nach einem Verfahren bewertet, das die gespeicherte Menge an Kohlenstoff im organischen Boden mit den möglichen Aufwertungspotenzialen kombiniert. Wo die größten Effekte zu erzielen sind, sollen Maßnahmen prioritär umgesetzt werden. Als Beispiel nennt Fricke das Naturschutzgebiet Moorgürtel, in dem bereits Wiedervernässungen laufen – unterstützt durch das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz des Bundes. Hier machen trockene Moore 17 Prozent der CO₂-Emissionen aus Auch für Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article68a442daf3b3300719846252/Goldschmidt-Will-noch-viel-fuer-Schleswig-Holstein-erreichen.html) ist klar: „Nasse Moore sind eine Zukunftsinvestition. Jeder Euro, der in die Renaturierung von Mooren fließt, zahlt sich mehrfach aus. Moore binden Kohlenstoff, speichern Wasser, schützen vor Dürre und Überschwemmung und bereichern unser Leben als Naherholungsgebiete.“ Er spricht von einem „riesigen Klimaschutzpotenzial“, denn die trocken gelegten Moore sie sind für rund 17 Prozent der Treibhausgas-Emissionen in Schleswig-Holstein verantwortlich. „Intakte Moore senken unsere Emissionen und verlangsamen die Erderhitzung. Jeder Einsatz lohnt sich: Wenn wir gemeinsam die Moore schützen, dann schützen sie auch uns und unsere norddeutsche Heimat.“ Mehr als 80 Prozent der Moorböden Schleswig-Holsteins werden für land- oder forstwirtschaftliche Zwecke entwässert. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet das Land daher daran, diese Flächen zu stabilisieren. Mit dem 2019 beschlossenen Programm für Biologischen Klimaschutz hat sich Schleswig-Holstein vorgenommen, bis 2030 zusätzlich 8000 Hektar Moorfläche zu sichern und wieder zu vernässen. Wenn der Torf nass ist und keinen Kontakt mehr zur Luft hat, kommt die Zersetzung zum Erliegen. Dann stabilisiert sich der Boden. „Das geht sehr schnell“, sagt Ahrens. Schon in einem halben Jahr werde man vom Torf der aufgeschütteten Wälle nur noch wenig sehen. Sie werden grün bewachsen sein. Am Boden der Wälle, dort, wo das Wasser hochstehen wird, werden wieder Torfmoose wachsen. Schon in den 1980er‑Jahren gab es im Nienwohlder Moor erste Renaturierungsmaßnahmen. So wurden in Teilen die gewachsenen Birken entfernt. Zusätzlich wurden erste Wälle aufgeschoben, um Regenwasser zu halten. Die Ergebnisse waren deutlich: In neu entstandenen Pütten und Senken siedelten sich wieder Sonnentau, Wollgras und andere Pflanzen an, die auf nährstoffarme, nasse Flächen angewiesen sind. Auch die Tierwelt veränderte sich. Klassische Moorbewohner wie Sumpfschnepfen oder die gefährdete Hochmoor-Mosaikjungfer kehrten zurück. Jetzt, da das gesamte Moor aufbereitet wird, sollen es noch mehr werden. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg- und Schleswig-Holstein- Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) und die spannendsten Themen in der Hansestadt und im Umland. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Umweltpolitik.