Routine – was denn sonst? Immerhin war es schon der 25. Start eines Space Shuttles und der zehnte Flug der „ Challenger (verlinkt auf https://sma.nasa.gov/SignificantIncidents/assets/rogers_commission_report.pdf) “, der zweiten voll einsatzfähigen Raumfähre der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Also hatte Präsident Ronald Reagan (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article252063846/Ronald-Reagan-Wir-beginnen-in-fuenf-Minuten-mit-Bombenangriffen-auf-die-Sowjetunion.html) an diesem 28. Januar 1986 Wichtigeres zu tun als vor dem Fernseher das Abheben zu verfolgen. Er saß mit einigen Mitarbeitern im Oval Office und bereitete seine Rede zur Lage der Nation am selben Abend vor. Bis, ja, bis um 11.40 Uhr Ortszeit Vizepräsident George H. W. Bush (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article243670809/Seit-Reagan-Lass-dich-nicht-unterkriegen-Briefe-der-US-Praesidenten-an-Nachfolger.html) mit versteinertem Gesicht hereinkam und sagte: „,Challenger‘ ist explodiert.“ Genauso erschüttert waren fast alle Amerikaner und die meisten Menschen rund um die Welt. Viele Millionen hatten den Start, obwohl „Routine“, live im Fernsehen verfolgt, viele tausend weitere trotz eisiger Temperaturen vor Ort in Florida. Zu ihnen zählten viele Angehörige der Astronauten an Bord des Space-Shuttles, die auf der Ehrentribüne saßen. Sie verfolgten, wie um genau 11.38.00 Uhr die drei Haupttriebwerke der „ Challenger (verlinkt auf https://www.nasaspaceflight.com/2011/01/1983-1986-missions-history-space-shuttle-challenger/) “ zündeten und unmittelbar darauf die beiden Feststoff-Booster seitlich des Außentanks. 0,68 Sekunden später, das zeigte die spätere Analyse von TV-Bildern, trat aus dem rechten der Booster grauer Rauch aus, in der Nähe der hinteren Strebe, die von der wiederverwendbaren Startrakete zum Außentank für die Flüssigkeitsraketentriebwerke der Fähre führte. Acht weitere kleine Rauchwolken folgten in den nächsten 2,7 Sekunden. Doch das fiel (noch) niemandem auf. Aus dem Cockpit teilte „Challenger“-Pilot Michael Smith (verlinkt auf https://www.nasa.gov/wp-content/uploads/2016/01/smith_michael.pdf?emrc=a77341) nach dem Abheben mit, dass alle Systeme normal liefen. Er leitete wie gelernt (es hätte der erste Raumflug des erfahrenen Navy-Kampffliegers sein sollen) die Rotation des gesamten Raumschiffs ein. Knapp 59 Sekunden nach der Zündung erfasste eine Kamera die Entstehung einer Flamme nahe der hinteren Befestigungsstrebe des rechten Boosters – genau dort, wo es zuvor die Rauchwolken gegeben hatte. Fast genau sieben Sekunden später war die Außenhaut des mit flüssigem Wasserstoff gefüllten Tanks aufgerissen. Im nächsten Moment, 68 Sekunden waren seit dem Zünden vergangen, wies der „Capcom“, der am Boden für die Kommunikation mit dem Raumschiff zuständige Astronaut (diese Aufgabe übernahm bei der Nasa immer ein ausgebildeter Raumfahrer) das Cockpit an: „Vollgas!“ Kommandant Francis Scobee (verlinkt auf https://www.nasa.gov/wp-content/uploads/2016/01/scobee_francis.pdf?emrc=da46ab) bestätigte: „Verstanden, Vollgas!“ Dies war die letzte Kommunikation der „Challenger“-Besatzung mit der Bodenkontrolle. 72,3 Sekunden nach der Zündung riss die hintere Strebe des rechten Boosters zum Außentank. Auf dem Mitschnitt der Mikrofone der Besatzung war – wohl von Michael Smith – ein kurzes „Oh oh“ zu hören. Dann verdampfte der eiskalte flüssige Wasserstoff im unteren Bereich des Tanks teilweise schlagartig in einer riesigen weißen Wolke, teilweise detonierte er sogar. Das Space-Shuttle war in diesem Moment in einer Höhe von 14 Kilometern knapp unter zweifacher Schallgeschwindigkeit schnell. Doch auf die extremen Kräfte, die nun auftraten, war die Struktur des Raumschiffs nicht ausgelegt: Die „Challenger“ zerbrach in mehrere große Teile: Ein Flügel, die Haupttriebwerke, die Besatzungskabine und weitere Trümmer flogen aus der Dampfwolke weiter. Beide Booster stiegen ohne Last erst einmal weiter, bis Sicherheitsladungen sie zerstörten und ins Meer stürzen ließen. Die besonders verstärkte Kabine der Besatzung überstand das Zerbrechen und folgte nun ohne Antrieb den Gesetzen der Physik: Etwa 25 Sekunden nach der Katastrophe erreichte ihre bogenförmige Bahn bei rund 20 Kilometern Höhe den Scheitelpunkt, dann begann sie zu fallen. Für wenige Sekunden hatte auf die sieben Astronauten das Zwölffache der Erdbeschleunigung eingewirkt, dann „nur“ noch das Vierfache und innerhalb von zehn Sekunden befand sich die Kabine im freien Fall. Diese Kräfte reichten wahrscheinlich nicht aus, um der Besatzung schwere Verletzungen zuzufügen, denn alle sieben war körperlich hochtrainiert. Mindestens ein Teil der Besatzung war nach dem Auseinanderbrechen der Kapsel noch bei Bewusstsein, da für Smith und zwei weitere, nicht identifizierte Besatzungsmitglieder die persönlichen Notfall-Atemgeräte aktiviert wurden. Außerdem fanden sich bei der späteren Untersuchung Hinweise, dass der Pilot versucht hatte, die Stromversorgung des Cockpits auf Batterie umzuschalten. Etwa 165 Sekunden nach dem Auseinanderbrechen der „Challenger“ schlug die Besatzungskabine mit einer Geschwindigkeit von rund 90 Metern pro Sekunde auf der Wasseroberfläche östlich von Florida auf. Dabei traten rechnerisch Kräfte von bis zu 200-facher Erdbeschleunigung auf: Das konnte niemand überleben. Die sterblichen Überreste der sieben wurden bis Mitte April geborgen, doch bei keinem der Astronauten konnte gerichtsmedizinisch eine Todesursache festgestellt werden – dafür waren die Leichname zu sehr zerschmettert. Die intensive Untersuchung der Ursache des Desasters begann sofort. Flugdirektor Jay Greene (verlinkt auf https://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/GreeneJH/GreeneJH_11-10-04.pdf) hatte unmittelbar nach dem Zerbersten des Space-Shuttles den Notfallplan ausgelöst, der zeitgleich mehrere verschiedene Maßnahmen vorsah: erstens das Verriegeln aller Türen des Kontrollraums sowie das Abschalten der Telefone nach außen, um das Herausdringen von Informationen (oder Gerüchten) zu verhindern. Zweitens das „Einfrieren“ der Computer, um untersuchungsrelevante Daten zu sichern. Drittens die Mobilisierung von Rettungsmaßnahmen für die vermisste Besatzung – die bereitstehende C-130 Überwachungsmaschine startete, und mehrere Schiffe der Küstenwache liefen aus. Viertens die Betreuung der Angehörigen im Kennedy Space Center und an den Heimatorten. Fünftens schließlich die Information des Weißen Hauses. Letzteres war überflüssig, denn den Präsidenten hatte schon George H. W. Bush unterrichtet. Reagan zog sich in sein privates Büro neben dem Oval Office zurück und schaute mit einigen engen Vertrauten wie Stabschef Don Regan, Kommunikationschef Pat Buchanan und dem Nationalen Sicherheitsberater John Poindexter mehrfach ungläubig die Aufzeichnung des Desasters an. Erst bei der Untersuchung der Katastrophe wurde die Serie von Fehlern und Missgeschicken bekannt, die das zweite einsatzfähige Space-Shuttle von Beginn an verfolgt hatten. Wegen eines Lecks in der Treibstoffversorgung war schon der Jungfernflug der Raumfähre, eigentlich geplant für den 20. Januar 1983, verschoben worden. Erst nachdem eines der Triebwerke ausgewechselt worden war, wurde ein erneuter Startversuch angesetzt, doch auch dieser musste am 25. Januar abgebrochen werden. In den folgenden Monaten zeigte sich, dass sogar alle drei Haupttriebwerke unbrauchbar waren. Das erste musste ins Herstellerwerk zurückgebracht werden. Dort war bei der Montage ein unachtsamer Kranführer mit einem Haken an die Düse gestoßen und hatte einen Riss verursacht, der nur mangelhaft repariert worden war. Bei den beiden anderen Triebwerken wurden Haarrisse im Röhrensystem festgestellt. Das Space-Shuttle „Challenger“, also auf Deutsch „Herausforderer“, wurde zur Herausforderung für die Nasa. Erst am Ostermontag, dem 4. April 1983, war es endlich so weit: Nachdem der Start insgesamt sechsmal verschoben worden war, hob die Raumfähre mit mehr als zehn Wochen Verspätung zu ihrem Erstflug ab. Danach war man bei der Nasa erleichtert. Die zweite Mission der Raumfähre im Juni 1983 wurde ein voller Erfolg. Doch bereits der dritte Start am 30. August desselben Jahres zeigte wieder die Schwachstellen dieser Raumfähre. Pilot Daniel Brandenstein sagte nach der Rückkehr vor Journalisten: „Wenn das Raketentriebwerk nur 2,7 Sekunden länger gebrannt hätte, wären wir alle vielleicht tot.“ Die Nasa setzte bei ihren Sicherheitsvorkehrungen immer darauf, dass das Risiko für einen Unfall während der Startphase äußerst gering sei. Auf Schleudersitze oder ein Rettungssystem für die ganze Besatzungskabine war verzichtet worden – bei vorherigen Nasa-Missionen „Mercury“ und „Apollo“ hatte es Rettungsraketen gegeben, beim „Gemini“-Programm Schleudersitze. Beim Space-Shuttle gab es weder das eine noch das andere. Zwar existierten vier verschiedene und theoretisch geübte Verfahren zum Abbruch des Fluges nach dem Abheben. Doch für ein Szenario wie am 28. Januar 1986 eignete sich keines davon. Im Laufe umfangreicher Untersuchungen wurde in den kommenden Monaten schließlich festgestellt, was genau geschehen war: Die Dichtungsringe zwischen den verschiedenen Segmenten der Booster, notwendig für die Wiederbefüllung zur Mehrfachnutzung, gaben beim Start um bis zu 1,3 Millimeter nach. Pro Übergang gab es zwei solche Dichtungen, die allerdings nur für Temperaturen zwischen vier und 32 Grad Celsius zertifiziert waren. Mindestens beim zweiten und beim zwölften Space-Shuttle-Flug versagte je einer der Dichtringe an einer Verbindung. Dadurch aufmerksam geworden, wurden die Kontrollen verschärft. Nun stellte man fest, dass bei acht der neun Missionen des Jahres 1985 die Dichtringe zwischen den Booster-Elementen mehr oder minder stark versagt hatten – und umso stärker, je kälter es beim Start gewesen war. Für den 28. Januar 1986 wurde eine Temperatur von nachts minus acht Grad Celsius vorhergesagt, um sechs Uhr morgens sollten es immer noch minus sechs Grad sein und zum geplanten Startzeitpunkt um 9:38 Uhr minus drei Grad. Deshalb rieten mehrere Ingenieure des Chemiekonzerns Morton Thiokol, der die Booster herstellte, von einem Start ab. Am Abend des 27. Januar fand eine Telefonkonferenz dazu statt. Die Fachleute befürchteten, dass die Dichtringe zum Startzeitpunkt ihre Funktion eventuell nicht erfüllen könnten. Ihnen stünden nicht genügend Daten zur Verfügung, da es bisher keinen Shuttle-Start bei weniger als zwölf Grad Celsius gegeben hatte. Die „Challenger“ stand derweil ohne jeden Schutz auf der Startrampe; am Morgen des 28. Januar 1986 fotografierte ein Nasa-Mitarbeiter Eiszapfen am Metallgerüst, das die vierteilige Konstruktion aus Shuttle, Außentank und zwei Startraketen stützte. Tatsächlich kühlten die Dichtringe zwischen zwei der unteren Elemente des rechten Boosters so stark ab, dass beide Risse bekamen. Nach Zündung drangen zunächst geschmolzene Aluminiumoxide aus dem Festtreibstoff hier ein und dichteten die versagenden Ringe für kurze Zeit ab – das war der graue Rauch, der in den ersten Sekunden auftrat. Doch dieser Schutz vor dem extrem heißen Verbrennungsgas wirkte nur kurz, genau genommen knapp 59 Sekunden. Nun traten Flammen aus dem Booster, trafen den Außentank, brannten ein Leck hinein und lösten nach 72 Sekunden die fatale Explosion aus. Die sterblichen Überreste der sieben toten Astronauten wurden unter einem Mahnmal auf dem US-Nationalfriedhof Arlington bei Washington D.C. beigesetzt. Das Shuttle-Programm blieb mehr als zweieinhalb Jahre unterbrochen, in denen die Feststoff-Booster vollständig neu entwickelt und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergänzt wurden. Doch längst hatte sich gezeigt, dass die zentrale Kalkulation des Programms falsch gewesen war: Statt die Kosten pro Kilogramm in den Weltraum transportierter Masse schrittweise in Richtung 200 Dollar pro Kilogramm zu senken, stiegen sie auf schließlich bis zu 16.000 Dollar. Nach der zweiten Katastrophe mit der Explosion der „Columbia“ Anfang 2003 folgten bis 2011 noch 22 weitere Flüge. Dann endete das Space-Shuttle-Programm nach 133 Raumflügen und zwei Totalverlusten mit insgesamt 14 Toten.