Welt 16.02.2026
07:31 Uhr

Sturm aufs Kanzleramt – „Politiker und Narren haben eine Menge gemeinsam“


Die Minister trauten ihren Augen nicht: Zur letzten Kabinettssitzung vor der „fünften Jahreszeit“ 1976 salutierten ihnen am Eingang zum Kanzleramt Garden statt Grenzschützer. Hausherr Helmut Schmidt machte nach einer Schrecksekunde gute Miene zum karnevalistischen Spiel.

Sturm aufs Kanzleramt – „Politiker und Narren haben eine Menge gemeinsam“

Begeisterung sieht anders aus. Ausgesprochen missmutig schauten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (verlinkt auf https://www.welt.de/print/wams/politik/article153931529/Er-vertraute-seinem-Instinkt.html) und Bundeskanzler Helmut Schmidt (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article148624376/Nachruf-auf-Helmut-Schmidt-Ein-Hanseat-eigentlich-ein-Preusse.html) , als der AP-Fotograf Klaus Schlagmann auf den Auslöser seiner Kamera drückte. Der FDP-Politiker und Vizekanzler stützte sein offenbar schweres Haupt in die rechte Hand, der SPD-Regierungschef schaute an seinem Koalitionspartner vorbei auf den Kabinettstisch. Im Hintergrund grinsten Karnevals-Ehrenpräsident Erwin, Prinz Werner und Wäscheprinzessin Christina. Im offiziellen Protokoll der Kabinettssitzung (verlinkt auf https://kabinettsprotokolle.bundesarchiv.de/protokoll/ee12c8bc-b32c-4a1d-b3f1-96da08baf82f) schlug sich das erste Highlight des Tages nicht nieder: Aus Anlass der „fünften Jahreszeit“ hatte eine Gruppe Bonner Narren das Bundeskanzleramt gestürmt, das noch im spätklassizistischen Palais Schaumburg seinen Sitz hatte – das nebenan gelegene neue Bonner Kanzleramt war noch im Bau. Als die Minister wie üblich kurz vor neun Uhr eintrafen, fanden sie das Kanzleramt von Narren besetzt. Am Eingang waren anstelle der üblichen Posten des Bundesgrenzschutzes Gardisten aus dem Gefolge des Prinzen. Weitere Karnevalisten besetzten den Kabinettsaal und nahmen zunächst sogar den Platz des Kanzlers ein, der wie üblich als letzter erschien. Schmidt war offenbar ebenso wenig informiert wie Genscher, wer zu Besuch kommen wollte. Jedenfalls wirkten beide überrascht – und brauchten einen Moment, um gute Miene zum (mehr oder minder lustigen) Spiel machen. Da zu Beginn der meisten Kabinettssitzung Fotografen und zwei Kamerateams zugelassen waren, gab es Bilder und Eindrücke vom närrischen Treiben. Dennoch fand sich kein Wort im offiziellen Protokoll, das an diesem Mittwoch der Jurist Johann-Ferdinand Ritter und Edler von Peter (verlinkt auf https://kabinettsprotokolle.bundesarchiv.de/register/person/ae662cbd-b325-4d12-a378-a772dfb057c7) aus dem Referat 51 des Kanzleramts führte. So „verschwanden“ 35 Minuten: Das Treffen der Minister war wie gewohnt pünktlich für neun Uhr morgens einberufen, doch in den ersten Punkt der Tagesordnung trat die Bundesregierung laut Protokoll erst um 9.35 Uhr ein. In der guten halben Stunde dazwischen geschah so einiges, und vor allem viel, was es im ehrwürdigen Dienstsitz des Kanzlers noch nie gegeben hatte. Zum Beispiels überreichte der Hofstaat dem Kanzler als Gastgeschenk eine Drei-Liter-Flasche Kräuterschnaps der Marke „ Alter Kanzler (verlinkt auf https://www.alamy.com/altbundeskanzler-ludwig-erhard-bei-der-verkostung-des-neuen-kruterlikrs-alter-kanzler-im-jahr-1976-inmitten-einer-geselligen-runde-probiert-erhard-an-einem-festlich-gedeckten-tisch-das-produkt-flankiert-von-weiteren-herren-im-anzug-sowie-zwei-jungen-frauen-in-regionaler-tracht-im-vordergrund-steht-eine-bergroe-werbeflasche-des-likrs-die-szene-wirkt-werblich-inszeniert-und-betont-den-markennamen-auf-flasche-und-tischaufsteller-image681393123.html?imageid=5AE4B719-BCED-4A24-978B-A3C4274CEF0D&pn=1&searchId=f31c1bafa624cb592d6af8dd25e11221&searchtype=0) “. Schmidt versuchte vergebens, mit der linken Hand das Wort „Alter“ auf dem Etikett vor den Kameras zu verbergen. Dann sprang das Funkenmariechen Lydia mit einem Satz auf den hellbraunen Kabinettstisch, wirbelte ihre Beine durch die Luft und ließ sich im Spagat vor Schmidt und Genscher nieder, der Länge nach auf dem Möbel. Inzwischen hatte sich der hanseatisch-kühle Schmidt wieder ganz im Griff. Mit einem kurzen, energischen „Katharina, du auch“ forderte er Gesundheitsministerin Focke zur Nachahmung auf. Doch die 53-Jährige, wiewohl direkt gewählte Abgeordnete aus Köln, weigerte sich. Damit nicht genug. Die „Vier Sternenburger Sänger“ nutzten das selbst verliehene Privileg des Narrentums, um die neben Katharina Focke (verlinkt auf https://kabinettsprotokolle.bundesarchiv.de/register/person/d798af83-6482-4b9e-9951-581681f3ce4b) beiden anderen offenbar anwesenden Damen, die Parlamentarische Staatssekretärin im Kanzleramt Marie Schlei (verlinkt auf https://kabinettsprotokolle.bundesarchiv.de/register/person/e54bad8d-3860-4702-9fbd-3dfecb4b605a) und die (auf der Teilnehmerliste allerdings gar nicht verzeichnete) Bundestagspräsidentin Annemarie Renger (verlinkt auf https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/05-annemarie-renger-405196) einigermaßen unziemlich zu preisen: „Das machen nur die Beine von Frau Renger, die sind was länger als die der Schlei.“ Der Kanzler, durchaus fähig zu robusten, nicht ganz stubenreinen Altherrenwitzen, schaute ostentativ unter den Kabinettstisch, um die Wahrheit dieser Behauptung zu überprüfen. Dann gab es noch zusätzlich zum Kräuterschnaps für Schmidt noch einige Orden und Küsschen. Für eher gequältes als erlösendes Gelächter bei seinen Ministern sorgte er mit der schlagfertigen Bemerkung: „Politiker und Narren haben eine ganze Menge gemeinsam – beide sind närrisch. Nur die Narren sind es mit Absicht.“ Anschließend gratulierte er dem Bundesfinanzminister Hans Apel (verlinkt auf https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2011/35596245_kw36_hans_apel-206162) zum 44. Geburtstag an ebendiesem Mittwoch – das übrigens verzeichnete Protokollant von Peter. Dann wurden die Narren und die Journalisten mehr oder minder höflich aus dem Saal gedrängt, und um 9.35 Uhr konnte endlich die Arbeit der Bundesregierung beginnen. Besonders Wichtiges stand nicht auf der Tagesordnung. Marie Schlei berichtete über die Themen der kommenden Sitzungswoche im Bundestag und die Kleinen Anfragen, die CDU/CSU-Abgeordnete an die Regierung gestellt hatten. Hans-Dietrich Genscher informierte über die Beziehung zu Polen und ging kurz auf das Streitthema Vermögensbildung ein. Entwicklungshilfeminister Egon Bahr dementierte Gerüchte über Mittelkürzungen für mehrere afrikanische Länder – und musste sich vom Kanzler (der den Vertrauten seines Vorgängers Willy Brandt nicht ausstehen konnte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article251782164/Brandt-und-Schmidt-1974-Wie-ein-gescheiterter-Kanzler-seine-Mitarbeiter-versorgte.html) ) auffordern lassen, „unzutreffenden Behauptungen in der Öffentlichkeit nachdrücklich entgegenzutreten“. Eine Reihe von Personalien nickte das Kabinett ab, der Entwurf eines Jugendschutzgesetzes wurde nach kurzer Debatte an die Fachpolitiker zurückverwiesen. Dann hörten die Minister noch Berichte über Tagungen in Brüssel, sprachen über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und den Radikalenerlass gegen Verfassungsfeinde im Staats, allerdings ohne einen Beschluss, und legten die Termine der kommenden Sitzungen fest. Um 13 Uhr, nach knapp dreieinhalb Stunden, löste sich die Runde auf. An reguläre Arbeit war in Bonn an diesem Nachmittag allerdings ebenso wie an den folgenden Tagen kaum zu denken, weder im Bundestag noch in den Ministerien. Denn tatsächlich dominierten die Narren bis zum Aschermittwoch das Leben am Rhein. WELT jedoch, obwohl seit 1975 in der provisorischen Bundeshauptstadt beheimatet, erschien dennoch weiter. So erfuhren die Leser in der nächsten Ausgabe vom Bonn-Insider Maynhardt Graf Nayhauss (verlinkt auf https://www.hdg.de/lemo/biografie/mainhardt-graf-von-nayhauss.html) , dass Schmidt wenige Stunden nach der Kabinettssitzung in seine Heimat Hamburg geflüchtet war, wo er am traditionsreichen Matthiae-Mahl im Rathaus teilnahm. Nayhauss erwartete ein Experiment vom Kanzler: „Neuerdings trägt er übrigens zum Smoking eine betont modische Fliege, einen so breiten Propeller, wie ihn sich gewöhnlich nur die Leute vom Show-Business unters Kinn binden.“ Ganz fern lag dem kühlen Hanseaten das Verkleiden also auch nicht. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. In den späten 1990er-Jahren musste er mit Hinweis auf seine schwerwiegende Karnevals-Allergie ein an sich attraktives Stellenangebot in Köln dankend ablehnen.