Auf dem Flur der Beratungsgesellschaft am Neuen Wall, die auch den Namen von Ole von Beust trägt, läuft Hund Wookie aufgeregt hin und her. „Ich habe ihn seit rund vier Jahren, sein Züchter hat ihn so genannt, weil er nach seiner Geburt schnell so viel braunes Fell hatte“, erzählt Hamburgs früherer Bürgermeister. Nachdem sich Hund und Herrchen schnell auf mehr Ruhe geeinigt haben, geht es um das neue Buch des 70-Jährigen, der noch als Anwalt und Unternehmensberater tätig ist. „Am Ende des Tages: Politische Floskel von A bis Z“ (Herder-Verlag, 18 Euro) heißt es. Wie in einem Wörterbuch wird hier klassisches Polit-Sprech erläutert, von A wie Agenda bis Z wie zielführend. Manchmal anekdotisch-lustig, aber für von Beust steht mehr dahinter – denn gerade die Demokratie lebe von einem verständlichen Austausch. WELT AM SONNTAG: Herr von Beust, ich rufe Ihnen herzliche Worte der Begrüßung zu! Ole von Beust: Danke! Und ich sehe, Sie haben mein Buch tatsächlich gelesen. WAMS: Selbstverständlich. In einem Abschnitt behandeln Sie typische Begrüßungsformeln von Politikern, diese hier stammt demnach von Helmut Kohl. Von Beust: Ja, das war damals schon komisch, heute würde das keiner mehr verstehen. Politiker heute versuchen sich dann lieber in regionalen Formeln wie Moin, Tach oder meinetwegen Servus, um Nähe zu suggerieren. Oder aber man sagt möglichst überschwänglich: ‚Ich grüße Sie!‘ Das wird gern genommen, wenn man sich nicht mehr an den Namen des Gegenübers erinnern kann. WAMS: Ich würde gern mit einer Erinnerung weitermachen. Damals waren Sie noch CDU-Fraktionschef und Oppositionsführer in Hamburg. Es war ein Sonntag, Parteitag, Sie hatten etwas Provokantes gesagt – ich rief Sie an, fragte: „Wie meinen Sie das?“ Und Sie antworteten sinngemäß: „Ach, das ist typisches Parteitagsgeklingel.“ Haben Sie schon früh gelernt, wie Sprache in der Politik funktioniert – als Werkzeug, Mechanismus, auch als Ritual? Von Beust: Absolut. Sprache hat mich immer fasziniert – Reden, Rhythmus, Tonlage. Das kommt sicher auch von zu Hause: Mein Vater war sprachbegabt, las und rezitierte Gedichte, Morgenstern und andere. Wir machten daraus ein Spiel – er las eine Zeile vor, die nächste nur halb, und ich musste ergänzen. Später gab es an der Schule einen Rhetorikkurs. Nach meiner ersten Rede zu dem absurden Thema ‚Die Gefahr der Karies für die abendländische Kultur’ sagten manche: „Du musst Politiker oder Pastor werden, du kannst so gut reden.“ Da habe ich gemerkt: Das liegt mir, und es macht mir Freude. WAMS: Nun erscheint Ihr Buch über Politikerfloskeln. Sie sind seit einiger Zeit raus aus dem operativen Betrieb, waren insgesamt „nur“ 17 Jahre Berufspolitiker – verglichen mit anderen gar nicht so lang. Warum also gerade jetzt dieses Buch: Appell, Bestandsaufnahme, Warnung? Von Beust: Die Idee trage ich länger mit mir herum. Vielleicht bin ich im Laufe der Jahre sensibler – oder pingeliger – geworden. Es gab immer wieder Begriffe, die mich irritierten: Warum sagt ein Kanzler „Wumms“, „Doppelwumms“ oder gar „Bazooka“? Warum heißt es „ich bin betroffen“ statt schlicht „ich bin traurig“? Das hat sich kumuliert. Vor etwa zwei Jahren reifte der Plan, das aufzuschreiben. Seitdem höre ich genauer hin – und stolpere über Neuschöpfungen wie „verbeitragen“, kürzlich in einer Debatte, ob etwa Mieteinnahmen als beitragspflichtige Grundlage fürs Gesundheitswesen herangezogen werden sollen. Manchmal wünschte ich, man bekäme solche Wortungeheuer einfach wieder aus dem Verkehr. WAMS: In Ihrem Buch schreiben Sie: Jede Zunft hat ihren Jargon. Der Unterschied in der Politik ist, dass sie sich an die Allgemeinheit wenden und von ihr legitimiert werden muss. Sprache ist da Beziehungspflege – aber auch Simulation. Warum ist das so? Von Beust: Weil Politik zwischen Problemanalyse und Umsetzung oft Jahre braucht. Das wurmt die Leute – zu Recht. Um diese Zeitlücke zu überbrücken, neigt die Politik zu besonders plastischer, manchmal pathetischer Sprache. Sie muss Aktivität zeigen, wo es faktisch noch keine Ergebnisse gibt. Dann kommen die berühmten 11‑Punkte, 20‑Punkte, „Sofortprogramme“. Sprache wird zum Stellvertreter der Tat. WAMS: Hat das zugenommen? Oder sprachen Helmut Schmidt, Willy Brandt, Franz Josef Strauß früher wirklich klarer? Von Beust: Die Politik ist exekutiver, technokratischer, auch pseudojuristischer geworden. Früher prägten Persönlichkeiten mit großer Lebenserfahrung den Ton – Brandt, Strauß, Kohl; später auch Schröder. Heute reden viele Spitzenpolitiker wie Spitzenbeamte. Dazu kommt: Wer emotional argumentiert, riskiert im Zeitalter sozialer Medien sofort Shitstorms. Also baut man sich einen sprachlichen Schutzpanzer. Ich fürchte, Figuren wie Strauß oder Wehner hätten heute wegen der skandalisierungsfreudigen Empörungsindustrie eine Halbwertszeit von sechs Monaten. WAMS: Sie kritisieren eine akademisch klingende, „verwissenschaftlichte“ Sprache – die kann häufiger links verortet werden, da wird für die eigene Basis gesprochen, die auch Soziologie studiert hat. Ist das mehr als ein Stilproblem? Von Beust: Ja. Historisch speist sich das links oft aus einer marxistischen Tradition, die politische Überzeugungen als Wissenschaft ausgab. Wer DDR-„Politische Lektionen“ liest, findet Pseudowissenschaft an jeder Ecke: Die Geschichte folge naturgesetzlichen Gesetzen. Wenn heute Meinungen als wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert werden – nicht diskutierbar, gewissermaßen unfehlbar –, schalten Menschen ab. Das provoziert Gegenreaktionen. Ich halte das für einen der Gründe, warum rechte Bewegungen in Europa und den USA Zulauf bekommen: als Reflex auf Anmaßung, nicht auf Argumente. WAMS: Donald Trump als radikale Gegenbewegung – grob, schlicht, oft nachweislich falsch. Und doch erfolgreich? Von Beust: Seine Anhänger stört das Lügenhafte weniger, weil sie glauben: „Die anderen lügen ja auch.“ Trumps Stil ist die demonstrative Vereinfachung als Gegenentwurf zur hochtheoretischen politischen Sprache. In Deutschland ist diese Grobheit weniger verbreitet. Aber man merkte bei Olaf Scholz, als er sehr verwaltungsdeutsch sprach, wie Menschen reagieren: Sie spüren, wenn Sprache Schwächen übertünchen soll. WAMS: Wie groß ist dabei die Mitverantwortung von Medien? Auch wir Journalistinnen und Journalisten hängen im Räderwerk, übernehmen Begriffe, reproduzieren Logiken. von Beust: Natürlich. Professionelle Politikberichterstattung ist Teil des Systems – und übernimmt dessen Sprachcode. Manchmal merkt man gar nicht, wie man Begriffe verstärkt, die man eigentlich erklären müsste. WAMS: Nehmen wir Begriffe wie „Remigration“. Erst zirkulieren sie in engen Zirkeln, dann werden sie breit diskutiert – und normalisieren sich so. Warum ist das gefährlich? Von Beust: Weil harmlos klingende Worte Inhalte verkleiden. „Remigration“ klingt soziologisch neutral, soll aber – so wie es von bestimmten Gruppen verwendet wird – heißen, dass Menschen, die nicht deutschstämmig sind, auch gegen ihren Willen das Land verlassen sollen, selbst wenn sie nichts verbrochen haben. Das ist ein Sprachtrick: Verschleierung statt Debatte. WAMS: Viele Politiker sind nicht aus einem Fach in die Politik gegangen, sondern lernen die Fächer in der Politik. WAMS: Entsteht daraus der Drang, mit Fachsprache Kompetenz zu markieren? Von Beust: Genau. Man sah es nach Russlands Überfall auf die Ukraine: Plötzlich wurde auch von Grünen über Panzertypen und Sprengköpfe doziert. Während Corona argumentierten viele mit Inzidenzkurven, ohne wirklich medizinisch geschult zu sein. Das merken die Leute – da stimmt das Verhältnis von Wissen, Zweifel und Ton nicht. WAMS: In Ihrem Buch führen Sie „Zungenschleicher“ auf – Formeln, die sich unbemerkt einschleichen. „Am Ende des Tages“ zum Beispiel. Von Beust: Ich habe mich dabei selbst ertappt. Es gibt ja Alternativen: „am Ende“, „letztlich“, „schließlich“. Aber „am Ende des Tages“ klingt so schön weich, nach Rotwein und Abendsonne. Ähnlich „vom Ende her denken“ – das war bei Angela Merkel ein Denkmuster, nicht bloß eine Floskel. Entscheidend ist, ob ein Ausdruck etwas erklärt – oder nur betäubt. WAMS: „Chefsache“ – auch so ein Beruhigungswort? Von Beust: Meistens ja. Wenn ein Problem groß wird, ruft man „Chefsache!“ Das nimmt Druck, ändert aber an Zuständigkeiten und Verfahren nichts: Ressorts, Ausschüsse, Parlamente bleiben. Ich erinnere mich an den harten Winter 2010 in Hamburg, da wurde Schneeräumen für mich zur „Chefsache“ – Regeln prüfen, Zuständigkeiten klären. Es klingt nach Allmacht – die es in der Politik nicht gibt. WAMS: Wie kann man gegen Nebelkerzen und Zungenschleicher am besten vorgehen? Von Beust: Jeder kann anfangen – mit Disziplin und Vorbildern. Verteidigungsminister Boris Pistorius ist ein gutes Beispiel: ruhige, knappe Sprache, mit einem Schuss Selbstironie. Er ist sehr beliebt, obwohl er politisch nun auch keine Bäume ausreißt. Oder Angela Merkel: ob man sie mochte oder nicht, sie blieb sprachlich zurückgenommen – und war sehr lange beliebt. Zurückhaltung erzeugt Kompetenzvermutung. Das lässt sich lernen. WAMS: Die Welt ist komplexer geworden, der Druck zur schnellen Reaktion größer. Manchmal wirkt Sprache wie ein Mantel für Hilflosigkeit. Von Beust: Und manchmal wäre es klüger, nicht sofort zu reagieren. Eine Nacht darüber schlafen, dann sagen, was man wirklich weiß – statt den ersten, klickstärksten Satz zu haben. Das wäre gut für die Sprache und für die Substanz. WAMS: Bevor wir „In Hamburg sagt man Tschüs“ sagen – eine persönliche Frage: Sie sind vergangenes Jahr 70 geworden. Ich habe Sie immer als grundoptimistischen Menschen erlebt. Fällt Ihnen das heute schwerer? Von Beust: Persönlich bin ich optimistisch. Insgesamt ist es schwieriger geworden. Aber ich glaube, die Menschen sind vernünftiger, als viele denken – und bereit, Unangenehmes zu akzeptieren, wenn man es klar und ehrlich sagt. Es gibt eine Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit: Probleme benennen, Wege beschreiben, nicht drum herumreden. Insofern passt das Buch ganz gut in die Zeit – als Einladung, weniger zu verschleiern und mehr zu sagen, was ist. Zur Person: Der Jurist Ole von Beust, 70, führte die CDU 2001 überraschend mithilfe der Schill-Partei ins Rathaus und amtierte dort bis 2010 als Erster Bürgermeister; zuvor kämpfte er als CDU-Fraktionschef in der Bürgerschaft vehement gegen die SPD-Vorherrschaft an. Er trat nach dem Scheitern der Schulreform von seinem Bürgermeister-Amt zurück. Heute arbeitet Ole von Beust als Rechtsanwalt in Hamburg und ist Gründer der Strategie- und Kommunikationsberatung von Beust & Coll.