Zwei Personen umarmen sich vor einem abgesperrten Bereich in Crans- Montana. Im Hintergrund sichern Polizisten den Ort des nächtlichen Brandes in der Bar „Le Constellation“. Blumen wurden zum Gedenken an die Opfer niedergelegt. Crans-Montana ist erstarrt. Im Schockzustand. Fassungslos. Das zeigt sich besonders an der Rue Centrale, wo am Donnerstagmorgen zahlreiche Menschen vor dem rot-weißen Absperrband stehen bleiben. „Nur Anwohnende!“, entgegnen die drei Polizisten, die den Streckenabschnitt rund um die Bar „Le Constellation“ kontrollieren. Dort, wo wenige Stunden zuvor Dutzende Menschen in der Silvesternacht durch ein Feuer ums Leben kamen (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article69561361f6fc544dba9b8ff6/crans-montana-dutzende-tote-bei-explosion-waehrend-neujahrs-party-in-schweizer-skiort.html) . Die Bar ist weiträumig abgesperrt und mit Sichtschutz abgeschirmt. Es riecht verbrannt, und an den Gittern werden erste Blumen angebracht. „Es ist tragisch, so tragisch“, sagt ein älterer Herr auf Italienisch, der in Crans-Montana lebt. Im ganzen Dorf stecken die Einheimischen die Köpfe zusammen, tauschen sich über Neuigkeiten zur Tragödie aus, schicken sich die neusten News per Whatsapp zu. Oder fragen nach, ob es den Anwohnenden und Gewerbetreibenden rundherum gut geht. Denn die Brandkatastrophe ereignete sich mitten im Dorf – während Tausende im beliebten Ferienort ins neue Jahr feierten. Unter den Todesopfern sollen Minderjährige sein Die Menschen in Crans-Montana fragen sich: Wie konnte das passieren? Auch die Behörden gaben am Donnerstagvormittag an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz kaum Informationen bekannt. Auch keine genauen Zahlen über die Anzahl Todesopfer und Verletzte. Auch deshalb, weil das Identifizieren der Brandopfer viel Zeit benötigt und zuerst die Familien benachrichtigt werden sollen. Doch eines ist früh klar: Die Tragödie ist von gewaltigem Ausmaß. Augenzeugen berichten von Szenen wie aus dem Krieg – wenige Minuten nach der Explosion sei schwarzer Rauch aus der Bar aufgestiegen, brennende Menschen rannten schreiend hinaus, andere lagen leblos auf dem Boden. Auch Rayan Guiren, 18 Jahre alt, war in der Nähe, als es brannte. Er feierte in einer nahegelegenen Bar den Silvesterabend und ist oft Stammgast im „Le Constellation“. „Als wir dahin kamen, lagen überall Menschen mit Verbrennungen und verbrannten Kleidern am Boden. Verzweifelte Eltern versuchten in die Bar zu gelangen, um nach ihren Kindern zu sehen“, berichtet Guiren. An diesem Abend seien viele Gäste zwischen 15 und 20 Jahre alt gewesen, sagt Guiren. Die Polizei habe die Menschen aber davon abgehalten, zurück in die Bar zu laufen. Auch zwei Freunde von Guiren waren dort – sie sind jetzt im Spital. Die Polizei spricht von mehreren Dutzend Toten. Das jüngste Opfer soll laut RTS gerade mal 16 Jahre alt sein. Und rund 100 Verletzten. Sie wurden die umliegenden Spitäler oder direkt in die Zentren für Brandverletzungen nach Lausanne und Zürich geflogen. 40 Ambulanzen waren im Einsatz und 10 Helikopter, die in der ganzen Region zu hören waren. „Ich war schon im Bett aber hab die Helikopter die ganze Nacht hindurch gehört“, sagt eine junge Frau, die mit ihren Freunden vor dem Absperrband versucht zu erfassen, was in der Nacht geschehen ist. „Wir waren ebenfalls unterwegs und wollten eigentlich in eine der Bars – aber die Schlangen waren zu lang“, sagt ihr Kollege. Es herrschten Minustemperaturen, „uns war kalt, also wollten wir nach Hause.“ Auf dem Heimweg kamen sie auch an der Bar „Le Constellation“ vorbei, „aber es hatte auch dort eine lange Schlange. Also gingen wir weiter.“ Nun sind sie wieder hier auf der Straße, um ihre Freunde zu treffen. Um sicherzugehen, dass keine unter den Opfern sind. „Aber noch gibt es keine Listen über die Opfer. Vielleicht waren Freunde von uns da, wir wissen es nicht.“ Sein Kollege ergänzt: „So ins neue Jahr zu starten“ – er schluckt leer. Und seufzt. Das Dorf war in der Silvesternacht gefüllt mit Feiernden, Einheimische wie Touristen. Hunderte hatten sich zunächst auf dem Victoria-Platz versammelt, auf dem DJs mit lauter Musik und Lichtshow die Menge bis 1 Uhr morgens ins neue Jahr anfeuerte. Danach, so ist das in Crans-Montana Gang und Gäbe, verlagerte sich die Party in die Bars und Clubs. Das „Constellation“ ist vor allem bei Jungen beliebt und gilt für internationale Gäste als „Place to Be“. Es gehört einem französischen Ehepaar aus Korsika, das in der Region mehrere Lokale besitzt. Das Lokal bietet Platz für rund 300 Personen. Wie viele sich in der Silvesternacht darin befanden, ist unklar. Die Menschen im Dorf reden von mehreren hundert, doch sie treibt vor allem das Sicherheitskonzept um. „Es gibt dort nur einen einzigen Ausgang“, sagt ein junger Einheimischer, der auch schon in der Bar war. Er und seine Freunde behaupten, es habe keinen Notausgang. Bestätigen lässt sich diese Angabe bislang nicht. Doch es sind genau jene Fragen, die in den nächsten Tagen geklärt werden müssen: Wie sah das Sicherheitskonzept der Bar aus? Wurden zu viele Personen reingelassen. Gerüchte gehen durch das Dorf Im Zentrum steht vorerst aber die Frage, warum es gebrannt hat. Zahlreiche Gerüchte gehen durchs Dorf, bislang sind es Mutmaßungen. Zunächst ist von Pyrotechnik die Rede, dann von Wunderkerzen. Noch haben die Behörden keine Ursache bekannt gegeben. Während die Behörden und Spitäler mit Hochdruck daran arbeiten, die Brandopfer zu identifizieren und die teils schwer Verletzten zu betreuen, spürt man in Crans-Montana auch große Solidarität. Viele Lokale an der Rue Centrale sind am Donnerstag geschlossen, und die wenigen, die geöffnet sind, werden zum Treffpunkt für die Einheimischen. „Gehts dir gut?“, fragt ein Mann die Besitzerin des Café und Restaurant „Plaza“, keine 200 Meter von der Bar „Constellation“ entfernt. Immer wieder kommen Bekannte vorbei, um nach ihr zu fragen. „Mir geht es ok“, sagt sie, man umarmt sich, spendet sich Trost. Mit den Journalistinnen sprechen möchte sie nicht, auch nicht am Telefon, das immer wieder klingelt. „Bin zu aufgewühlt“. Und schließlich müsse sie ihre Gäste bedienen. Der Betrieb in Crans-Montana geht schließlich weiter. Zumindest ein Stück weit. Vor dem Plaza pilgern zahlreiche Schneesportler mit Ski auf der Schulter am Absperrband vorbei in Richtung Gondelbahn. Vorbei an jenen Menschen, die immer noch ungläubig in Richtung Constellation blicken. Eine Frau bleibt kurz nahe Absperrband stehen, bekreuzigt sich, und geht weiter. Dieser Text (verlinkt auf https://www.tagesanzeiger.ch/crans-montana-nach-der-brandtragoedie-tote-in-silvesternacht-735964635319) erschien zuerst beim Schweizer Tages-Anzeiger, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance (LENA).