Welt 12.01.2026
13:23 Uhr

Speed-Dating op Platt, mit gerade richtig dicken Menschen im besten Alter


Autor Marc Becker führte bei seinem Stück „Kribbeln in‘n Buuk“ selbst Regie und zaubert mit Ohnsorg-Allstars einen so komisch wie berührenden Abend auf die Bühne am Heidi-Kabel-Platz. Die Komödie wirft Fragen auf, auf die sie zum Glück keine Antworten gibt.

Speed-Dating op Platt, mit gerade richtig dicken Menschen im besten Alter

Wer einen Kaiserpinguin nachäfft beziehungsweise nachpinguint, wirkt selbst im Biologie-Unterricht komisch. Noch viel komischer allerdings gerät die Darstellung, wenn Hausmeister Gabor Nordermann (Oskar Ketelhut) und Zoofachhändlerin Sabine Walter (Birthe Gerken), zwei Menschen in den besten Jahren, dazu den Paarungsruf des flugunfähigen Vogels ausstoßen und beim Speed-Dating aufeinanderzuwatscheln. Dabei wollte Sabine mit der Piguinnachmachaktion nur ein Date zuvor den Mathematiker Klaus Siemer (Till Huster) abschreckend aufs Glatteis führen, wobei ihr Schrei allerdings so laut geriet, dass auch Gabor im Nebenraum ihn nicht überhören konnte. Kennenlernen: Leichter gesagt als getan Das Speed-Dating der Kandidaten, die allesamt schon eine oder mehrere Beziehungen, Ehen oder Partnerschaften hinter sich haben, führt im Stück „Kribbeln in’n Buuk“ („Der Himmel voller Geigen“) von Marc Becker (der selbst Regie führte) mit einem Sextett der Ohnsorg-Allstars zu anrührend-komischen Kennenlernsituationen. Auch die Zahnärztin in Rente Rosi Zapp (Beate Kiupel), die ehemalige Reisekauffrau Wilma Löwe (Meike Meiners) und der Ex-Polizist Udo Lotter (Robert Eder) sind auf der Flucht vor der Einsamkeit. Veranstalter des Abends ist ein junges Paar, aus dem vielleicht keins werden wird, wenn beide zu schüchtern bleiben. Frauke (Laura Uhlig) und Manfred, genannt „Manni“ (Johannes Kalle Schäfer) himmeln einander zwar an, wie den älteren Kunden auffällt, daraus folgt aber erstmal nichts. Der Reiz des Abends resultiert neben der Komik aus zwei Entwicklungen: Zum einen lernen alle sechs Kandidaten schnell, mit dem Druck des Speed-Datings umzugehen, werden von Mal zu Mal lockerer. Zum anderen wächst die Selbstdarstellung der allesamt leicht schrägen und doch liebenswerten Typen leicht ins Peinliche, was wiederum den Komikfaktor steigert. So war der Polizist offenbar Verkehrspolizist und hatte im Berufsleben viel mit Falschparkern zu kämpfen, beim Dating raunt er allerdings gern, kaum hat er die Sprache wiedergefunden, er sei Profiler gewesen. Hausmeister Gabor hat sich einen Merkzettel für das Gespräch mit Sabine in die Socke gesteckt, weiß allerdings nicht mehr, in welche. Klaus baggert zwischen seinen Dating-Sessions immer mal wieder Frauke an und stößt mit seinen wohlkalkulierten Fragen als Mathematiker nicht immer auf spontane Zuneigung. Und falls den Menschen doch mal der Gesprächsstoff ausgeht: Da liegen noch Karten mit möglichen Fragen und Themen auf dem Tisch, zur Anregung. Gottesanbeterin hofft auf ein Wiedersehen Wilma Löwe macht ihrem Nachnamen alle Ehre und stürzt sich in die Begegnungen mit den fremden Herren. Nur bei Udo, ganz am Anfang, geht für beide alles schief. Keine/r von beiden bringt ein Wort raus. Sabine war dreimal verheiratet und steuert neben Pinguinwatscheln weitere Paarungsrituale aus der Zoologie bei, wobei sowohl die Gottesanbeterin („beißt dem Männchen den Kopf ab“) als auch die Schwarze Witwe („frisst das Männchen auf“) als Beispiele für glücklich endende Beziehungen gelten dürfen. Rosi ist eher einfühlsam und tapfer. Sie überwindet sich immer wieder selbst, statt aufzugeben. Die Männer wirken, wie im wirklichen Leben, sozial durch die Bank inkompetenter als die Frauen und gleichen das durch Verdrängung locker wieder aus. Das führt dazu, dass auf den Abschlusszetteln, auf denen die Kandidaten ankreuzen können, wen sie wiedersehen wollen, viele Kreuze stehen, wie Manni anerkennend feststellt. Offenbar war das Speed-Dating ein voller Erfolg. Das mag auch daran gelegen haben, dass alle Plattdeutsch miteinander sprechen konnten, das ist doch schon mal eine solide Gemeinsamkeit, auf die sich aufbauen lässt – wenn diese Tatsache auch im Stück selbst komischerweise nicht thematisiert wurde. „Kribbeln in‘n Buuk. Der Himmel voller Geigen“, Termine bis 15. Februar