Welt 21.12.2025
20:40 Uhr

„Verheerende Wirkung auf das demokratische Klima“ – Augstein rügt Böhmermann


Im Podcast „Ronzheimer“ spricht Spiegel-Miteigentümer Augstein über die „nationalpopulistische Revolution“, der er fast mehr Bedeutung beimisst, als dem Mauerfall. Hart geht er mit AfD-Politikerin Weidel und ZDF-Moderator Jan Böhmermann ins Gericht. Viel Lob findet er für Wladimir Putin.

„Verheerende Wirkung auf das demokratische Klima“ – Augstein rügt Böhmermann

Warum sind rechte bis rechtsradikale Politiker so viel erfolgreicher als Linke? Mit dieser Eingangsfrage begrüßte Paul Ronzheimer in seinem Podcast den Journalisten, „Spiegel“-Miteigentümer und „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein. Wir erleben eine „nationalpopulistische Revolution“, bescheinigte ihm der Verleger. Von Donald Trump über Marine Le Pen und Viktor Orbán bis Benjamin Netanjahu sei die Entwicklung spürbar. Aus seiner Sicht sei diese Bewegung „historisch fast noch bedeutsamer als der Fall der Mauer und das Ende der Sowjetunion“. Aus seiner linken Perspektive sei besagte Revolution ein Ausdruck der Krise des Kapitalismus und der marktwirtschaftlichen Gesellschaften, die es immer weniger verstanden hätten, die Zugewinne gerecht zu verteilen. Die Menschen fühlten sich entrechtet, nähmen eine zunehmende Ungerechtigkeit wahr und hätten den Eindruck, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Die Ausländerfeindlichkeit und der Wille zur Renationalisierung seien die Gemeinsamkeiten der Bewegung in den unterschiedlichen Staaten. Es handele sich um das große Versagen der Linken, keine bessere Erzählung angeboten zu haben. Rechte seien „sehr, sehr gut“ darin, Gefühle zu evozieren und zu mobilisieren. „Und darin sind die Linken offensichtlich sehr schlecht.“ Zumindest sei es der Partei um Heidi Reichinnek (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article69392a10c3b4893a9e2b3f84/heidi-reichinnek-fuer-mich-ist-das-eine-verbohrte-linke-so-wehrt-sich-ein-jurist-gegen-ihre-anzeige.html) bei der letzten Bundestagswahl gelungen, die Menschen emotional anzusprechen. „Deshalb war die Linkspartei bei Jung- und Erstwählern die erfolgreichste Partei, was ich für die beste politische Nachricht 2025 halte“, urteilte Augstein. Das AfD-Personal schien ihm dagegen weniger geheuer zu sein. Alice Weidel wirke auf ihn „bedrohlich“ und sei ihm „ernsthaft unheimlich“. „Ich glaube, dass sie vollkommen desinteressiert ist am Wohlergehen von Menschen“, schätzte Augstein ein. „Ich glaube, dass sie eine eiskalte Machtpolitikerin ist, die Macht um ihrer selbst haben will. Und ich glaube, dass sie tatsächlich die Demokratie verachtetet und das liberale demokratische System lieber heute als morgen abräumen möchte.“ Anders als Sahra Wagenknecht spiele die AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag in ihrer Partei keine One-Woman-Show. „Alice Weidel ist die Avantgarde in persona. Deshalb müssen wir sie viel ernster nehmen.“ Generell finde er interessant, dass die Rechten durchweg „völlig wahnsinnig“ seien und „politisch vollkommen geisteskranke Vorschläge“ äußerten. US-Präsident Donald Trump handele etwa wirtschaftlich und moralisch irre. „Die Engländer haben sich nicht nur in den Fuß geschossen“, führte er aus. „Die haben sich erst in den einen Fuß geschossen, dann in den anderen und sich dann praktisch beide Beine abgeschnitten mit dem Brexit – und trotzdem wollen sie wahrscheinlich den Typen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/plus69203bd5b524e0ce7f1c3a33/rechtspopulismus-wie-nigel-farage-zum-maechtigsten-politiker-grossbritanniens-wurde.html) , der ihnen das eingebrockt hat, das nächste Mal wieder wählen.“ Spiegel-Online, „der Hort der Wokeness im Journalismus“ Scharfe Kritik äußerte er dennoch am Umgang mit der AfD. „Die Behandlung der AfD durch den deutschen Journalismus halte ich für eine echte Vollkatastrophe“, beklagte Augstein. Das Phänomen sei nicht ernst genommen, Wähler als Nazis tituliert und der Versuch unternommen worden, sie „abzuspalten, wegzuleugnen, zu unterdrücken, im Prinzip auszulöschen“. „Das sind alles eure Mitmenschen. Wenn du einen Klempner bestellst, dann kommt der AfD-Typ zu dir nach Hause“, gab er zu Bedenken. „Willst du vorher sagen, wenn du AfD-Wähler bist, dann kannst du nicht mein Klo reparieren? Bist du bescheuert, oder was?“ In dieser Hinsicht sei Spiegel-Online „der Hort der Wokeness im deutschen Journalismus“, beanstandete der Verleger. Am schlimmsten finde er aber Jan Böhmermann. Der ZDF-Satiriker habe einen „verheerenden Einfluss“ auf das Denken vieler Menschen und eine ebenso „verheerende Wirkung auf das demokratische Klima in diesem Land“. Er zeichne sich durch „das woke Denken, dieses Ausschließer-Denken, das Rechthaber-Denken, dieses Eliten-Denken“ aus, bemängelte Augstein. „Das halte ich für eine echte Katastrophe, weil es die Gesellschaft spaltet und weil des den Weg verbaut, um noch zu gemeinsamen Gesprächen und Lösungen zu kommen.“ Die von ihm diagnostizierte Geisteskrankheit der Rechten endet für Augstein beim Verhältnis zur Russischen Föderation unter Wladimir Putin. „Gerade was die außenpolitische Analyse und das Russland-Bild angeht, bin ich relativ weitgehend auf AfD-Linie“, erklärte der Journalist. Der Westen zeichne sich durch „Hybris und Heuchelei“ aus, lege Doppelstandards an, indem er für eigene – insbesondere US-amerikanische – Schandtaten immer eine bessere Erklärung finde als für jene der anderen. Als äußerer Beobachter, als den er sich empfinde, seien ihm Russland und die Vereinigten Staaten „gleichermaßen fremd“. Die aktuelle Folge RONZHEIMER gibt es hier zu hören: „Ein Linker rechnet ab: AfD, Ukraine & Böhmermann. Mit Jakob Augstein“ (verlinkt auf https://shows.acast.com/ronzheimer/episodes/mit-jakob-augstein) Wladimir Putin sei zwar „eine echte Arschgeige“, ein „verrückter Imperialist, der das Großrussische Reich wiederaufbauen“ wolle, sei er jedoch nicht. Vielmehr zeige der Präsident ein „vernünftiges Muster“, zu dem etwa gehöre, dass die Ukraine nicht in die Nato komme und die Krim russisch bleiben müsse. „Ich finde, dass die Forderungen, die er hat, die Vorstellungen, die er hat, oder die Kritikpunkte, die er an der westlichen Politik hat, aus machtpolitischer Sicht total vernünftig sind“, betonte Augstein. Zur Sicherheit stellte er gegenüber Ronzheimer klar: „Ich bin nicht der Pressesprecher von Wladimir Putin – auch wenn Sie das vielleicht denken.“ Europas Rolle skizzierte er dem gegenüber als einigermaßen fragwürdig. Friedrich Merz und Ursula von der Leyen stellten Forderungen wie die Entsendung multinationaler Schutztruppen in die Ukraine auf, von denen sie wissen, dass die Russen sie nicht akzeptieren könnten. Daraus leite er ab, dass Europa in Wahrheit weiterkämpfen und die Friedensverhandlungen torpedieren wolle. Möglicherweise – so viel räumte er dann doch ein – sei Putin aber selbst nicht mehr zu Frieden in der Lage, da das System sowohl wirtschaftlich als auch mental auf Krieg umgestellt worden sei. Ein Ende der Kampfhandlungen würden in diesem Fall zu großen Unwuchten führen. „Das wäre die schlechteste Variante von allen.“