Schlau zu sein, ist einer Karriere in der Politik durchaus förderlich. Wer sich selbst aber für schlauer hält als alle anderen, stolpert mitunter genau darüber. Besonders, wenn Neid hinzukommt, vielleicht auch noch der ungestillte Rachedurst eines Konkurrenten. Genau das geschah Lothar Späth (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article153450481/Lothar-Spaeth-stand-fuer-goldene-CDU-Zeiten.html) , dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, am 13. Januar 1991. Am Mittag dieses Sonntages machten neue Enthüllungen über private Reisen die Lage für den Stuttgarter Regierungschef hoffnungslos. Zu den bereits seit dem 28. Dezember 1990 bekannt gewordenen Vorwürfen, darunter einem nie bezahlten Jachturlaub mit dem Chef des Zuffenhausener Elektronikkonzerns SEL in der Ägäis 1984, kamen nun noch Informationen über weitere gesponsorte, jedenfalls nicht selbst bezahlte Urlaube: einen anonymen Hotelaufenthalt in Malaysia und eine weitere Bootsreise in der Karibik nebst Hin- und Rückreise in einer gecharterten Concorde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article186871882/Luftfahrt-Erster-kommerzieller-Flug-der-Concorde.html) . Vor Beginn einer zweitägigen Klausur der Landes-CDU wurde nun klar, dass Späth die Kritik nicht länger durchstehen würde. Selbst in der Staatskanzlei, der Villa Reitzenstein (verlinkt auf https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/ministerium/villa-reitzenstein-und-park/) über dem Stuttgarter Talkessel, quittierten diskrete Strippenzieher die Frage, ob der Ministerpräsident im Amt bleiben werde, mit Schweigen. Noch bis zum Samstag hatten Durchhalteparolen dominiert, ob vom Präsidium der Christdemokraten im Südwesten oder von der regionalen Jungen Union. Doch die neuen Informationen über die sparsame Urlaubsgestaltung des „Cleverle“ Späth ließen die Basis rumoren. Unverständnis für seine Reisetätigkeit auf Kosten anderer wurde selbst bei seinen bisher treuen Unterstützern unüberhörbar. Ein Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordneter ließ die Bemerkung durchsickern, es werde eine „neue Lage“ entstehen, falls es dem Ministerpräsidenten nicht gelinge, die Vorwürfe gegen ihn „rückhaltlos aufzuklären“. Da Späth nach WELT-Informationen bereits in den Tagen zuvor mindestens zweimal an Rücktritt gedacht hatte, am Dreikönigstag und am Morgen des 10. Januar, war die Entscheidung unausweichlich: Die Angst vor einem Machtvakuum und „innerparteilichen Verwerfungen“ verlor an Gewicht gegenüber dem Unbehagen über die Reiseaffäre. In seiner Rücktrittserklärung am Sonntagnachmittag ging der 53-jährige Späth auf die Vorwürfe ein, er stehe für eine allzu große Nähe von Politik und Wirtschaft: „Seit mehr als zwölf Jahren bin ich als Ministerpräsident bemüht, dem Wohle des Landes Baden-Württemberg zu dienen. Dabei war ich immer bestrebt, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zusammenzuführen, um damit das Land nach vorne zu bringen. Diese Politik war erfolgreich.“ Das ließ sich in der Tat kaum bestreiten: Baden-Württemberg, schon in der Amtszeit seines Vorgängers Hans Filbinger (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article240324549/Hans-Filbinger-Er-stolperte-ueber-den-Satz-Was-damals-Recht-war.html) 1966 bis 1978 ein Boomland, hatte sich unter Leitung von Späth noch einmal wesentlich vorwärts entwickelt. Zwischen 1950 und 1990 hatte sich das Bruttoinlandsprodukt inflationsbereinigt versiebenfacht. Treiber waren einerseits Großkonzerne wie Daimler-Benz und Porsche, SEL und Bosch. Andererseits und vor allem aber eine Fülle von meist größeren Mittelständlern, die auf schmalen, aber wichtigen Segmenten des Weltmarktes mit ihren Produkten dominierten. Späth, hieß es in der Erklärung weiter, habe sich „von der Erfahrung und Überzeugung leiten lassen“, dass eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik „ein enges, engagiertes und persönliches Zusammenwirken aller Beteiligten“ erforderte. „Meine politische Unabhängigkeit war dabei zu keinem Zeitpunkt betroffen“, betonte er. Durch eine politisch motivierte Kampagne sei der Eindruck einer Verquickung privater und öffentlicher Interessen hervorgerufen worden. Späth räumte ein, dass ihm „das eine oder andere ungeschickte Verhalten“ vorgeworfen werde. Jedoch habe es nie „Abhängigkeiten oder die Suche nach persönlichen Vorteilen“ gegeben. Manche Koinzidenz warf jedoch ein schlechtes Licht auf den Vorgang. So hatte SEL 1984 den Auftrag der Landesregierung bekommen, alle baden-württembergischen Landesbehörden mit Faxgeräten auszustatten – davor hatte der Konzernchef den Ministerpräsidenten eingeladen. Oder, ein anderer Fall, den der Regierungssprecher gegenüber WELT bestätigte: Die Reise in die Karibik sei vom Käufer des bankrotten Luxushotels Bühlerhöhe (verlinkt auf https://www.welt.de/reise/gallery8098361/Ein-Schlosshotel-mit-Tradition-macht-zu.html) bei Baden-Baden bezahlt worden. Ob das Land dabei zu wenig erlöst habe, konnte nicht nachgewiesen werden. Lothar Späth, geboren 1937 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Sigmaringen, hatte sich ohne Abitur vom Verwaltungsbeamten im mittleren Dienst zum Bürgermeister von Bietigheim hochgedient. 1968 zog er in den Stuttgarter Landtag ein; nebenbei führte er 1970 bis 1974 die Geschäfte des gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmens Neue Heimat in Baden-Württemberg. Seit 1972 CDU-Fraktionschef im Landtag und anschließend Innenminister, trat er im August 1978 die Nachfolge des über seine Vergangenheit als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg gestürzten Filbingers an. Mit 40 Jahren war Späth der jüngste Ministerpräsident der Bundesrepublik. Dreimal hintereinander holte er bei Landtagswahlen die absolute Mehrheit, obwohl im Südwesten sowohl Liberale wie Rechtskonservative so stark wie nirgends sonst in der Bundesrepublik waren. Diese großen Wahlerfolge in Baden-Württemberg ließen ihn Ende der 1980er-Jahre als ernsthaften Anwärter auf die Kanzlerschaft erscheinen. Und damit als Konkurrenten von Helmut Kohl. Doch beim Bremer CDU-Parteitag 1989 vermied Späth die offene Herausforderung des schwächelnden Bundeskanzlers, wozu ihn der langjährige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler drängte. Die Delegierten verwehrten Späth daraufhin den Einzug ins Parteipräsidium; Geißler wurde durch Völker Rühe ersetzt. Danach gelang es dem Ministerpräsidenten immerhin, trotz gelegentlicher Tiefschläge aus Bonn seine Position in Stuttgart zu konsolidieren. Der Verdacht, dass Kohl Rache wollte, ließ sich nie widerlegen. Die „Traumschiff“-Affäre war schließlich zu viel. Die Nachricht über Späths Rücktritt erreichte die CDU-Spitze in Bonn während der Koalitionsverhandlungen mit der FDP nach der ersten gesamtdeutschen Wahl (verlinkt auf https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/1990.html) . In Parteikreisen hieß es, Kanzler und Generalsekretär seien „betroffen“; man habe mit Späths Abgang nicht ernsthaft gerechnet. Eine Krisensitzung der CDU-Parteigremien galt gleichwohl als nicht erforderlich. Nachfolger als Ministerpräsident wurde Erwin Teufel, der wie Späth vor ihm der Fraktionsvorsitzende der baden-württembergischen CDU war. Fünf Monate nach seinem Rücktritt fand Späth eine neue Tätigkeit: Im Juni 1991 wurde er Geschäftsführer der Jenoptik GmbH in Jena, dem Rechtsnachfolger des VEB Carl Zeiss. In den kommenden sieben Jahren baute er dieses Unternehmen um zur Jenoptik AG (verlinkt auf https://www.jenoptik.de/) – einer der wenigen Fälle, in denen ein ehemaliges DDR-Kombinat sich dauerhaft auf dem Weltmarkt etablierte. Bis kurz vor seinem 65. Geburtstag leitete er den Vorstand der Jenoptik AG, dann endete im Juni 2003 sein Vertrag. Über ähnliche Vorwürfe wie Lothar Späth stolperte gut zwei Jahrzehnte später übrigens auch Bundespräsident Christian Wulff (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/christian-wulff/) . Spätestens damit war und ist klar: Politiker müssen extrem zurückhaltend sein, was Einladungen angeht, denn das Skandalpotenzial ist erheblich. Private Ausgaben clever zu vermeiden, ist für gewählte Amtsträger in der Regel alles andere als schlau. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.