Welt 27.01.2026
06:37 Uhr

So wird mit KI der Holocaust verfälscht


Gegenwärtig fluten frei erfundene „Fotografien“ zu zeithistorischen Themen, vor allem NS-Verbrechen, die sozialen Medien. Zahlreiche Gedenkstätten warnen in einem Offenen Brief vor vermeintlichen Situationen in Konzentrationslagern.

So wird mit KI der Holocaust verfälscht

Uniformierte Bewaffnete treiben eine Gruppe Frauen und Kinder durch die schmale Gasse. Man erkennt an den Fassaden Stacheldraht; die Gesichter der Zivilisten sind erschöpft, ihre Blicke wirken düster. Ein eindrucksvolles Bild, das die Räumung des Gettos von Vilnius (verlinkt auf https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/s2-1.html) im August und September 1943 zeigen soll. Aber eben nicht zeigt, denn das Schwarz-Weiß-Foto ist eine Fälschung. „In den Sozialen Netzwerken tauchen in den letzten Monaten immer mehr massenhaft mit Künstlicher Intelligenz erstellte Inhalte mit Bezug zum Nationalsozialismus auf, die keine historischen Ereignisse abbilden, sondern frei erfunden sind“, heißt es in einem jetzt publizierten Offenen Brief (verlinkt auf https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/nachrichten/offener-brief-konsequentes-vorgehen-gegen-ki-generierte-holocaust-verfaelschungen-auf-social-media-plattformen/) aller relevanten deutschen Gedenkstätten: „Diese umgangssprachlich als AI-Slop bezeichneten Inhalte zeigen beispielsweise vermeintliche Situationen in nationalsozialistischen Lagern oder bei deren Befreiung.“ Es gibt angebliche Aufnahmen sogenannter Appelle in Konzentrationslagern oder von der Ankunft deportierter Menschen am Tor von Auschwitz-Birkenau (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article161548437/Holocaust-Gedenktag-Die-moerderischen-Zahlen-von-Auschwitz.html) . Detailliert sieht man auf solchen Visualisierungen, wie SS-Leute Männer, Frauen und Kinder in die Schlucht von Babi Jar (heute in Kiew, im Herbst 1941 an dessen Stadtrand) führen, um sie dort zu erschießen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article158435562/Babyn-Jar-Massaker-Tausendfacher-Mord-als-Alltag-und-Belustigung.html) . Und nicht nur das: Auf einmal kann man – scheinbar – der jungen Anne Frank zuschauen, wie sie an einem Tisch im Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263 (verlinkt auf https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vorderhaus/prinsengracht-263/) in Amsterdam in ihr Tagebuch schreibt. Nur wer sich sehr gut mit den dortigen Räumlichkeiten auskennt, stutzt: Einen Raum mit so einem Fenster gibt es dort nicht, vielmehr eher enge Kammern sowie den Dachboden mit schrägen Balken. Das Gesicht des Mädchens dagegen wirkt vertraut, ja echt. Kein Wunder, denn die KI-Bildmanipulation hat sich an tatsächlichen Porträts Anne Franks orientiert. Ein wesentlicher Unterschied zu den mindestens acht Spielfilmen über ihr (kurzes) Leben seit 1959 (verlinkt auf https://www.annefrank.de/anne-frank/filme-zu-anne-frank) , denn keine der jungen Schauspielerinnen konnte in dieser herausfordernden Rolle wirklich überzeugen. Nur einige Beispiele für eine potenziell sehr gefährliche technische Entwicklung. Charakteristisch für den Holocaust ist, dass nur äußerst wenige wirklich echte Fotos existieren. Den Tatort Babi Jar dokumentierte der Wehrmachts-Fotograf Johannes Hähle kurz nach den Massenmorden (und versteckte die Filme), aber nicht während der Erschießungen. Dieser Mangel an Bilddokumenten führte dazu, dass eine Reihe anderer, eher zufällig gemachter Aufnahmen von Mordaktionen fälschlich dem bekannteren Großverbrechen in der Schlucht bei Kiew zugeordnet wurden. Von Appellen in KZs gibt es jeweils eine Handvoll Aufnahmen aus den Lagern Dachau bei München (verlinkt auf https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/dels/historischer-ort/virtueller-rundgang/appellplatz/) , Sachsenhausen (verlinkt auf https://www.gdw-berlin.de/leichte-sprache/themen-bereiche/3-der-national-sozialismus/haeftlingsappell) bei Berlin, Buchenwald (verlinkt auf https://www.buchenwald.de/geschichte/historischer-ort/konzentrationslager/appellplatz) bei Weimar, Flossenbürg (verlinkt auf https://www.fr.de/assets/images/28/220/28220451-mit-dreiecken-gekennzeichnete-zwangsarbeiter-1942-im-steinbruch-des-konzentrationslagers-flossenbuerg-2taQj2Q456MH.jpg) in der Oberpfalz und Mauthausen (verlinkt auf https://i.ds.at/YRTgfg/c:1136:736:fp:0.504:0.492/rs:fill:615:0/plain/lido-images/2025/02/28/30595ecf-429f-464d-b49b-d953aa2167d3.jpeg) bei Linz – aber nicht aus Auschwitz, dem größten Lagerkomplex der SS. Dort entstand ein Album, das deportierte Menschen aus Ungarn bei ihrer Ankunft zeigt und kurz vor ihrem letzten Weg in die Gaskammern. Aus den reinen Mordfabriken im besetzten Ostpolen, Belzec (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article157036883/Holocaust-SS-Offizier-fand-Vergasung-der-Juden-humanste-Loesung.html) , Sobibor (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article247938920/Sobibor-Von-600-Aufstaendischen-ueberlebten-gerade-einmal-47.html) und Treblinka (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article180402390/Treblinka-1943-Als-die-SS-zum-Baden-fuhr-begann-der-Aufstand.html) , gibt es jeweils einige wenige Fotografien, die aber nicht das eigentliche Morden zeigen, sondern „nur“ die Bauten und ganz selten einmal einen der Bagger, die bei der Leichenbeseitigung verwendet wurden. Diesen für den Holocaust charakteristischen Mangel an visuellen Dokumenten unterlaufen die KI-generierten Fälschungen. Noch sind viele davon einigermaßen gut zu unterscheiden von echten Aufnahmen, weil sie eine (rein technisch betrachtet) brillante Qualität haben: Tiefenschärfe, Ausleuchtung und Perspektive wirken wie von Regisseuren und Kameraleuten sorgfältig inszeniert. Typisch für die wenigen echten Fotos des Judenmordes sind dagegen Unschärfen, oft schlechte Auflösungen durch das ja historische und nicht moderne Filmmaterial, bei verdeckt gemachten Bildern oft schräge Ausschnitte. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Aufnahmen entdeckt worden, die bisher der Öffentlichkeit und der Forschung unbekannt waren. Beispielsweise das Projekt „ Bildatlas last seen (verlinkt auf https://atlas.lastseen.org/) “ sammelt solche (nachweislich echten) Aufnahmen von Deportationen deutscher Juden „in den Osten“, in den meisten Fällen: in den Tod. Doch angesichts der neuen Möglichkeiten von Bildmanipulationen muss man noch genauer prüfen. Die Folgen dieser Technik sind erheblich: Aus dem Getto von Vilnius existiert nur eine Handvoll Aufnahmen; nur auf ganz wenigen davon wird die Brutalität des Rassenwahns spürbar, etwa wenn die Bretterwand am Eingang zu sehen ist. Wenn nun vermeintliche Fotos der „Evakuierung“ des Gettos (so einer der dafür in Akten der SS gebräuchlichen Begriffe) auftauchen, so verschiebt das die Wahrnehmung. Da die Bilder oft auf Instagram und anderen sozialen Medien verbreitet werden, und zwar fast immer ohne Hinweis auf die Herkunft aus KI-Programmen, löst sich das reale Grauen im Bewusstsein der Betrachter auf zu virtueller Beliebigkeit. Natürlich sind Bildmanipulationen nicht neu – es gibt sie, so lange wie Fotografie als Abbildung der Wirklichkeit existiert. Allgemein bekannt sind die Retuschen in sowjetischem oder kommunistischem Propagandamaterial, wenn dort inzwischen in Ungnade gefallene Funktionäre zu sehen waren: Sie wurden buchstäblich „ausradiert“, auch wenn manchmal ein Paar Füße versehentlich stehen blieb. Seltener gibt es ähnliche Beispiele auch aus nationalsozialistischem Kontext, etwa bei Fotos, die Hitler mit dem 1934 gestürzten und ermordeten SA-Stabschef Ernst Röhm zeigten. Erst kurz vor der Wende zum 21. Jahrhundert erreichten neue Techniken der elektronischen Bildverarbeitungen neue Qualitätsniveaus in der Manipulation visueller Informationen. 2005 strahlte der deutsche Sender RTL 2 „Die Verschwörung“ aus, einen Film des US-amerikanischen Discovery Channel über den Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944. Man sah die Ereignisse dieses Tages in qualitativ schlechten, aber noch nie zu vor gesehenen farbigen Bilder: Hitler direkt vor und direkt nach der Detonation in der Lagebaracke oder Stalin beim Schmusen mit seiner Haushälterin. Es waren künstlich verschlechterte aktuelle Szenen, in denen Schauspieler auftraten – deren Gesichter jedoch durch virtuell bewegte Versionen von Fotos der historischen Persönlichkeiten ersetzt wurden. So sah man niemals aufgenommene Bilder scheinbar „in echt“. Als WELT 2021 bislang unbekannte Fotos von Claus Graf Stauffenberg aus dem Frühsommer 1944 angeboten wurden, recherchierte diese Redaktion über etwa zehn Tage hinweg. Mit Unterstützung verschiedener Experten, vor allem des damaligen Leiters der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Johannes Tuchel, konnte die abgebildete Situation anhand eines unveröffentlichten, fraglos echten Tagebuchs eines Vertrauten bestätigt werden. Mehrere andere Anwesende von geringer bis gar keiner historischen Bedeutung erwiesen sich als eindeutig identifizierbar, einschließlich ihrer Rangabzeichen und Orden: Die Bilderserie war echt. Hinzu kam die nachvollziehbare Herkunft der Aufnahmen, in Fachsprache: die Provenienz – WELT veröffentlichte die Bilder. Was nun treibt diejenigen an, die das Netz mit KI-generierten Fälschungen von Bildern aus KZs und über die Judenverfolgung zu fluten? Da damit die Realität des Verbrechens nicht bestritten wird, ist eher unwahrscheinlich, dass es sich um Holocaust-Leugner handelt. Vermutlich geht es um Aufmerksamkeit und damit Reichweite, die wichtigste Währung in den sozialen Medien. Sie steigert erstens die eigene Bedeutung und lohnt vielfach sogar finanziell: durch bezahlte Werbung. Der Kollateralschaden für das Geschichtsbewusstsein ist jedoch enorm. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Hauptthemen zählen neben der DDR und dem Terrorismus der Nationalsozialismus und seine Verbrechen. Mit manipulierten historischen Fotografien befasst er sich seit Anfang der 1990er-Jahre immer wieder.