Die Bekanntgabe fiel denkbar unauffällig aus. „Durch Gesellschafterbeschluss“, hieß es auf S. 16 des „Reichsanzeigers“ vom 11. Juli 1931 lakonisch, „ist der Gesellschaftervertrag der Firma und des Gegenstandes des Unternehmens abgeändert. Die Firma heißt jetzt Rio Rita Restaurationsgesellschaft“. Zweck der bisherigen „Wohnkultur. Gesellschaft für Möbel- und Innenausstattung“ sei nun „der Betrieb der unter dem Namen Rio Rita geführten Tanzbar“. So entstand, zumindest formal, ein legendärer Ort: Benannt nach dem US-Tonfilm „Rio Rita“ von 1929, einer Kreuzung aus Western und Musical, wuchs die tatsächlich bereits im Januar 1931 eröffnete Bar im Haus Tauentzienstraße 12 in Berlin-Charlottenburg rasch vom Geheimtipp zum „place-to-be“. Wer auf sich hielt, kam abends hierher, oft genug aus dem benachbarten und ebenso berühmten „Romanischen Café“. Erich Kästner, Feuilletonist und Autor von Bestsellern wie „Emil und die Detektive“ oder „Fabian“ war hier ebenso regelmäßig anzutreffen wie Axel Eggebrecht, der für die „Literarische Welt“ Kulturgrößen wie Bertolt Brecht interviewte. Zwar stand das Etablissement im Berliner Fernsprechbuch (Anschluss Bavaria 5316), doch wer anrief, um einen Tisch zu reservieren, bekam im Zweifel eine Absage, denn den Einlass regelte ein strenger Portier an der Tür. Außer vielleicht, wenn ein Concierge der Luxushotels „Kaiserhof“ oder „Adlon“ durchklingelte, weil ein „Großkaufmann von der Wall Street“ einen Abend inkognito verbringen wollte. Berliner Zeitungen wussten zu berichten, dass sich im „Rio Rita“ die höhere Diplomatie versammelte, doch Diskretion gehörte zum Geschäft. Zudem musste man sich das Vergnügen leisten können, mitten in der schwersten Wirtschaftskrise Deutschlands. Günstig waren die Cocktails nicht, zumal auch das „Rio Rita Tango-Orchester“ mit Bandleader Heinz Huppert mitbezahlt werden musste. Es trug wesentlich zum Ruf der Bar bei. Sie gehörte zu den prägenden Lokalen in der wohl legendärsten Phase der Berliner Geschichte, den als „Goldene Zwanziger“ bekannten späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren, wie der Historiker Michael C. Bienert in seinem Buch „Cocktails in Berlin“ (BeBra Verlag. 240 S., 28 Euro) zeigt. Es ist mehr als nur ein Rezeptbuch für gelungene Mixgetränke – dafür bekam der Autor den Deutschen Kochbuchpreis und die Silbermedaille der Gastronomischen Akademie Deutschlands; mehr auch als ein Wegweiser zu aktuellen Lokalen in der Hauptstadt. Am spannendsten lesen sich die Kapitel zur Geschichte. In den 1880er-Jahren hatten sich „Trinkstuben modernen Zuschnitts“ in Berlin etabliert; zu den eigenständig geführten Lokalen kamen bald die ersten Hotelbars. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/erster-weltkrieg/) beendeten diese Phase: Bis Ende 1925 halbierte sich die Zahl der einschlägigen Adressen; auch nahezu alle Lokale im Stil von American Bars verschwanden. Im Grunde überstanden nur die Bars in Hotels mit internationalem Publikum diesen Abschwung, vor allem im Adlon am Brandenburger Tor. Doch dann begann der „Tanz auf dem Vulkan“, wie der homme de lettres Harry Graf Kessler die Stimmung einmal beschrieb. Im Jahrfünft von etwa 1927 bis 1932 geistig ungeheuer anregend und damit anziehend. Ein französischer Schriftsteller soll Berlin „die jüngste, die systematisch verrückteste, die am unschuldigsten perverse Stadt der Welt“ genannt haben. Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann attestierte der Stadt „Energie, Intelligenz, Straffheit, Unsentimentalität, Unromantik“ – und das war als Lob gemeint. Die (sehr freien) Verfilmungen der Volker-Kutscher-Romane unter dem Titel „Babylon Berlin“ machten seit 2017 diese Phase beim TV-Publikum populär. Freilich wiederum überdreht, denn die „Goldenen Zwanziger“ waren nicht annähernd so leuchtend, wie man im Rückblick meint. In Wirklichkeit handelte es sich nur um winzige Facetten der Metropole – doch zu ihnen zählten die Bars. Das luxuriöse Hotel Eden am Zoologischen Garten bekam 1928/29 eine neue Bar, deren rot gestrichene Deckenbalken für einen ganz speziellen Touch sorgten. Mit 157 Plätzen war das Etablissement groß; zu den häufigen Gästen zählten Marlene Dietrich, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque und Gustaf Gründgens. Die „Kakadu-Bar“ an der Joachimsthaler Straße Ecke Kurfürstendamm glänzte mit dem längsten Tresen der Stadt und bis zu 184 Plätzen für ernsthafte Trinker. Intimität, an sich typisch für die Institution Bar, konnten solche Großlokale nicht mehr bieten. Anders Etablissements wie das „Eldorado“ in Schöneberg: Es war trotz des formal gültigen Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches ein Anziehungspunkt für Berlins Homosexuellen- und Transvestitenszene. Eben dafür kannte man es selbst in New York, sodass der Bürgermeister der damals größten Stadt der Welt, Jimmy Walker, bei seinen Berlin-Reisen 1927 und 1931 jeweils mehrere Abende hier verbrachte. Der Pianist Julian Fuhs eröffnete vis-à-vis des „Rio Rita“ im September 1931 eine Bar, die seinen Namen trug. Es entwickelte sich schnell zum Treffpunkt für Theater- und Filmleute sowie Journalisten. In der besten Zeit des Berliner Barwesens wuchsen manche Bartender zu Stars heran, etwa Max „Jimmy“ Kettner, der Tresenchef im Hotel Eden, oder Robert „Bobby“ Burkhardt, Inhaber der „Bambus Bier Bar“ im Zeitungsviertel. Zäsur 30. Januar 1933 Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/adolf-hitler/) und die folgende gewalttätige Eroberung der Macht durch die NSDAP wurden zur Zeitenwende für Berlins lockeres Barleben: Es gab eine echte Vollbremsung am Tresen. Als erstes erwischte es das „Eldorado“ im Februar 1933: Es wurde geschlossen, obwohl dort der schwule SA-Chef Ernst Röhm mit seiner Entourage oft zu Gast war. Kurz darauf war Julian Fuhs an der Reihe. Am 11. März 1933 überfielen mehrere SA-Leute sein Lokal bei laufendem Betrieb und verlangten Schutzgeld. Einige Gäste konnten die Angreifer vertreiben und riefen die Polizei; sogar die „New York Times“ berichtete, denn Fuhs hatte einen US-Pass. Ende März kamen die Braunhemden mit Verstärkung zurück und verprügelten den Chef, den sie einen „dreckigen Juden“ schimpften. Zwar wurden sie festgenommen, aber vor Gericht stand am 15. August 1933 nur noch der Rädelsführer. Der Staatsanwalt forderte einen Monat Haft, der Richter verurteilte ihn zu 50 Mark Geldstrafe. Wenig später schloss Fuhs seine Bar und verließ Berlin. Das „Rio Rita“ hingegen wurde „arisiert“, nachdem der bisherige Geschäftsführer schon im Frühjahr 1933 einige Zeit (wie lang genau, ist nicht bekannt) in „Schutzhaft“ gesessen hatte, also von der SA verschleppt worden war. „Der Pleitegeier über Berliner Luxuslokalen: Der Schein trügt nicht mehr“, überschrieb die „Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung“ im Mai 1933 einen Bericht über das Lokal an der Tauentzienstraße hämisch. Anderen Bars erging es ähnlich, etwa dem „Cascade“ oder dem „Barberina“. Oft lief der Betrieb unter der Regie neuer, nicht jüdischer Eigentümer zwar weiter, doch das Flair war dahin. In gewissem Sinne eine Ausnahme bildete, so hat Michael Bienert herausgefunden, das „Kakadu“, denn es blieb bis Mitte der 30er-Jahre einer der „angesagtesten Treffpunkte in der City-West“. Doch auch Dagobert Tichauer, der das Lokal 1930 von seinem Bruder übernommen hatte, geriet zunehmend unter antisemitischen Druck. „Offenbar um sein Geschäft zu retten, stelle er zunächst einen ,Parteigenossen‘, also ein Mitglied der NSDAP, als neuen Betriebsleiter ein.“ Doch das half nicht viel: Bald nach den Olympischen Spielen 1936 musste er das große und immer noch viel besuchte „Kakadu“ an den „Arier“ Georg Jahns verkaufen. Der Preis betrug gerade einmal 26.000 Reichsmark – ein 23stel des dokumentierten Umsatzes von 1935. Angemessen wäre hingegen ein Mehrfaches des Jahresumsatzes gewesen. 1937 wanderte Tichauer aus; sein restlicher Besitz wurde versteigert. Mit Rücksicht auf die Trinkgewohnheiten der Deutschen führte das NS-Regime nie ein offizielles Alkoholverbot ein; die Erfahrungen der USA mit der Prohibition waren abschreckend genug. Jedoch mahnte Hitler immer wieder Enthaltsamkeit an oder wenigstens Mäßigung. Die tendenziell frivole, liberale Stimmung in Bars war nationalsozialistischen Ideologen zusätzlich ein Dorn im Auge. Dennoch bestanden einige Lokale weiter, wurden sogar manche neu gegründet. Doch wurden sie in der Regel entweder von Ausländern geführt, das „Sherbini“ etwa von zwei Ägyptern oder das „Quartier Latin“ von einem (angeblichen) Staatsbürger Nicaraguas. Doch als herauskam, dass es sich um einen jüdischen Rumänen handelte, der sich einen falschen Namen zugelegt hatte, musste er aus Berlin flüchten. Der beinahe allmächtige Polizeipräsident von Berlin Wolf Graf Helldorf, zugleich SA-Chef in der Reichshauptstadt, besuchte das „Quartier Latin“ regelmäßig, obwohl Braunhemden dort nicht hineinkamen – es galt Smoking-Zwang. Das störte den Lebemann nicht. Da er sich hier wohlfühlte, dürfte er den zwielichtigen Betreiber zeitweilig geschützt haben. Nach den Olympischen Sommerspielen 1936 brach der internationale Tourismus in Berlin komplett zusammen. Nur noch 26.000 Besucher aus den USA kamen 1937 nach Berlin, 1939 waren es keine 10.000 mehr. Mit der Weltoffenheit starb die Stimmung, die Bars zwingend benötigen. Das „Kakadu“ war bereits zur Weinstube umfirmiert; 1938 trat es einen Teil seiner Räume an eine Konditorei ab; der kümmerliche Rest wurde 1943 geschlossen. Das „Quartier Latin“ war nach der Flucht des Betreibers zunächst unter Leitung des bisherigen Bartenders fortgeführt worden, doch 1939 wurde es abgewickelt. Die Bar im Hotel Eden und das „Rio Rita“ existierten als Schatten ihrer selbst fort; beide gingen im Bombenkrieg unter. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.