Welt 27.12.2025
07:03 Uhr

„Und ich spreche Damen auch an, wenn ich ein Teil aus meiner Kollektion an ihnen entdecke“


Der Designer Steffen Schraut lebt seit 30 Jahren in NRW, hier wurde der Schwabe in der Modeszene bekannt. Seine Produkte vertreibt er seit 2022 Jahren nur noch direkt über einen TV-Verkaufskanal mit Sitz in Düsseldorf.

„Und ich spreche Damen auch an, wenn ich ein Teil aus meiner Kollektion an ihnen entdecke“

Zum Gespräch empfängt Steffen Schraut in seinem hellen loftartigen Atelier in Düsseldorf-Oberkassel. Im Norden sieht man Flugzeuge aufsteigen, im Süden blickt man auf die wuchtige Deutschlandzentrale des Telefonriesen Vodafone. Auf einem großen Tisch liegen Stoffstücke, Accessoires und Teile der neuen Kollektion. „Hier entstehen die Ideen, die Muster, die Farben.“ Und der kreative Prozess im Atelier entschleunige ihn, so der 56-jährige Modeunternehmer.  Für ihn sei Düsseldorf „die schönste Stadt am Rhein“, sagt der in Reutlingen aufgewachsene Schraut, die weiche Aussprache der württembergischen Heimat hat er bis heute beibehalten. Doch in NRW startete er als junger Mann durch, wurde ab der Jahrtausend-Wende zu einer bekannten Figur der Düsseldorfer Modeszene. Angefangen hat er hier 1998 als Trendscout für die Modekette P&C. Schraut reiste nach Mailand, Paris und New York, machte mit einer Kamera Bilder und sammelte Inspiration. In den Schaufenstern und Verkaufsflächen internationaler Topgeschäfte wie Bergdorf Goodman in New York habe er sich nach den neusten Trends umgeschaut. „Ich war der Ideenlieferant für die Einkäufer.“ Der damalige Kö-Modezar Albert Eickhoff, zu dieser Zeit noch Chef der Einkaufsgruppe „First in Fashion“, lernte den jungen Schraut kennen und förderte ihn. Der Düsseldorfer Einzelhändler für Luxusmode wie auch andere Akteure hätten ihn damals bestärkt, sich im Bereich Mode selbstständig zu machen. Seine erste Kollektion, die aus zehn Teilen wie T-Shirts und Hosen bestand, entwarf Schraut 2002 am heimischen Küchentisch, das Unternehmen gründete er gemeinsam mit seinem Partner.  Ein Name wird zur Marke  Peter Schmidt, ein damals bekannter Künstler und Designer für Markenentwicklung, entwarf ihm das Firmenlogo: Einfach „Steffen Schraut“, jeweils sieben Buchstaben in zwei Zeilen untereinander. „Die Menschen sollten wissen, wer hinter einer Marke steht.“ Dann begann er mit dem Entwerfen von Damenmode, die Schraut im Berliner KaDeWe und dessen Ablegern in München und Hamburg in eigenen kleinen Shops platzieren konnte. Auch in den Breuninger-Kaufhäusern und einer Vielzahl von Luxusboutiquen waren seine Kollektionen zu haben, später aber auch bei Zalando und anderen Online-Händlern für Bekleidung.  International fand das junge Label schnell großen Anklang, bis nach New York, wo seine Kollektionen zu haben waren, unter anderem bei Bergdorf Goodman. „Kurz darauf waren wir bei Lane Crawford gelistet – den exklusivsten Department-Stores ganz Asiens“, blickt Schraut zurück. Mit seiner Marke für Damenmode war er bis 2021 an mehr als 500 Verkaufsstellen präsent, Frauen- und Modezeitschriften wie „Elle“ und „Vogue“ stellten den Designer und seine Kollektionen ihrer Leserschaft vor.  Doch dann erfolgte der Schritt, der viele in der Branche zunächst überraschte: Schraut schloss einen exklusiven Lizenz-Vertrag mit dem TV-Kanal QVC in Düsseldorf ab. Seit Anfang 2022 erhalten die Kundinnen seine Artikel nur noch dort. „Ich bin bei QVC der Einzige, der sich mit seiner First Line präsentiert“, betont Schraut. Denn andere Modemacher, die in Verkaufskanälen wie QVC und HSE in München verkaufen, würden dazu häufig eigens Zweitlinien auflegen. Und die seien in der Regel weniger hochwertig als die First Line. Was er mittlerweile bei QVC verkaufe, könne er im stationären Einzelhandel in dieser Anzahl kaum an die Kundinnen bringen, sagt Schraut, vor allem nicht mit der Beratung und Empfehlung für komplette Outfits oder verschiedenste Anlässe, wie er sie selbst im TV durchführt.  Seine neuen Kollektionen entstehen mit seinem kleinen Team im Düsseldorfer Loft, wo auf Ständern zahlreiche Musterteile hängen, die aber nicht fotografiert werden sollen.  Diese Ideen und Entwürfe werden im nächsten Schritt mit dem Einkauf von QVC abgesprochen und von dort auch bei verschiedenen Produzenten im In- und Ausland „geordert“, wie es im Branchenjargon heißt. Die Schuhe von Schrauts Kollektion etwa würden größtenteils beim deutschen Familienunternehmen Kennel & Schmenger in Pirmasens hergestellt, also „Made in Germany“, kosten dann aber auch 240 bis 360 Euro. Hochwertige Taschen aus italienischem Leder wiederum werden vom Familienunternehmen Abro in Süddeutschland geliefert. Die Konfektion ist da schon günstiger. Ein Blazer kostet zwischen 160 und 250 Euro, eine Bluse zwischen 70 und 130 Euro, ein Rock oder eine Hose zwischen 80 und 130 Euro. Über die Höhe des Umsatzes bei QVC wollen weder Schraut noch der Verkaufskanal sprechen. Branchenkenner gehen davon aus, dass der Düsseldorfer eine der umsatzstärksten Marken bei QVC ist und für einen zweistelligen Millionenbetrag steht. „Steffen Schraut ist unsere erfolgreichste Fashion Brand“, lässt Timo Gerlach, „Vice President Merchandise, Planning & Programming“ bei QVC Deutschland auf Anfrage ausrichten.  „Der Markt ist groß genug“  Doch wer sind die Mitbewerber, etwa Guido Maria Kretschmer? Der 60-jährige Modedesigner aus Münster ist auch viel im TV zu sehen, unter anderem als Juror in der Doku-Seifenoper „Shopping Queen“. Kretschmer macht viel Werbung und verkauft seine Kollektionen über das Hamburger Versandhaus Otto. „Der Markt ist groß genug“, sagt Schraut, auf Konkurrenten angesprochen, selbstbewusst.   Um seine Produkte zu promoten, ist Schraut 15 bis 20 Mal im Monat bei QVC persönlich „on Air“, teilweise bis zu acht Stunden am Tag. Dass er sich aus dem traditionellen Einzelhandel zurückgezogen hat, liegt auch an dessen schwieriger Lage. Seitdem Modekonzerne wie Inditex aus Spanien („Zara“ und andere Marken) oder Luxushäuser wie LVMH und Kering aus Frankreich mit ihren Marken bestimmte Segmente immer stärker dominierten, seien die Tage der Multilable-Stores ohnehin gezählt, glaubt Schraut. Hinzu kämen zunehmend gleichförmig gestaltete Innenstädte, während die Händler mit hohen Mieten und Personalmangel zu kämpfen hätten.    All diese Sorgen muss sich Schraut bei seinem Verkaufssender nicht machen. „Natürlich bin ich nicht nur Modedesigner, sondern auch Unternehmer – mit schwäbischen Wurzeln.“ Aber es brauche auch Struktur und Disziplin, um in der Branche dauerhaft zu bestehen, sagt Schraut und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Meine Mutter hat eine Blusenfabrik geführt. Deshalb habe ich mich auch der Bluse immer besonders verbunden gefühlt.“ Im Familienunternehmen war er in jungen Jahren als Produktmanager schwerpunktmäßig für die Bereiche Verkauf und Design zuständig. Nach dem Verkauf dieser Firma und seinem Umzug nach Düsseldorf begann er 1995 bei der Hirsch AG, einem Hersteller von Damenoberbekleidung, als Verkaufsleiter für Blusen. Von 1998 bis 2002 arbeitete er dann als Trendscout in der NRW-Landeshauptstadt.  Schrauts Vater war Bankdirektor, sodass er nach der Schule erst einmal eine Banklehre in Reutlingen absolvierte. „Das Kaufmännische hat mir eine sehr gute Basis verschafft.“ Das Künstlerische hat er sich dann später selbst angeeignet, eine Hose oder ein anderes Teil schneidern könne er bis heute nicht. Aber als Designer müsse man sich vorstellen, wo die modische Reise hingeht, was die aktuellen Trends sind. Ein Shooting mit Twiggy Für seine Winterkollektion hat Schraut als Testimonial die Stilikone Twiggy verpflichtet, bürgerlich Lesley Lawson. Die mittlerweile 76-jährige Britin war als ikonisches Super-Model der „Swinging Sixties“ bekannt geworden. Nun ist sie Markenbotschafterin für die aktuelle Herbst-/Winterkollektion. „Twiggy ist eine fantastische Frau, wunderbar selbstbewusst und humorvoll. Es hat großen Spaß gemacht, mit ihr zu arbeiten.“ Im Übrigen mache er Mode für alle Generationen, für Mütter und ihre Töchter, so der 56-Jährige. „Unsere On-Air-Models sind dementsprechend auch zwischen 25 und über 60 Jahre alt.“ Er freue sich immer, wenn ihn Kundinnen ansprächen, wie zuletzt in der Bahn. „Und ich spreche Damen auch an, wenn ich ein Teil aus meiner Kollektion an ihnen entdecke.“ Was Schraut kritisiert, ist „Fast-Fashion“, also billige Kleidung, die in kurzen Zyklen durch weitere Stücke ersetzt wird. „Wenn ein Teil von mir auch nach Jahren noch bei meinen Kundinnen im Kleiderschrank hängt und angezogen wird, bin ich mehr als glücklich.“  Ein Treffen in jungen Jahren mit Jil Sander Schrauts größte Stilikone ist Jil Sander, die er als Jugendlicher einmal in Italien auf einer Stoffmesse in Como getroffen und auch gleich angesprochen hat. „Ihre Klarheit und das hanseatische Understatement hat mir immer sehr gefallen.“ Alles, was sie vor Jahrzehnten designt habe, könne man nach wie vor problemlos tragen. Noch heute besitzt Schraut einen Kaschmir-Mantel von Jil Sander, deren Marke und Unternehmen längst mehrfach verkauft wurden. Die persönliche modische Leidenschaft des Designers sind Sneaker, Sportschuhe also, die im Alltag getragen werden. Mehrere 100 Paar hat Schraut mittlerweile, die genaue Zahl kennt er selbst nicht.  Einige seiner Sneaker seien inzwischen 20 Jahre alt. Er selbst sei kein „Label-Typ“ im klassischen Sinne, sagt Schraut, er entscheide bei seiner Auswahl schlicht danach, was ihm gefällt.   Gibt es denn vielleicht irgendwann wieder ein Zurück von QVC in den stationären Handel? „Zurückzugehen halte ich im Leben für keine gute Idee“, sagt der Designer. Als TV-Präsentator seiner eigenen Mode habe er sich in gewisser Weise auch einen alten Traum erfüllt: „Als Kind wollte ich Zirkusdirektor werden. Nun habe ich heute ein noch viel größeres Publikum, als eine Manege fassen könnte.“