Luisa Neubauer zeigte sich noch ganz beseelt. Vier Wochen lang hatte die Klima-Aktivistin an einer Expedition der Segelyacht „Malizia Explorer“ durch die Antarktis teilgenommen. Es habe sich „außerplanetar“ angefühlt, schwärmte sie nun wenige Tage nach ihrer Rückkehr im „Heimspiel“ des Podcasts „Apokalypse & Filterkaffee“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/0CZxwX5KcLvk03ESlRFegn) , „weil so wenig Filter ist zwischen einem selbst und der Welt.“ Ihr sei aufgefallen, „wie viel Rauschen normalerweise um einen herum ist: Bildschirme, Werbetafeln, Screens, Gespräche, Menschen, Verkehr, die ganze Welt, die wir aufgebaut haben, steht ja normalerwiese zwischen uns und der eigentlichen Welt – dem Planeten.“ Als „bahnbrechend schön“ beurteilte sie die Gletscher der Antarktis, „als hätte der Planet eine Ausstellung für uns eröffnet“. In ihren Vorträgen hätte sie nur selten auf das schmelzende Eis hingewiesen, weil sie es als zu „kitschig“ und „pathetisch“ empfunden habe. Nun habe sie den gesamten Tag mit anhören können, wie das Eis breche und schmelze. „Total schön und total weltschmerzend“ sei es, sich dort aufzuhalten, schilderte sie gegenüber Moderator Wolfgang Heim. Eingebettet in die wissenschaftliche Expedition des Segelsport-Teams Malizia war das pädagogische Projekt „Das globale Klassenzimmer“. Neubauer unterrichte Schüler in Live-Schalten zum Klimawandel. Bereits beim ersten Termin habe sie 1300 Zoom-Kacheln gegenüber gesessen. Mehr als 3000 Schulen hätten sich letztlich beteiligt. „Das war so phänomenal als Erfahrung von globalem Lernen.“ „Die Idee ist bei den Expeditionen auf dem Boot, der ‚Malizia Explorer‘, dass man Wissenschaft sofort mit den Menschen denkt, mit der Kommunikation“, schilderte Neubauer. „Deswegen waren auch Menschen wie ich dabei, die unterstützt haben bei der Forschung, aber vor allem auch da waren, um etwas von der Welt dort in die andere Welt zu tragen.“ Dass besagte andere Welt ihren Einsatz nicht ausschließlich goutiert, weiß auch Neubauer. „Ich bin Klima-Aktivistin aus voller Überzeugung“, insistierte sie, doch dafür zahle sie einen „unglaublichen persönlichen Preis“. Sie sei Anfeindungen ausgesetzt, müsse bei Protesten auf Personenschutz zurückgreifen und habe in den vergangenen Jahren mehr Gespräche mit dem LKA geführt als mit ihrem Hausarzt. Die „kleine Fraktion von wütenden, aggressiven und – man muss jetzt sagen – 99 % Männern im Internet, die mir und vielen anderen jungen Frauen das Leben schwer machen“, empfinde sie als nervig und bedrohlich. Die allermeisten Menschen, die sie treffe, seien jedoch wunderbar, betonte die Klimaschutzaktivistin mehrfach im Gespräch. Etwa die „fantastischen Menschen“ von der Organisation HateAid (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/plus694fee22ba368aa0126a487a/hateaid-der-zensurbalken-im-eigenen-auge.html) , mit denen sie im Kampf gegen Hate Speech zusammenarbeite. „Viele hunderte Strafanzeigen“ hätte diese an die zuvor charakterisierte kleine Fraktion verschickt. Damit erzeuge sie einen „totalen Abschreckungseffekt“, erklärte Neubauer, da besagte „ganz klein mit Hut“ würden, wenn sie Anwaltsposten bekämen. Wolfgang Heim sprach sie auch auf die sich wandelnde Rezeption der einst für Schulstreiks bekannt gewordenen Bewegung „Fridays for Future“ an. Vom früheren Schwung sei ebenso wenig übrig geblieben wie von der positiven Resonanz, konstatierte der Journalist. „Das ist eine These, der ich natürlich fundamental widersprechen würde“, konterte Neubauer. Es werde schnell vergessen, dass „wir in unserem Alltag, in unserer politischen Realität in Utopien von vor zehn Jahren leben.“ Was vor wenigen Jahren als naiv oder radikal deklariert worden sei, werde heute als Selbstverständlichkeit erachtet. „Das Wetter macht es einem auch einfach, das Klima-Problem ein Stück weit nach hinten zu schieben“, setzte Heim mit Blick auf das vereiste Berlin erneut an. Doch Neubauer bewahrte sich ihre Zuversicht. „Es ist wichtig anzuerkennen, auch aktuell gibt es in Deutschland mehr Klimaschutz, wichtige Auflagen, Gesetze, Veränderungen, auch eine anhaltende Transformation, als zu irgendeinem Zeitpunkt in der Bundesrepublik.“ Oft werde angesichts der „wahnsinnig schwierigen Zeiten“ übersehen, dass die Emissionen sinken und die Energiewende schneller vorangehe als je zuvor. „Es gibt nicht nur Donald Trump, es gibt so viel anderes.“